Leseprobe "Cyborg Hearts"

Eine Science-Fiction-Romance

Kapitel 1

 

 

Die Platine sah aus wie ein Mandala.

Doch statt bunter Farben zog sich ein komplexes Muster aus Silber, Gold und Kupfer über das schwarze Trägermaterial. Ein Kunstwerk aus verschiedenen Materialien, das im grellen Licht ihres Arbeitsplatzes schimmerte. Es war leicht, darin die Orientierung zu verlieren.

Doch nicht für Aurora. Sie konnte jeden Schaltkreis nachvollziehen, wusste wohin die einzelnen Leitungen führten und welchen Zweck die winzigen Prozessoren hatten. Für sie ergab das Chaos Sinn und sie wusste ganz genau, welche Schritte noch nötig waren, um ihre neuste Erfindung zu vollenden.

»Platziere hier einen der Nano-Kondensatoren«, sagte Aurora und deutete mit der feinen Spitze des Werkzeuglasers auf einen freien Fleck. Durch ihr Mikroskop hatte der Bereich die Größe einer Erbse, in Wahrheit war es jedoch nur ein knapper Quadratmillimeter. 

»Jawohl«, antwortete Sypher. Sobald Aurora den Laser von der betreffenden Stelle entfernt hatte, begann ihr Assistent mit der Arbeit. Effizient wie immer platzierte er den Kondensator, verlötete die Verbindungen und überzog ihn anschließend mit einer hauchdünnen Schicht Schutzsilikon.

Aurora kontrollierte das Ergebnis, fand keine Fehler. »Sehr gut. Deine Arbeitsweise nähert sich der Perfektion.«

»Danke«, erwiderte Sypher. »Was kann ich als nächstes für dich tun?«

»Hm.« Der aktuelle Abschnitt war fertig, also vergrößerte sie den Ansichtsbereich des Mikroskops und betrachtete mehr von dem Bauteil. Auch mit dieser Auflösung sah es noch immer wunderschön aus. Doch es war unvollendet.

»Ich denke, das war’s für heute.« Aurora versuchte gar nicht erst, ihre Unzufriedenheit darüber zu verbergen. »Solange ich nicht weiß, wie ich den Sensor einbauen soll, um eine Überbelichtung zu verhindern, sind weitere Arbeiten reine Zeitverschwendung.«

»Jawohl. Dann speichere ich das Protokoll der Sitzung und archiviere die Aufnahmen.«

»Ja, danke.«

Aurora schaltete das Mikroskop aus und richtete sich auf. Vor ihren Augen tanzten bunte Flecken von dem grellen Licht. Sie streckte sich, wobei es in ihrem Rücken knackte. Doch der kurze Schmerz wurde sofort von Erleichterung verdrängt. 

Aurora rollte auf ihrem Stuhl zurück und beobachtete Sypher dabei, wie er den Arbeitsplatz aufräumte. Fast schon grazil bewegten sich die vier Roboterarme, die an der Decke über ihrer Werkbank befestigt waren. Die Konstruktion bewegte sich an Schienen durch den Raum und gelangte so an jeden Bereich des Labors. Eine unglaubliche Erleichterung für ihre Arbeit und noch ein Grund, warum sie auf Sypher nicht mehr verzichten konnte.

Er war nicht nur das Gehirn ihres Forschungs- und Wohnturms, managte ihre Termine und ihren Tagesablauf, sondern er war auch die einzige Person, die es länger mit ihr aushielt – auch wenn viele andere Menschen auf der Welt eine KI niemals als eigenständige Person ansehen würden.

Aber die meisten Menschen sind auch Dummköpfe, dachte Aurora missmutig.

Sie stand auf, verließ ihr Labor und steuerte das Treppenhaus ihres Wohnturms an. Sypher brauchte keine Überwachung und ihr Kopf war schon wieder voll mit Ideen und Theorien, wie sie das Sensorproblem lösen sollte.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, ging sie hinauf in ihre Privaträume. Sonnenlicht flutete durch die halb geschlossenen Solarpaneele, doch das musste im Mittsommer in der Antarktis nichts heißen. Aurora warf einen Blick auf die Uhr und ächzte leise. Es war schon kurz nach drei Uhr. Die Tage rannen ihr nur so durch die Finger.

»Sypher, wie steht es um meine Blutzucker- und Nährstoffwerte?«, fragte Aurora auf dem Weg zum Kühlschrank.

»Liegen im Normalbereich«, antwortete ihre KI sofort. »Ich lege dir jedoch nahe, ein Produkt mit erhöhtem Kaliumgehalt zu konsumieren.«

»Na schön.« Aurora nahm eine der entsprechenden Flaschen mit Flüssignahrung aus dem Kühlfach, schüttelte sie und trank einen großen Schluck. Sie hatte sich schon vor Jahren an die körnig-sämige Konsistenz gewöhnt.

