Leseprobe "Tödliche Gier"
Der zweite Band der Romantic-Fantasy-Reihe "Cursed Ones"
Kapitel 1
Weich fielen die Sonnenstrahlen durch das große Dachfenster in den hohen, offenen Raum. Das Licht malte Schatten auf den Betonboden, geschaffen von den vielen Kunstobjekten, die auf Säulen oder direkt auf dem glatten Boden standen. Staub tanzte in der Luft und jedes Mal, wenn die unzähligen Partikel einen der Sonnenstrahlen passierten, leuchteten sie auf wie winzige Glühwürmchen.
Es war ruhig in dem Ausstellungssaal, bis auf die Sohlen ihrer Sneakers und die sanften Atemzüge. Jenseits der Mauern und der Fensterscheiben pulsierte die Stadt, doch deren Geräusche waren weit entfernt. Es fiel Elea leicht, sie zu ignorieren.
Besonders, da ihre Aufmerksamkeit auf dem Objekt vor ihr ruhte. Es war ein komplexes Gewirr aus korrodiertem Stahl. Die einzelnen Stränge so dick wie ihre Oberarme, wand sich das Metall in eleganten Schwüngen umeinander, verdrehte und entwirrte sich wieder. Die Skulptur wirkte so lebendig, beinahe organisch, dass der Betrachter schnell vergaß, dass sie aus massivem Eisen gefertigt worden war.
»Wunderschön«, murmelte Elea. Es juckte sie in den Fingern, die raue Oberfläche zu berühren, daher schob sie vorsichtshalber ihre Hände in die Hosentaschen.
»Es ist ein besonderes Stück, nicht wahr?« Francis stand hinter ihr, seine Worte mit derselben Faszination gesprochen, die Elea selbst empfand.
Sie nickte und umrundete die Skulptur ein weiteres Mal. Im Sonnenlicht schimmerten die wenigen Areale, die noch nicht vom Rost zerfressen worden waren. Der Künstler hinterließ auf seinen Werken keine Signaturen, keine Zeichen, und doch erkannte Elea deutlich seine Handschrift. Niemand schaffte es, dass Stahl so geschmeidig aus wie Pieter Obels.
Elea riss endlich ihren Blick von der Skulptur. Sie drehte sich zu Francis um und lächelte den Galerie-Leiter an. »Ja, es ist wirklich einmalig. Ist es eine Leihgabe für die Ausstellung oder hast du es erworben?«
»Eine Leihgabe einer befreundeten Sammlerin. Sie unterstützt gerne neue Künstlerinnen und Künstler und war begeistert von meiner Idee, mit diesem bekannten Werk mehr Besucher anzulocken.«
»Ein guter Plan.« Elea ließ den Blick durch den offenen Raum schweifen. Neben der geschwungenen Skulptur von Obels befanden sich weitere Kunstwerke aus Metall in dem ehemaligen Dachboden und jetzt Ausstellungsraum: Abstrakte Darstellungen von Personen, teilweise in unmöglichen Positionen verharrend, organische Werke von Pflanzen oder komplett unrealistische Formen, die die Fantasie anregten.
»Ich freue mich schon auf die Eröffnung«, sagte Elea.
Francis nickte. »Ich mich auch. Vor allem aber, damit ich es endlich hinter mir habe. So sehr ich neue Ausstellungen liebe, die Zeit davor treibt mich regelmäßig in den Wahnsinn.«
»Du schlägst dich dieses Mal sehr gut.« Elea tätschelte seine Schulter und lächelte ihn breit an. »Immerhin bist du zu all unseren Terminen bisher ordentlich angezogen und nicht im Pyjama gekommen.«
Gequält stöhnte Francis auf und schlug sich die Hände vors Gesicht. »Bitte erinnere mich nicht daran. Ich habe manchmal noch Alpträume davon.«
Elea lachte lediglich, tätschelte abermals seine Schulter. »Gib dir ein paar Jahre, dann wird dich nichts mehr aus der Ruhe bringen.«
»Du klingst ganz schön altersweise für jemanden, der gerade mal die dreißig hinter sich hat.«
»Hm«, murmelte Elea lediglich und wandte sich ab. Francis hatte ja keine Ahnung, wie alt sie in Wahrheit war. Sie könnte seine Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter sein – und wahrscheinlich waren das noch nicht genügend »Urs«. Aber das sagte sie ihm natürlich nicht.
Das sagte sie niemandem außerhalb ihrer eigenen Familie, die zwar auch mit Blut geschaffen worden war, doch anders als im klassischen Sinne.
Elea griff nach ihrem Handy. »Shit, schon so spät. Tut mir leid Francis, aber ich muss los. Hast du noch dringende Fragen an mich?«
»Nein, alles gut. Ich brauchte nur nochmal ein wenig emotionale Unterstützung. Wir sehen uns am Wochenende bei der Eröffnung?«
»Ja. Ich komme eine Stunde vorher und halte deine Hand, wenn dir das hilft«, stichelte Elea wohlwollend.
