Leseprobe "Geheimes Wissen"

Der drei Band der Dark-Academia & Romantic-Fantasy-Reihe "Cadill Professors"

Kapitel 1

 

 

Micah fühlte sich, als würde Blei statt Blut durch seine Adern fließen. Jede einzelne Bewegung kostete ihn unendlich viel Kraft. Dass er in den vergangenen Tagen so viel geschlafen und gegessen hatte wie noch nie zuvor, machte keinen Unterschied. Die ersehnte Erholung wollte sich einfach nicht einstellen. 

Müde legte er die Stirn an die kühle Fensterscheibe, hinter der der trockene Meeresboden rund um die Cadill-Insel vorbeizog. Das gleichmäßige Ruckeln und Rattern des Zugs verstärkte seine Müdigkeit.

Reyna neben ihm ächzte und lehnte sich an seine Schulter. »Mir tut alles weh. Es ist beinahe so schlimm wie vor drei Wochen, als der Riss auf der Insel war. Ich brauche sicher wieder mehrere Tage, bis ich mich nicht mehr wie ein ausgewrungener Lappen fühle.«

»Amen, Schwester«, antwortete Micah amüsiert. Die Gabenträgerin neben ihm gab ihm einen kraftlosen Klaps auf den Oberschenkel.

Abermals verfielen sie in ein angenehmes Schweigen, das nur vom Rattern des Zugs und Gideon Tremblays leiser Stimme durchbrochen wurde. Der Beamte der Behörde für magische Zwischenfälle kehrte ebenfalls zurück auf die Insel, nachdem er, wie Micah und die anderen, die Aufräumarbeiten nach dem Fieberschub einer neuen Gabenträgerin unterstützt hatte.

Lianne schlief im Viererblock neben ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt, während Jonas und Caden hinter ihr in ihre Handys starrten. Die Jugendlichen hatten sich hervorragend geschlagen, und obwohl sie nicht seine Schützlinge waren, war Micah dennoch stolz auf sie.

»Sie werden sicherlich erkennen, dass dafür weiter finanzielle Mittel nötig sind, Ms. Sherman«, sagte Gideon mit kalter Stimme. Zwischen den Einsätzen und Besprechungen der vergangenen Tage hatte Micah den Beamten besser kennengelernt und wusste daher, dass er hinter seiner harten und oft kühlen Fassade ein gutes Herz versteckte. Erst gestern hatte er Micah gestanden, wie nervös er war bei dem Gedanken, an die Akademie zurückzukehren und Noura wieder zu begegnen. 

Micah hoffte, dass die beiden sich zusammenrauften.

Anders als …

»Was glaubst du, wann sich die nächste Gabe manifestiert?«, fragte Reyna und zerschnitt damit den Gedanken, der sich eben in Micahs Kopf geformt hatte. Er war froh darüber, führte diese Route in seinem Kopf doch lediglich in den Abgrund.

Mittlerweile kam die Insel bereits in Sicht.

»Ich hoffe bald. Gleichzeitig wäre es besser, wenn wir vorher Evangeline und Rhydian aufgespürt hätten.«

»Ja, sehe ich auch so. Vanja ist extrem frustriert und macht sich Sorgen, auch wenn dey es sich nicht anmerken lässt. Was, wenn den beiden etwas zugestoßen ist, und niemand hat es mitbekommen?«

Micah verkniff sich die abgedroschene Floskel, dass schon alles wieder gut werden würde. Denn das Leben war selten so nachsichtig.

Schweigend brachten sie die restliche Fahrt hinter sich, bis der Zug mit einem schrillen Kreischen zum Halten kam. Sie erhoben sich und verließen zusammen mit zwei Lieferanten den Zug.

Lianne streckte sich ausgiebig. »Gehst du gleich zu Vanja?«, fragte sie an Gideon gewandt. Der schüttelte den Kopf.

»Nein, dey will mich erst morgen sehen. Ich … ich ruhe mich heute noch aus.«

»Guter Plan«, seufzte Reyna. »Micah, was ist mit dir?«

»So sehr ich mich auch nach meinem Bett sehne, ich will nach Willa schauen. Ich weiß von ihrer Mutter, dass es ihr schon besser geht, aber ich will sie dennoch kurz besuchen. Unser erstes Aufeinandertreffen war alles andere als optimal.«

»Hm, verständlich«, sagte Reyna.

»Können wir sie bald besuchen?«, fragte Caden. »Jonas und die anderen wollen sie auch kennenlernen.«

Der zweite, junge Gabenträger nickte.

Micah lächelte. »Das ist nett von euch, aber ich denke, dafür ist es noch zu früh. Schulleitung Letov gibt euch sicher Bescheid, wenn Willa so weit ist.«

Sie fuhren mit dem Aufzug nach oben und stiegen aus. Imposant ragte das Herrenhaus der Akademie vor ihnen auf, von goldenem Sonnenschein überzogen, und Micah überkam ein warmes Gefühl von Heimat. Genauso wie vor etwas mehr als einer Woche, als er zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder einen Fuß auf die Insel gesetzt hatte.

