Leseprobe "Tödliche Ruhe"

Leseprobe "Tödliche Ruhe"

Der dritte Band der Romantic-Fantasy-Reihe "Cursed Ones"

Kapitel 1

 

 

Der Gemeinschaftsraum im Herzen des Hochhauses war erfüllt mit einem dichten Teppich aus unterschiedlichen Aromen. Wie eine Decke legten sie sich um Vikas Schultern, als sie eintrat, und sie atmete tief ein. Da waren Ghee, Kurkuma, Ingwer, Knoblauch und ein Hauch von Zimt.

»Hi Vika!«, rief Elea von der Küchenzeile aus und winkte ihr zu, ehe sie sich wieder dem Gemüse vor sich auf der Arbeitsplatte widmete.

»Hi ihr drei«, grüßte Vika. Sie trat tiefer in den gemütlichen Raum hinein und setzte sich auf einen der Barhocker, um Elea, Lawrence und Dante bei der Arbeit zu beobachten. »Was gibt’s zum Mittagessen?«

»Kichererbsen-Gemüse-Curry«, antwortete Lawrence. Er schwenkte eine Pfanne mit Zwiebeln.

»Ist das ein neues Rezept für das Crown & Clover

»Nein, ich habe darum gebeten«, sagte Dante. »Ich habe letzte Woche Lawrence von meiner Zeit in Indien erzählt und habe dabei wohl so viel über das Essen dort geschwärmt, dass er Mitleid mit mir hatte.«

Elea schnaubte belustigt. »Du hättest einfach direkt fragen sollen, ob er für dich kocht. Ich habe mich beinah geschämt, wie passiv-aggressiv du einen Hinweis nach dem anderen in seine Richtung geworfen hast.«

»Als ob du besser wärst! Es ist noch nicht so lange her, da musste Lawrence eine LammTajine kochen, damit du endlich Ruhe gibst.«

»Gar nicht!«, empörte sich Elea und warf mit einem Küchentuch nach Dante. Der fing es auf und widmete sich wieder den Kartoffeln. Vor sich hin grummelnd schnitt Elea mit mehr Kraft als nötig eine Karotte entzwei.

»Hier, bitte schön.« Mit diesen Worten hielt Lawrence Vika ein Glas mit Mango-Lassi entgegen.

»Danke.« Sie stießen an und Vika nippte an dem kühlen Getränk. Anschließend nickte sie in Richtung ihrer beiden Freunde. »Wie hältst du es mit den beiden aus?«

»Sehr gut«, erwiderte Lawrence, dabei sah er zu Elea und Dante, ein warmes Lächeln auf den Lippen. »Sie sind gar nicht so schlimm. Glaub mir, ich habe schon mit weitaus destruktiveren Teams in der Küche gestanden. Und es hilft, dass beide gut mit Messern umgehen können.«

Vika lachte. »Das glaube ich dir sogar. Du hast dich wirklich sehr gut in unsere verrückte Gruppe integriert.«

»Ihr habt es mir auch einfach gemacht«, antwortete er lächelnd. »Danke dafür, auch im Namen von Kiska. Wobei ich glaube, dass meine liebe Cousine euch mit ihrer eigenen Love Language deutlich genug zeigt, wie sehr sie euch mag.«

Wärme breitete sich in Vika aus. »Ja, das tut sie.«

»Haben die neuen Räucherkräuter geholfen?«

»Nicht so, wie Kiska es beschrieben hat.« Tief seufzte Vika und stellte ihr Glas ab. »Der Geruch war aber beruhigend und ich habe leichter in meine Meditation gefunden. Einen Versuch war es wert.«

»Hm«, brummte Lawrence. Er sah aus, als wollte er noch mehr sagen, doch dann lächelte er nur und ging zurück an den Herd.

Während sie weiter ihren Lassi trank, beobachtete sie ihre Freunde beim Kochen. Lawrence erinnerte sie ein wenig an sie selbst, wenn sie die Einsätze ihrer Gruppe koordiniert hatte – natürlich in einem sehr viel friedlicheren Setting.

Zudem war es mehrere Jahrzehnte her, seit sie zu viert in irgendwelchen Krisenherden mitgemischt hatten. Die zunehmende digitale Überwachung machte es schwer, dauerhaft unerkannt zu bleiben. Zumal es jetzt, da Van und Elea nicht länger von ihren Flüchen am Leben gehalten wurden, einfach ein zu großes Risiko darstellte, sich mitten in Gefahrenzonen zu begeben.

Der Gedanke sorgte dafür, dass sich Vikas Magen zusammenzog.

Seit Eleas Erlösung waren acht Wochen vergangen und obwohl sie noch nicht offen darüber gesprochen hatten, wusste Vika ganz genau, dass die Hexe und der Hexer im Hintergrund alles daransetzen, auch Dante und Vika von ihren Flüchen zu befreien. Dabei wussten sie alle sechs, dass diese Lösung sehr wahrscheinlich zwei weitere paranormale Talente bedurfte. Dumm nur, dass Vika diesen Leuten gegenüber weiterhin skeptisch war und Dante aufgrund seines Fluchs die nötige Emotionalität fehlte, um sich zu verlieben. Nur sprach das noch niemand von ihnen gegenüber den beiden laut aus.