Während sie die Flasche leerte, ging sie zu ihrem Sofa und checkte ihre Mails an einem ihrer unzähligen Datenpads. Sie alle waren mit Sypher und Auroras privater, gesicherter Cloud verbunden und ermöglichten es ihr, immer auf ihre Unterlagen zuzugreifen.

Wie leider zu oft waren die an sie geschickten Nachrichten ermüdend. Die meisten löschte Aurora ungelesen, doch bei der Vorletzten hielt ihr Finger über dem Display inne. 

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass Violet mich versucht hat zu kontaktieren?« Sie griff nach ihrem Headset.

»Du hattest mir die Anweisung gegeben, deine heutige Arbeitssession nicht zu stören.«

»Ja, stimmt schon.« Aurora tippte die Nummer der Ärztin ein und lauschte dem Freizeichen. Dabei kratzte sie mit dem Daumennagel über das Flaschenetikett. Sie konnte sich schon vorstellen, wie ungehalten Violet darüber war, dass sie sie ignoriert hatte.

Doch als ihre Freundin abnahm, war sie bester Laune.

»Aurora, meine Liebe«, sagte Violet. »Wie schön, dass du mich zurückrufst. Ich hätte ehrlich gesagt nicht so schnell damit gerechnet. Hattest du dich mit Sypher mal wieder im Labor eingeschlossen?«

»Ja, so ungefähr. Aber für heute bin ich dort schon fertig.«

»Ach ja? An was arbeitest du denn gerade?«

»An der Platine für das optimale Zusammenspiel von Pupillar-Reflex und Retina-Belichtung.«

»Wow, das klingt unglaublich spannend.«

»Ja, leider stecke ich gerade in einer Sackgasse fest«, seufzte Aurora.

»Falls du dich mit mir darüber austauschen willst, kann ich gerne nächste Woche vorbei kommen.«

»Nein, dafür ist es noch zu früh.« Stille dehnte sich zwischen ihnen aus und Aurora runzelte die Stirn. »Violet … warum hattest du angerufen? Du wolltest doch sicher nicht nur über meinen aktuellen Forschungsstand sprechen, oder?«

»Scharfsinnig wie immer«, sagte Violet amüsiert. Doch bei ihren nächsten Worten war ihre Stimme ernst. »Ich hatte gestern wieder einen sehr interessanten Videocall mit dem Forschungsleiter von Synthics und –«

»Nein«, sagte Aurora sofort. »Ich weiß ganz genau, auf was du hinaus willst und meine Antwort bleibt bei Nein.«

»Willst du dir nicht wenigstens einmal anhören, was er zu sagen hat?«

»Auf keinen Fall«, konterte Aurora. »Außerdem weißt du ganz genau, dass ich erst die ganzen Kinderkrankheiten ausmerzen muss, um auch nur im Ansatz über eine solche Kooperation nachzudenken.«

»Du bist wie immer zu perfektionistisch«, entgegnete Violet.

»Nein, bin ich nicht.« Aurora atmete tief durch und fügte mit weicherem Tonfall hinzu: »Schau Violet, ich bin dir unendlich dankbar für deine Hilfe in der Vergangenheit. Ohne dich wäre ich … na ja, du weißt schon. Außerdem hat Sypher unglaublich viel von dir gelernt. Wir beide stehen in deiner Schuld. Aber für eine Kooperation mit Synthics oder einem anderen Konzern ist es jetzt noch zu früh.«

»Und wo ist der Unterschied zu den Konstruktionsplänen, die ich regelmäßig für dich verkaufe?«

»Das ist etwas anderes«, wehrte Aurora ab. Sie stand auf und entsorgte die leere Flasche im Abfallrecycler. »Das sind nur Pläne von Teilkomponenten. Außerdem muss ich das machen, um meine Ausgaben zu decken. Mir gefällt das nicht, aber die Welt funktioniert nun einmal nicht ohne Geld.«

»Wem sagst du das«, erwiderte Violet. Im Hintergrund hörte Aurora, wie die andere mit einem Kugelschreiber klickte. »Meinst du nicht, dass dir der Austausch mit anderen Wissenschaftlern und Ingenieuren bei eben diesen Kinderkrankheiten helfen könnte? Mason würde sicher –«

»Ich werde ganz sicher nicht mit Mason zusammenarbeiten«, unterbrach Aurora Violet. Sie ballte die Hände zu Fäusten und schüttelte den Kopf, obwohl die andere sie nicht sah. »Nicht nach dem letzten Mal, als wir uns getroffen haben. Er hat sich unmöglich benommen.«

Violet seufzte tief. »Du warst aber auch nicht gerade die Höflichkeit in Person.«

»Das ist irrelevant«, beharrte Aurora.

Wieder war es kurz still, ehe Violet murmelte: »Na gut, ich will dich auch nicht weiter drängen. Dennoch denke ich, dass deine Arbeit und auch du selbst von einer Kooperation profitieren würdet.«

»Danke für deine Meinung«, erwiderte Aurora betont höflich.