Sie betraten die Aula durch das große Tor und Micah hob zum Abschied die Hand. »Wir sehen uns.«

Er ging die Treppe hinauf und Richtung Krankenstation. Wie jeden Sonntag waren die Flure meist verwaist. Die Kids waren entweder zu Besuch bei ihren Familien, auf ihren Zimmern, in der Cafeteria oder draußen irgendwo auf dem Gelände.

Wo Hazel wohl gerade steckte?

Die Tür zum Empfangsbereich der Krankenstation stand offen, doch niemand war anwesend. Micah klopfte gegen den Türrahmen, ehe er über die Schwelle trat.

»Hallo? Ist jemand da?«

»Komme!«, rief Quentin. Kurz darauf streckte er seinen weißblonden Kopf durch eine Tür. »Oh, hi Micah. Wir hatten noch nicht mit euch gerechnet. Wie geht es dir und den anderen?«

»Wir sind müde und ausgelaugt, aber das ist nichts, was vierzehn Stunden Schlaf und ein riesiges Frühstück nicht wieder in Ordnung bringen. Wie geht es Willa? Kann ich kurz nach ihr sehen?«

»Ich denke schon, einen Moment.« Quentin drehte sich halb zurück in das Zimmer, aus dem er eben gekommen war. »Ladys, wie wäre es mit noch einem Besuch heute?«

»Gerne doch«, antwortete eine erwachsene Frauenstimme – wahrscheinlich Willas Mutter.

Quentin winkte ihn herbei. Micah bedankte sich mit einem Nicken und betrat das Krankenzimmer. Drei Betten standen darin. Sonnenlicht fiel durch die großen Fenster.

Auf einem der Betten saß eine Jugendliche in einem weißen Pyjama. Sie hatte das rotblonde Haar zu einem Zopf gebunden. Micah erkannte sie sofort wieder, auch wenn ihr letztes Treffen nur kurz und unter extremen Bedingungen stattgefunden hatte.

»Hallo Willa, hallo Ms. Poulsen.« Mit einem Lächeln trat Micah näher an das Bett. Die ältere Frau hatte dieselben rotblonden Haare wie ihre Tochter, trug sie jedoch kurz geschnitten. Ms. Poulsen erhob sich von ihrem Stuhl, und sie schüttelten sich die Hände.

»Mr. Huntley«, sagte sie. »Ich möchte mich im Namen meiner gesamten Familie dafür bedanken, dass Sie unserer Willa geholfen haben. Ohne Sie … also …«

»Keine Ursache, wirklich. Das Wichtigste ist, dass es ihr besser geht.« Micah löste sich von Ms. Poulsen und richtete seine Aufmerksamkeit auf Willa. Diese sah schon sehr viel besser aus als bei ihrer letzten Begegnung: Ihre rundlichen Wangen hatten mehr Farbe, ihre braunen Augen waren klar.

»Stimmt doch, oder?«, fragte Micah.

Das Mädchen nickte und schüttelte ihm ebenfalls die Hand. »Ja, sehr viel besser. Vielen Dank auch nochmal von mir. Ich … also ich wollte nicht so ein Chaos anrichten.«

»Du hättest den Fieberschub nicht verhindern können«, versicherte Micah ihr. »Diese Komplikation tritt einfach bei manchen Manifestationen auf, und dass es dich erwischt hat, ist nur ein unglücklicher Zufall.«

Willa nickte und drehte ihr Handy in ihrem Schoß hin und her. »Das haben Dr. Flanagan, Dr. Bakshi und alle anderen auch immer wieder gesagt.«

»Und es stimmt, Schätzchen.« Ms. Poulsen streichelte sanft die Wange ihrer Tochter.

»Wenn du dich hier eingelebt hast und wir mit dem Unterricht anfangen, dann wirst du nie wieder die Kontrolle verlieren, das verspreche ich dir.«

Die Teenagerin nickte abermals. 

»Ich habe in den Nachrichten und über Freunde verfolgt, was Sie und die anderen geleistet haben«, sagte Ms. Poulsen. »Wollen Sie sich nicht ein wenig zu uns setzen?«

Schwer sank er darauf, fühlte die Erschöpfung abermals bis in die Knochen.

»Würden Sie ein wenig davon erzählen?«, fragte Willa.

Micah berichtete von den Ereignissen der letzten Tage in der Heimatstadt der beiden – wie er und die anderen ihre Gaben eingesetzt hatten – doch je länger er dort saß und erzählte, desto müder wurde er. Schließlich konnte er das Gähnen nicht länger unterdrücken.

»Tut mir leid«, sagte er schnell.

