Leseprobe "Schmerzhaftes Wissen"
Der vier Band der Dark-Academia & Romantic-Fantasy-Reihe "Cadill Professors"
Kapitel 1
Das Klackern der Computertastatur war das lauteste Geräusch im Raum. Ganz entfernt schwebte Stimmengemurmel durch die warme Sommerluft, nur hin und wieder durchbrochen vom Kreischen der Möwen und dem Gelächter der Jugendlichen draußen auf den Grünflächen rund um das ehrwürdige Gebäude. Der Nachmittag war friedlich an der Cadill Academy.
Konzentriert wechselte Serenas Blick zwischen ihrem Notizbuch und dem Bildschirm hin und her. Ihre Finger flogen über die Tasten, während sie ihre Anmerkungen und Ideen für das nächste Schuljahr zusammenfasste. Sie musste sich beeilen, denn in wenigen Minuten erwartete Vanja sie zusammen mit den anderen Lehrkräften im großen Besprechungsraum.
Sie war gerade bei ihrer letzten Notiz angelangt, da betrat Lianne das Zimmer.
»Hi Serena«, grüßte sie gutgelaunt und ging zu ihrem Schreibtisch gegenüber von Serenas. Sie nahm sich ein Notizbuch. »Bist du soweit?«
»Hi Lianne. Ja, einen Moment noch.« Serena schob ihre Brille höher auf die Nase. Nur noch dieser eine Absatz über den historischen Roman über die Zeitmanipulations-Aufstände, den sie im kommenden Jahr mit den Zweitklässlern lesen wollte, und …
»Fertig!«, verkündete sie grinsend und speicherte das Dokument. »Und das genau pünktlich. Vanja wird mich dieses Jahr nicht dafür rügen können, dass ich meinen Lehrplan für das Folgejahr zu spät abgegeben habe.«
Amüsiert schüttelte Lianne den Kopf. »Ich bin so froh, dass ich mir nur um Jonas Gedanken machen muss. Respekt für euch, die ihr euch um den restlichen Unterricht kümmern müsst. Ich bekomme es nur am Rand von Vivek mit, und schon das stresst mich.«
Serena seufzte. »Mit den Jahren wird der Papierkram leichter, aber Spaß werde ich damit wahrscheinlich nie haben.« Sie erhob sich, schnappte sich ihre Wasserflasche und ihr Notizbuch und folgte Lianne hinaus auf den Flur.
»Hast du schon gepackt?«, fragte Lianne.
Serena nickte. »Bis auf meinen Kulturbeutel ist alles schon in meinem Koffer. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich die letzte Schulwoche verpasse.«
»Ach was. Dein Vater wird nur einmal siebzig. Außerdem meinte Vivek, dass hier in der letzten Woche ohnehin kein richtiger Unterricht mehr gemacht wird. Alle bereiten sich nur noch auf die Abschlussfeier vom dritten Jahrgang und den Abreisetag vor.«
»Ja, schon. Trotzdem.« Sie bogen um die letzte Ecke. »Hast du dich schon entschieden, ob du nach Hause fährst?«
»Wahrscheinlich fahre ich nicht. Vivek bleibt hier und Jonas kommt früher zurück von seiner Familie. Und außerdem …«
Lianne blieb stehen. Sie waren nur wenige Meter vom großen Besprechungsraum entfernt, aus dem mehrere Stimmen auf den Flur wehten.
»Ja?«, ermutigte Serena ihre Kollegin.
Lianne lächelte verlegen. »In den letzten Wochen ist die Insel zu meinem Zuhause geworden.«
»Ach, das freut mich zu hören.« Serena griff nach Liannes Oberarm, drückte ihn sacht und erwiderte deren Lächeln. Lianne und sie hatten sich mehr und mehr angefreundet und es wärmte Serenas Herz, dass die Gabenträgerin sich nach den anfänglichen Schwierigkeiten so wohl an der Akademie fühlte.
»Wenn ich zurück bin, sollten wir unbedingt zusammen etwas unternehmen, ja?«
»Sehr gerne, ich –«
»Was trödelt ihr hier denn?«
Edith näherte sich von hinten und als Serena sich zu der Ärztin umdrehte, musterte diese sie mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Lianne murmelte eine Entschuldigung und zu dritt betraten sie den Raum, in dem bereits der Rest des Kollegiums platzgenommen hatte. Vivek winkte sie zu sich. Zwischen ihm und Hazel waren noch zwei Stühle frei. Edith zog sich den Stuhl zwischen Marty und Karina heraus.