Vika stand auf und deckte den Tisch.

 

Eine halbe Stunde später betraten Van und Kiska den Gemeinschaftsraum und setzten sich zum Essen. Vika fand sich zwischen ihrem Bruder und Dante wieder. Mit den sich überschneidenden Öffnungszeiten von Kiskas Blumenladen und Lawrence’ Restaurant war es nicht einfach, alle an einen Tisch zu bekommen. Umso schöner, wenn es wie an diesem Tag klappte.

»Guten Appetit«, wünschte Lawrence, reichte Naan herum und jeder schöpfte sich Curry auf den Teller. 

Vika riss ein Stück Brot ab, tunkte es in die Soße und aß es. Das Curry war cremig, die Gewürze verbanden sich zu einer scharf-würzigen Sinfonie und schmeckten eindeutig nach mehr.

Ein klein wenig vermisste Vika es, die Aromen für Elea zu beschreiben. Nicht genug jedoch, um die Geste gegen den seligen Gesichtsausdruck ihrer Freundin einzutauschen, als diese sich den ersten Löffel in den Mund schob. Die Augen geschlossen, die Mundwinkel leicht nach oben gezogen, seufzte Elea glücklich.

Die ersten Momente aßen sie schweigend, nur leises, zufriedenes Murmeln war am Tisch zu hören.

Vika wischte sich mit der Serviette über den Mund und griff nach ihrem Wasserglas. »Ich habe heute meine Flüge nach London und Edinburgh gebucht«, verkündete sie. »Nächsten Samstag geht es los.«

»Wegen der Computerfirma, von der du erzählt hast?«, fragte Van.

»Softwarefirma«, korrigierte Vika, nickte dann aber. »Aber ja, wegen dieser Firma. Ich will mir die Büros anschauen, bevor ich unterschreibe. In Schottland will ich eine Reederei besichtigen.«

Dante griff nach der Reisschüssel. »Wie lange bleibst du drüben?«

»Eine Woche.«

Kiska setzte sich aufrechter hin. »Dann hast du ein wenig mehr Zeit? Oder ist die ganze Woche voll mit geschäftlichen Terminen?«

»Nein, ich habe etwas Freizeit eingeplant. Allerdings bin ich nur zwei Tage in London, den Rest dann in Edinburgh. Warum? Brauchst du etwas?«

»Nein, aber danke. Unsere Familie lebt in London«, sagte die Hexe und warf ihrem Cousin dabei einen kurzen Blick zu. »Lawrence und ich hatten darüber gesprochen, ob du sie nicht besuchen solltest.«

Vika runzelte die Stirn und legte ihr Besteck ab. »Warum das?«

»Um über deinen Fluch zu sprechen, natürlich. Telefon und Textnachrichten alleine können keine Energien übermitteln und Grandma meinte, dass sie ein besseres Gefühl für eure Flüche bekommen könnte, wenn sie euch persönlich trifft.«

»Ich halte das für eine gute Idee«, sagte Van.

Vika sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an und ihr jüngerer Bruder verstand die Botschaft sofort – kannten sie sich doch am längsten.

Er grinste. »Ja, ich habe mit Kiska schon darüber gesprochen und ich habe nur noch auf eine passende Gelegenheit gewartet, um das Thema bei dir anzusprechen.«

Tief atmete Vika ein und wieder aus. Anschließend wandte sie sich an Kiska und bemühte sich um ein warmes Lächeln. »Versteht mich nicht falsch, aber ich habe kein Interesse daran, einen Hexenhaushalt zu besuchen.«

»Ich verstehe, was du meinst, aber so ist unsere Familie nicht. Niemand wird versuchen, dir Haare oder Blut zu stehlen.«

»Wenn Großtante Mabel da ist, würde ich meine Hand dafür nicht ins Feuer legen«, sagte Lawrence mit einem schiefen Grinsen, woraufhin Kiska ihm einen bösen Blick zuwarf und Elea ihn mit dem Ellenbogen anstieß.

»Mabel wird nicht da sein«, betonte Kiska, dann wandte sie sich wieder an Vika. »Es kann doch nicht schaden, sich ein wenig mit ihnen zu unterhalten, wenn du ohnehin in der Nähe bist. Meine Eltern und meine Großmutter würden dich wirklich gerne kennenlernen. Ich würde selbst fliegen, wenn der Laden mich im Moment nicht so beanspruchen würde.« Kiska lächelte und sagte zu Dante: »Vielleicht solltest du sie begleiten.«

Dante schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber ich passe.«

»Warum?«, fragte Elea. »Du hast doch kein Problem mit paranormalen Talenten.«

»Daran liegt es auch nicht. Ich will mich mit einem Bekannten in Montana treffen, ich warte nur noch auf seine Zusage.«

»Und wann hattest du vor, uns davon zu erzählen?«, wollte Van wissen, ehe er nach dem Naan griff.