Ms. Poulsen schüttelte den Kopf. »Nicht doch, Sie müssen erschöpft sein. Ich wollte Sie mit meinen Fragen nicht länger aufhalten.«

»Nein, schon gut. Ich bin ja aus freien Stücken hier. Aber jetzt sollte ich mich besser ausruhen.« Micah erhob sich. »Willa, weißt du schon, wie deine nächsten Tage ablaufen werden?«

»Ja«, antwortete das Mädchen. »Schulleitung Letov meinte, sobald Dr. Flanagan mich entlässt, darf ich in mein neues Zimmer ziehen, und wenn ich mich fit genug fühle, darf ich schon am Unterricht teilnehmen. Aber Dr. Flanagan hat auch gesagt, dass ich vorerst meine Gabe nicht einsetzen soll.«

»Dasselbe hätte ich auch vorgeschlagen«, erwiderte Micah. »Die anderen hatten es dir sicher erzählt, aber du warst kurz vorm Ausbrennen. Deine Gabe ist so neu für deinen Körper, da musst du es langsam angehen lassen.«

Willa nickte. Wie schon zuvor machte sie auf Micah nach diesem traumatischen Erlebnis einen gefassten Eindruck. »Du wirst dich hier schnell einleben und dich wohlfühlen, da bin ich mir sicher. Und falls du irgendwelche Fragen oder Probleme hast, melde dich einfach bei mir. Ich gebe dir am besten meine Telefonnummer.«

Mit diesen Worten streckte Micah die Hand aus und Willa gab ihm ihr Smartphone. Er tippte seine Nummer ein, rief sich selbst an und gab ihr das Gerät wieder zurück.

»Danke, Professor Huntley«, sagte Willa mit einem Lächeln. Ein warmes Gefühl breitete sich in Micah aus. Professor Huntley – das klang gar nicht schlecht. 

»Gerne.« Er verabschiedete sich und verließ das Zimmer. Im Empfangsraum winkte er Quentin zu und machte sich durch die stillen Flure auf den Weg zu seinem Quartier. Schon nach wenigen Tagen hatte er die alten, von Magie durchwirkten Mauern wieder als zuhause wahrgenommen.

Er bog um die Ecke - und stieß unvermittelt mit jemandem zusammen. Reflexartig ergriff er die kleinere Person an den Schultern, damit sie beide nicht das Gleichgewicht verloren. 

»Oh, Hazel. Tut mir leid, ich wollte dich nicht umrennen.«

Graue Augen sahen erschrocken zu ihm auf, dann legte Hazel ihre Hände fest um seine Oberarme. Gleichzeitig musterte sie ihn rasch von oben nach unten.

»Hallo Micah. Du und die anderen seid wieder zurück?«

»Ja, vorhin angekommen. Ich war eben noch bei Willa und ihrer Mutter auf der Krankenstation.«

»Bist du nicht erschöpft?«, fragte sie und runzelte die Stirn. Ihre Daumen strichen über seinen Bizeps, als würde sie es gar nicht bemerken.

Micah lachte schwach. »Doch. Aber ich wollte mich vergewissern, dass es dem Mädchen gut geht. Jetzt war ich aber auf dem Weg ins Bett.«

Hazel nickte und musterte ihn abermals. Aus der Nähe bemerkte er den angespannten Zug um ihren Mund und die Falte zwischen ihren Augenbrauen. Ihre Aufmerksamkeit war wie Balsam für seine ausgelaugte Seele. 

Er strich über ihre Arme, genoss das Gefühl des weichen Stoffes ihres Pullovers, der durchdrungen war mit ihrer Körperwärme.

Diese kleine Geste holte Hazel aus ihrer Starre. Sie löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück. Der sorgenvolle Ausdruck in ihren schönen Augen wurde ersetzt von der kalten Indifferenz, die sie zur Schau trug, seit Micah und sie sich nach so vielen Jahren wiedergesehen hatten.

Es tat weh.

»Gut, dann will ich dich nicht aufhalten«, sagte Hazel steif, nickte ihm zu und ging an ihm vorbei. Ihre Schritte klackten in schnellem Rhythmus auf dem Steinboden. Fort von ihm.

Frustration mischte sich in Micahs Erschöpfung. Er ballte die Hände zu Fäusten, als könnte er damit Hazels Wärme irgendwie konservieren. Was natürlich lächerlich war. Nun endgültig am Ende seiner Kräfte, setzte Micah sich abermals in Bewegung.

Er brauchte drei Anläufe, ehe er die richtige Zahlenkombination an seiner Tür eingegeben hatte. Wie auf Autopilot ging er ins Badezimmer und stellte sich unter die Dusche. Sein müder Verstand ging auf Wanderschaft.

Und wie schon zuvor stiegen Erinnerungen an seine allererste Zugfahrt zur Insel in ihm hoch.

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