Eilig setzte Serena sich und warf sie Hazel ein schnelles Lächeln zu, ehe Vanja ihre Aufmerksamkeit mit einem Räuspern auf sich zog.
»Da wir nun alle vollzählig sind, können wir anfangen.« Dey nahm eine Fernbedienung vom Tisch und auf der weißen Wand hinter demm erschien die Tagesordnung: beginnend mit der Urlaubsplanung, über das finale Ferienprogramm und die Abschlussfeier für die Drittklässler bis hin zum Termin für die Verkündung der neuen Lehrpläne.
»Nimmt Zander nicht teil?«, fragte Jemal erstaunt.
»Nein.« Vanja strich sich eine lange Haarsträhne hinters Ohr. »Er hat noch ein Gespräch mit einem Schüler, das er nicht verschieben wollte. Ich habe seinen Urlaubsplan bereits mit ihm besprochen und treffe mich später nochmals mit ihm.«
»Bleibt er den ganzen Sommer über?«, fragte Noura. Sie saß zwischen Gideon und Micah.
»Bis auf die zweite Juli-Woche, ja.« Vanja ordnete die Unterlagen vor sich. »Okay, wollen wir dann anfangen?«
Zustimmendes Gemurmel erklang, woraufhin Vanja abermals die Fernbedienung zur Hand nahm. Das Bild an der Wand wechselte und ein mehrfarbiges Balkendiagramm erschien. Es war ein Kalender von Ende Juni bis Anfang September, der eine Übersicht über die Teenager bot, die die Ferien auf der Insel verbringen würden.
»Wie letzte Woche schon besprochen, bleiben dieses Jahr über den Sommer verteilt ungefähr dreißig Jugendliche an der Akademie«, verkündete Vanja. »Nicht alle zur gleichen Zeit. Die erste Juli-Hälfte wird es hier am ruhigsten, während es weiter Richtung September wie auch in den letzten Jahren wieder voller wird.«
Von mehreren der Schülerinnen und Schüler wusste Serena schon, dass sie zumindest einen Teil ihrer Ferien an der Cadill verbringen würden.
»Eine Wildcard sind wie immer die Jugendlichen, die jetzt im Laufe des Sommers sechzehn werden und ihre Begabung erhalten.« Vanja setzte deren Brille ab und polierte sie mit einem Spitzentaschentuch aus deren Brusttasche. »Außerdem fehlen noch zwei junge Gabentragende und das macht mir ehrlich gesagt Sorgen. Normalerweise starten die neuen Kinder im ersten Jahr, doch die Gabenträger werden nicht getrennt. Sie haben demnach viel Stoff nachzuholen.«
»Ich hab‘s gehasst«, brummte Noura gespielt theatralisch. »Ich hatte in dem Jahr keinen richtigen Sommer.«
Serena warf Lianne neben sich einen Blick zu – immerhin hatte sie damals ihre Gabe als Letzte erhalten, und ihre Schulzeit war alles andere als ein Spaziergang gewesen. Die Rothaarige hatte ihre Finger mit Viveks verschränkt und die beiden lehnten mit der Schulter aneinander.
»Das lässt sich leider nicht ändern«, sagte Vanja gutmütig. »Was mich am meisten stört, ist, dass Rhydian und Evangeline noch nicht bei uns sind. Ich habe die Suche nach ihnen ausgeweitet. Danke nochmal für die vermittelten Kontakte, Gideon.«
»Keine Ursache«, sagte Gideon.
Vanja nickte, dann wechselte dey wieder das Bild auf der Wand. Ein weiteres Balkendiagramm erschien, dieses Mal mit der Urlaubsplanung der Lehrkräfte. Serena benötigte einige Sekunden, um ihren eigenen Namen zu entdecken.
»Mit den zusätzlichen Mentoren war die Planung dieses Jahr leichter und Vivek und ich konnten alle Wünsche erfüllen, wenn wir auch an einer Stelle etwas jonglieren mussten.« Vanja wandte sich mit einem Lächeln an Tilda. »Danke nochmal, dass deine Frau und du so flexibel seid.«
Die Professorin für Psychologie zuckte mit der Schulter. »Unser Wohnmobil ist geduldig, das war kein Problem.«
»Sorry«, murmelte Serena, woraufhin Tilda den Kopf schüttelte.