Wie erwartet lachte Violet. »Aber ich kann sie mir sonst wo hinstecken, schon klar.«

Auch Aurora schmunzelte. Violet verstand sie zu einem Teil, was zusammen mit ihren chirurgischen Fähigkeiten ein Segen für Aurora war. Ganz anders als andere, sogenannte Experten. Aurora schüttelte den Kopf und schob diese Erinnerungen beiseite.

»Kommst du mal wieder auf einen Kaffee vorbei?«, fragte sie.

»In nächster Zeit nicht, da ich auf einige Konferenzen fahre. Ich schätze nämlich den Austausch mit anderen aus meinem Fachgebiet.«

»Ja ja, schon verstanden. Meld dich, wenn du wieder in Stigma bist.«

»Mache ich«, erwiderte Violet. Sie verabschiedeten sich und Aurora nahm das Headset von ihrem Ohr. Sie ging ins Badezimmer und zog sich aus.

»Du solltest den Vorschlag von Dr. Pierce annehmen«, meldete sich Sypher zu Wort.

»Nein.«

»Aber die Datenlage ist sehr vielversprechend. Es gab schon seit drei Monaten, acht Tagen und vierzehn Stunden keine kritische Fehlfunktion mehr bei den Integrationen.«

»Ich habe nein gesagt«, beharrte Aurora. Sie stellte sich unter die Dusche und hielt das Gesicht in den warmen Wasserstrahl.

»Der Stresspegel in deiner Stimme legt nahe, dass du Angst vor diesem Schritt hast.«

»Verdammt, Sypher!«, platzte es aus ihr heraus. »Ich treffe die Entscheidungen über meine Forschungsarbeit und niemand sonst. Und jetzt hör auf, dieses Thema anzusprechen.«

»Jawohl.« Obwohl sich seine Tonlage nicht verändert hatte, wusste Aurora ganz genau, dass Sypher unzufrieden mit ihr war.

Resigniert ließ Aurora die Schultern hängen. Das Wasser prasselte weiter auf ihren Rücken, doch das wohlige Gefühl von zuvor war verschwunden. Sie wusste genau, dass sie unfair gegenüber Sypher war. Dennoch fiel es ihr schwer, diesen Fehler zuzugeben.

Aurora schaltete die Dusche aus, schamponierte sich die Haare und sagte schließlich: »Es tut mir leid.«

»Du hast mich darauf programmiert, immer die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unangenehm ist.«

»Ja, ich weiß«, brummte sie, drehte das Wasser wieder auf und spülte den Schaum ab. »Vergiss, was ich vorhin gesagt habe. Ich bin gestresst davon, dass ich den Sensor nicht fertigstellen kann.«

»Ich empfehle eine Tasse Tee und eine zwanzigminütige Meditation auf der Terrasse«, erwiderte Sypher sofort und brachte Aurora damit zum Lächeln.

»Ja, das ist eine gute Idee.« Sie stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und trug eine spezielle Polymer-Creme auf ihre Haut auf.

Wenig später trat sie in Funktionsleggins und einem Langarmshirt auf die Dachterrasse hinaus. Ein milder Wind strich über sie hinweg, trug den Salzgeruch des nahen Meeres mit sich. Die angenehmen Temperaturen waren einer der wenigen Vorteile, die das Abschmelzen der Polkappen nach der Klimakatastrophe vor über einhundert Jahren mit sich gebracht hatte. 

So gedieh auch der kleine Garten optimal, den Aurora angelegt hatte. Statt wie von Sypher vorgeschlagen zu meditieren, widmete Aurora sich der Pflege der Pflanzen. Die Begrünung gehörte nicht zu der Bepflanzung, die zusammen mit den Solarpaneelen Teil jeder Wohnturmkonstruktion in Stigma waren. Sie sorgte für optimale Luftfeuchtigkeit und Sauerstoffwerte in den großen Hemisphären-Städten. Der letzten Zuflucht der Menschheit.

Auroras eigener, kleiner Wohnturm befand sich am Stadtrand und ganz in der Nähe der Kuppel, die sich bei den teilweise schweren Stürmen am Südpol schloss. Jetzt jedoch war sie geöffnet und kühler Wind strich über Aurora hinweg. Anders als in den anderen Hemisphären-Städten auf der Welt lebten nicht viele Menschen in der Antarktis. Trotz der milden Temperaturen im Mittsommer gab es noch immer sechs Monate Dunkelheit. Das zusammen mit der Tatsache, dass Stigma eine Sackgasse des weltweiten Verbindungsnetzes aus Hochgeschwindigkeitszügen, sorgte für die vergleichsweise geringe Bevölkerungszahl.

Doch genau das machte den Reiz für Aurora aus. Hier hatte sie genug Ruhe für ihre Forschung und zumindest während der Sommermonate ging sie ihrem Gärtnerinnenhobby nach. Tatsächlich waren die simplen Handgriffe ähnlich beruhigend wie eine Meditation. Beim Abschneiden welker Triebe, beim Auflockern der Erde und beim Unkrautjäten kamen ihre Gedanken zur Ruhe.

Endlich.

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