Francis rollte mit den Augen. »Jetzt machst du dich noch über mich lustig, aber wenn ich dir dann die Finger abklemme, will ich keine Beschwerden hören.«
Elea lachte und schloss Francis locker in die Arme. »Glaub mir, ich habe schon anderes überstanden als einen zu festen Händedruck.«
Der Galerist erwiderte ihre Umarmung und geleitete sie zum Ausgang. Die letzten Wochen waren aufregend gewesen und obwohl Elea nur als Beraterin involviert gewesen war, erfüllte sie der mit Kunstwerken geschmückte Raum mit Stolz und Zufriedenheit.
Am Aufzug küsste Elea Francis auf die glatt rasierte Wange. »Mach dir keine Sorgen, es wird alles hervorragend laufen. Melde dich, wenn du noch etwas brauchst. Ansonsten sehen wir uns Samstag.«
»Mache ich.«
Die Aufzugtüren öffneten sich und Elea trat hinein. Sie sah Francis noch winken, dann glitten die Türen zu und sie war alleine. Sofort sackten ihre Schultern herunter, sie schloss die Augen und lehnte sich an die Spiegelwand in ihrem Rücken.
An manchen Tagen – so wie heute – spürte sie deutlich ihre 448 Jahre. Als würde jedes einzelne wie ein kleines Gewicht an ihr hängen und sie erbarmungslos runterziehen. Sie fühlte sich alt, müde und hungrig.
Immer so verdammt hungrig.
Der Aufzug traf mit einem leisen Ping im Erdgeschoss ein und Elea verließ die Kabine. Sie nickte dem Portier am Empfang zu, trat hinaus auf die Straße und wurde von dem Geruch nach warmem Asphalt und Gummireifen empfangen. Gleichzeitig wurde die Ruhe des Gebäudes durch Motorengeräusche und Gesprächsfetzen ersetzt.
Zielstrebig bahnte sie sich ihren Weg durch die Passanten in Richtung U-Bahn-Station. Sie hatte vierzig Minuten, um von der Galerie nach Lower Manhattan und zu ihrem Lunch-Date zu kommen. Zum Glück benötigte sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln weniger als eine halbe Stunde.
Unzählige Fahrgäste strömten in den Untergrund. Kühle Luft, die nach Stahl und Staub roch, schlug Elea entgegen. Sie fuhr gerne mit der U-Bahn, ganz im Gegensatz zu Vika und Dante. Van hatte die Bahn aus anderen Gründen gemieden … Wobei sich das bei ihm in den letzten Wochen geändert hatte.
Der Zug kam an und Elea stieg ein. Ein Mann in hellgrauem Anzug mit umgehängter Ledertasche trat neben sie, einen Kaffeebecher in der Hand. Unwillkürlich lehnte Elea sich näher zu ihm. Sie schnupperte unauffällig und doch erhaschte sie lediglich Spuren von Bitterkeit und Röstaromen.
Frustration machte sich in ihr breit und ihre Lebensjahre zerrten noch ein wenig mehr an ihr. Alles konnte sie in dieser beengten Blechdose riechen: Unzählige Parfüms und Deodorants, mal herb und mal blumig, ungewaschene Haut und Schweiß, den Blumenstrauß einer älteren Dame und sogar den Hund auf dem Arm eines Teenagers.
Doch der Kaffee des Mannes zu ihrer Linken, den Bagel einer Frau mit Brille und Tanktop oder den Burger, den sich ein junges Pärchen nur einen Meter neben ihr teilte, das alles blieb ihrer Nase verborgen. Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht einmal einen Hauch davon schmecken würde.
Überwältigt von Wut, Traurigkeit und altbekanntem Schmerz schloss Elea die Augen, atmete tief ein und hielt für einige Sekunden den Atem an, ehe sie ihn langsam durch den Mund entweichen ließ. Diese Entspannungsübung wiederholte sie so lange, bis ihre Station aufgerufen wurde und sie mit anderen Fahrgästen den Waggon verließ.
Sie trat hinaus ins Freie, bog nach rechts ab und zwei Blocks später erreichte sie ihr Ziel: ein kleines italienisches Restaurant, versteckt in einer Seitengasse. Passanten würden es leicht übersehen, doch es war immer gut besucht. Vor allem von den Geschäftsleuten des Viertels, sowohl für ein schnelles Mittagessen als auch für längere Besuche am Abend.
Die meisten Tische waren mit Menschen in feinen Anzügen oder modischen Kostümen besetzt. Elea stach in ihrer hellen Leinenhose und dem lockeren rostroten Seidentop heraus, aber das störte sie nicht.
»Hi«, sagte sie zu dem Maître d'. »Ich habe eine Reservierung auf Lavoie, für zwei Personen.«
Der Mann kontrollierte sein Tablet, dann lächelte er freundlich. »Natürlich. Bitte folgen Sie mir. Ihre Begleitung ist bereits hier.«
»Danke schön.« Elea folgte ihm und entdeckte Natasha, ehe sie den Tisch erreicht hatten. Sie bedankte sich bei dem Maître d' und im nächsten Moment hatte Natasha sie in eine feste Umarmung gezogen. Ihre blonden Locken kitzelten Elea in der Nase und sie schloss die Arme fest um die größere Frau.