Dante zuckte mit der Schulter und wechselte das Thema. »Ich sehe außerdem nicht ganz, was eine Unterhaltung mit eurer Familie über die Flüche bewirken soll. Bei Van und Elea hat sich doch gezeigt, dass die Flüche sich nur auf eine Art lösen lassen.«

»Aber vielleicht triffst du ja jemanden in London, der oder die …«, begann Kiska, doch kam nicht weiter.

»Nein«, sagte Dante sanft, aber bestimmt. »Ihr vergesst, dass ich im Gegensatz zu den drei anderen in den letzten Jahrzehnten regelmäßig in paranormalen Gesellschaften ein- und ausgegangen bin. Ich hatte auch genügend Affären und keine davon hatte auch nur einen ähnlichen Effekt auf mich wie Kiska bei Van oder Lawrence bei Elea. Ich denke, wir wissen alle, warum.«

Die Stille, die sich nach Dantes Worten über sie alle legte, verwandelte das Essen in Vikas Magen in Blei. Sie trank einen Schluck Wasser, doch auch der wollte kaum ihren Hals hinunter. Zu genau erinnerte sie sich an die Gespräche, tief in der Nacht und mit viel zu viel Alkohol, die sie zu viert geführt hatten. Getrennt von der Hexe und dem Hexer, die sie alle auf unterschiedliche Art und Weise in ihr Herz geschlossen hatten, und die aber nicht begreifen konnte, welche Last die Jahrhunderte darstellten. Wie aussichtslos die Situation vor allem für Dante war.

Vika verstand ihren Bruder ohne Blut nur zu gut, dass er ausgerechnet jetzt wieder eine seiner Reisen unternehmen wollte. Fort von der Erinnerung, dass seine Erlösung so unerreichbar war wie zuvor.

»Affären, hm?«, fragte sie neckend und hoffte, damit die totenähnliche Stimmung aufzulockern. »Warum erfahren wir erst jetzt davon?«

Dante lächelte tatsächlich. »Weil ich wusste, dass du mich dann mit diesem enttäuscht-mahnenden Gesichtsausdruck ansehen würdest. Genau den, den du gerade hast.«

Vika schlug ihm gegen die Schulter. »Zu Recht! Wir waren uns nach dem Desaster in Lublin einig, dass wir einen Bogen um alles Magische machen. Was glaubst du, wie wir anderen uns gefühlt hätten, wenn wir deine ausgesogene Leiche gefunden hätten?«

»Auf welche Art ausgesogen?«, murmelte Elea hinter ihrem Wasserglas, woraufhin Lawrence und Van lachten.

Vika selbst kämpfte einen Moment dagegen an, doch dann lachte auch sie.

Warme Finger schlossen sich um ihr Handgelenk und als sie zu Dante sah, war dessen Mimik ungewohnt offen. »Musst du jedes Mal die Sache in Polen herauszerren, wenn wir darüber sprechen? Das ist über dreihundert Jahre her.«

»Ja, muss ich! Weil ich sicherlich Alpträume davon hätte, euch wie Schlachtvieh von der Decke baumeln zu sehen, wenn ich denn schlafen könnte.«

»Ich hatte lange welche.« Van überlief bei seinen Worten ein sichtbarer Schauer.

Elea hingegen zuckte mit einer Schulter und schöpfte sich Curry nach. »Es ist ja nicht so, als wären wir gestorben.«

»Aber wir hätten sterben können und genau darum geht es. Ich will nicht herausfinden, ob irgendein kranker Magier oder eine Schamanin doch noch einen Weg findet, uns abzuschlachten. Magie ist gefährlich!«

»Meistens nicht«, sagte Kiska kleinlaut – und Vika hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt.

»Das weiß ich natürlich, tut mir leid. Ich beziehe das alles nicht auf euch, das wisst ihr hoffentlich? Es ist nur … ich …«

Kiska lächelte und griff über den Tisch. Vika zögerte keine Sekunde, um sacht ihre Finger zu drücken.

»Ihr habt schlechte Erfahrungen gemacht, das verstehen wir. Aber unsere Familie praktiziert keine schwarze Magie und wird dir kein Haar krümmen, wenn du sie besuchst. Das schwöre ich.«

»Sie wollen nur mit dir reden«, fügte Lawrence hinzu, ehe er seine Aufmerksamkeit auf Dante richtete. »Mit dir auch, falls eine deiner Reisen dich nach England führen sollte.«

Weil er den Mund voll hatte, nickte Dante lediglich. Vika sah ihm jedoch an, dass er so schnell nicht über den großen Teich fliegen würde, und sie verstand ihn.

Sie hingegen …

Ein Blick in die hoffnungsvollen Gesichter ihrer neuen Familienmitglieder besiegelte ihr Schicksal. Hoffentlich fanden die beiden nie heraus, dass Vika alles für die tun würde, die einen Platz in ihrem Herzen ergattert hatten.

Alles.

»Na schön«, seufzte sie. »Wann soll ich wo sein?«

 

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