»Wirklich, uns macht es nichts aus. Aber wenn du dich dann besser fühlst, bring Carola ein Glas von der Kirsch-Marmelade deines Vaters mit.«
Serena lächelte dankbar. »Ich bringe zwei.«
Tilda zwinkerte ihr zu, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder Vanja.
Dey nickte zufrieden und sie gingen gemeinsam weiter den Plan durch. Es würden zu jeder Zeit sechs Lehrkräfte auf der Insel sein, gemischt aus Professoren und Gabenträgern. Wie auch in den vorigen Jahren würde das Personal für Versorgung und Reinigung durch Zeitarbeitskräfte vom Festland ersetzt werden. Serena kannte die Prozedur schon, und doch wurde die Routine dieses Jahr von den neuen Gabenträgern unterbrochen.
Und von dem Risiko, dass jederzeit neue Dimensionsrisse auftreten konnten und feindliche Wesen die hiesige Welt überschwemmen konnten.
Serenas Brust wurde eng bei dem Gedanken, dass eine Person deswegen nicht hier mit am Tisch saß, obwohl sie unersetzlich für sie alle war. Nach wie vor hatte sich Reynas Zustand nicht verbessert und Serena war nicht die Einzige, die sich bang fragte, ob das je der Fall sein würde, und wenn ja, wann. Magisch induzierte Komafälle waren selten, und seit dem letzten Dimensionsriss vor mehr als dreihundert Jahren hatte kein Gabenträger mehr einen solchen erlitten.
Obwohl seit dem letzten Angriff mehrere Wochen vergangen waren nur noch einige aufgewühlte Bereiche in der Grünanlage rund um das Hauptgebäude von den Kämpfen gegen die Dimensionsmonster zeugten, lag dennoch ein Rest Anspannung in der Luft. Allen war bewusst, dass Reyna sich bei der Verteidigung der Akademie bis zum Koma verausgabt hatte.
Und natürlich, dass der nächste Angriff jeden Moment erfolgen konnte.
Serena hob zögerlich die Hand, als Vanja gerade nach der Fernbedienung für den Beamer griff.
»Ja, Serena?«, fragte dey.
»Ich weiß, dass hat nichts mit unserer Besprechung heute zu tun, aber gibt es schon Neuigkeiten von der Behörde bezüglich der Dimensionswesen?«
Sofort änderte sich die Atmosphäre im Raum und Serena wünschte sich beinahe, sie hätte die Frage nicht gestellt. Doch sie war nicht die Einzige, an der die Ungewissheit nagte, wenn sie Hazels nervöses Fingertippen auf der Tischplatte oder den besorgten und angespannten Gesichtsausdruck von Dolores ihr gegenüber richtig deutete.
»Leider noch nicht«, antwortete Gideon hörbar unzufrieden. »Bisher ist nur sicher, dass alle Monster derselben Spezies angehören wie diejenigen, die vor dreihundert Jahren versucht haben, unsere Dimension einzunehmen. Soweit ich gehört habe, gibt es ein Forschungsteam, dass sich derzeit mit der Entwicklung eins schnell wirksamen Gifts beschäftigt, das speziell diesen Dimensionswesen schaden soll.«
»DNA-basierte Toxine?«, fragte Karina interessiert. Gideon nickte.
»Das wäre ein Durchbruch«, sagte Hazel leise.
»Danke, Gideon«, sagte Vanja und sah in die Runde. »Gibt es dazu sonst noch Fragen? Niemand? Gut, dann lasst uns mit dem nächsten Tagesordnungspunkt weitermachen.« Wieder wechselte dey die Projektion, dieses Mal zum Ferienprogramm für die bleibenden Schüler.
Es war beinah lächerlich, wie trivial sich dieses Thema nun für Serena anfühlte, verglichen mit der Bedrohung ihrer gesamten Welt. Doch gleichzeitig war es die Zukunft der Kinder, die sie hier gestalteten und beschützten. Und für wen, wenn nicht die nächste Generation, nahmen sie all das auf sich?
Serena hoffte inständig, dass die Forschenden mit den Giften Erfolg haben würden.
Sie mussten.