»Elea! Wie schön, dass es endlich geklappt hat. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wie geht es dir? Wow, du siehst so schick aus! Kommst du gerade von einem Termin? Was macht die Arbeit? Ich würde ja so gerne wieder zu einer Vernissage gehen, aber mein Terminkalender lässt das einfach nicht zu.«
Elea lachte und küsste Natasha auf die Wange. »Wenn du mich mal zu Wort kommen lässt, könnte ich dir auch antworten.«
»Tut mir leid.« Natasha zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich nur schon so lange auf unser Essen gefreut. Tut mir nochmal leid, dass ich das so oft verschieben musste. Die Kinder … ach, du weißt ja.«
Pflichtbewusst nickte Elea, obwohl sie keine Ahnung hatte.
Die beiden Frauen setzten sich.
»Also, wie geht es dir? Was macht die Arbeit?« Natasha gestikulierte in Eleas Richtung, die Speisekarte zu nehmen, doch Elea schüttelte den Kopf.
»Ich weiß schon, was ich will. Und die Arbeit läuft blendend. Ich komme von einem Termin in Chelsea. 405 West Dreiundzwanzigste, Acht-H Street. Am kommenden Wochenende eröffnet eine Ausstellung mit Metallskulpturen, bei der ich beratend tätig war.«
Natasha seufzte verträumt. »Oh, das klingt so spannend.«
»Ich lege Karten für dich und Larry zurück. Die Ausstellung dauert vier Wochen, vielleicht schafft ihr es ja mal?«
»Ja, vielleicht …« Abermals seufzte Natasha.
Ehe Elea nachfragen konnte, kam die Kellnerin und nahm ihre Bestellung auf: Penne al Tartufo für Natasha und Spaghetti Bolognese für Elea. Sie beide bestellten je ein Mineralwasser.
»Los, erzähl«, forderte Elea, sobald die Kellnerin verschwunden war.
Einen Moment zögerte Natasha, dann berichtete sie von den Schwierigkeiten in ihrer Ehe – ihr Mann war unglücklich wegen seines Jobwechsels und deswegen oft schlecht gelaunt – und mit ihren Kindern, die langsam in die Pubertät kamen und ihr zusätzlich das Leben schwer machten.
Elea hörte ihr aufmerksam zu, sprach entweder ihr Mitgefühl oder einen Rat aus, wenn ihre Freundin das benötigte. Es half ihr, dass sie die Frauen und Männer dieser Familie seit neun Generationen kannte. Natashas Großvater, Boris Igorev, war ein ähnlich tatenvoller Mann gewesen wie seine Enkelin. Immer damit beschäftigt, die Familie zusammenzuhalten.
Oder ihre Ur-Urgroßmutter Anastasia Grigoreva, die während des Zweiten Weltkriegs entgegen aller Widrigkeiten der beiden verfeindeten Staaten mit ihrem kleinen Sohn und nichts weiter als einem Koffer in die USA ausgewandert war. Noch heute überkam Elea ein kalter Schauer, wenn sie daran dachte, dass sie Anastasia beinahe aus den Augen verloren hatte.
Dabei hatte sie ihrem Freund Vasili Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an seinem Grab in Sankt Petersburg versprochen, auf seine Blutlinie achtzugeben.
Da war Elea froh zu hören, dass Natashas Sorgen sich lediglich um einen zickigen Ehemann und pubertierende Teenager drehten.
Das Essen wurde serviert und sie wandten sich Urlaubsplänen und dem aktuellen Programm der Streamingdienste zu.
Methodisch wickelte Elea die Spaghetti um ihre Gabel und schob sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund. Die Nudeln waren weich und geschmeidig, glitten sanft über ihre Zunge und gaben beim Kauen leicht nach. Die Soße hingegen hatte eine sämige Konsistenz mit kleinen, festen Fleisch- und Gemüsestückchen. Die einzelnen Komponenten waren bei den ersten Gabeln heiß, ehe die Temperatur langsam abnahm.
Doch alles in allem war es nur ein warmer, nach wenigen Kaubewegungen einheitlicher Brei in Eleas Mund. Ganz ohne Aromen und ohne Lebendigkeit. Der Genuss fehlte komplett und lediglich das angenehme Gefühl ihres nach und nach gedehnten Magens verschaffte Elea einen winzigen Trost.
Sie musste sich zusammenreißen, um Natasha nicht nach dem Geschmack ihres Gerichts zu fragen. Wie genau schmeckte die Sahnesauce? Wie der Trüffel? Welche Aromen hatten der Parmesan und die frischen Kräuter?
Mit Vika oder den beiden Männern hätte sie sich nicht zurückgehalten, doch Natasha konnte sie mit ihren Fragen nicht bedrängen. Nicht, ohne sie misstrauisch werden zu lassen. Ohne zu viel zu verraten.
Mit zitternder Hand griff sie nach ihrem Wasser, dessen kleine Kohlensäureperlen ihre Zunge kitzelten – die einzige, spannende Empfindung während des Essens. Elea schluckte, dabei zwängte sich selbst das Wasser schmerzhaft ihren von Emotionen engen Hals hinunter.
Sie hasste ihren Fluch.
