Leseprobe "Tote sterben langsam"

Der vierte Band der Romantic-Fantasy-Reihe "Ouija"

Kapitel 1

Sorgfältig zupfte Cataleya den dünnen Seidenstoff zurecht. Sie musste sicher sein, dass die Handschuhe richtig saßen, andernfalls …

»Nein«, sagte sie leise und kontrollierte ein letztes Mal, ob jeder Zentimeter Haut ihrer Arme bedeckt war. Warum auch immer war es für sie dort am schlimmsten, berührt zu werden. Zum Glück war es Mitte Dezember und niemand würde sie schräg anschauen, weil sie Pullover oder langärmlige Shirts trug.

Erst, als die schwarzen Handschuhe perfekt saßen und die Enden von den Ärmeln ihres Longsleeves bedeckt waren, verließ Cataleya die Toilette und ging zurück in den Verkaufsraum. Es war ein ruhiger Vormittag im Attic Affairs und statt vor Kundschaft stand Ms. Machnikovski vor einem geöffneten Karton, die Arme in die breiten Hüften gestemmt.

Sie musste Cataleya gehört haben, denn sie drehte sich um und lächelte. »Ah, da bist du ja wieder. Hilfst du mir beim Auspacken?«

Cataleya war, als würde sich eine Schlinge um ihren Hals zuziehen. Trotzdem nickte sie und trat neben die kurvige Ladenbesitzerin, um einen Blick in den Karton zu werfen.

»Geschirr?«, fragte sie und sah zu ihrer Chefin.

»Ja, ein Porzellanservice aus den frühen 1910er Jahren«, antwortete Ms. Machnikovski. Sie bückte sich, hob eines der in Packpapier eingeschlagenen Pakete heraus und wickelte es aus. Dabei erzählte sie weiter: »Ein älterer Mann hat es gestern vorbeigebracht. Es hat wohl seiner kürzlich verstorbenen Schwester gehört und stammt aus … oh, wie hübsch!«

Ms. Machnikovski seufzte leise und Cataleya musste ihr Recht geben. In dem braunen Papierknäuel ruhte eine filigrane Tasse aus weißem Porzellan. Sie hatte einen Goldrand und die floralen Verzierungen, die von dort ausgehend über die Tasse verliefen, waren ebenfalls aus Gold gefertigt. Das Licht schimmerte durch das Material, so dünn war es.

»Das ist wirklich ein sehr schönes Service«, bestätigte Cataleya. Sie warf einen Blick auf den restlichen Kartoninhalt. So manche Ware für den Second-Hand-Laden hatte sie schon in eine grausame Vergangenheit gezogen, aber hier hatte sie vielleicht nichts zu befürchten. Welche grauenvollen Erinnerungen könnten denn schon an so kunstvollem Geschirr hängen? Sicherlich war es nur zu besonderen Anlässen herausgeholt worden. Runde Geburtstage, Taufen oder Hochzeiten boten im Normalfall weniger Potential für dramatische Szenen.

Langsam sackten Cataleyas Schultern hinunter und sie entspannte sich. Sie bückte sich und griff nach dem nächsten Knäuel aus Packpapier. Doch bevor sie es auswickelte, wandte sie sich an Ms. Machnikovski.

»Wo wollen Sie es ausstellen?«

»In der Glasvitrine der Biedermeier-Anrichte vorne neben der Eingangstür«, antwortete Ms. Machnikovski. »Das ist zwar nicht die richtige Epoche, aber diese Goldverzierungen passen perfekt zum Kirschholz, findest du nicht?«

»Ja, das stimmt.«

Vorsichtig legte Cataleya das Päckchen zurück in den Karton, fasste ihn an den Eingriffen und trug ihn zu der Anrichte. Ms. Machnikovski folgte ihr und kurz darauf packten sie ein Stück des Services nach dem anderen aus. Bei jedem neuen Teil seufzte Ms. Machnikovski selig und Cataleya konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»Lach du nur«, tadelte ihre Chefin, zwinkerte ihr dabei aber zu. »Ich habe eben eine Schwäche für solch filigrane Arbeiten. Das ist noch echte Handwerkskunst gewesen. Nicht solche Massenware wie wir sie heute benutzen müssen.«

»Ja, Ms. Machnikovski«, erwiderte Cataleya. Sie wickelte vorsichtig eine kleine Milchkanne aus und stellte sie in die Anrichte. Schweigend arbeiteten sie vor sich hin, während der Laden nur von dem Rascheln des Papiers und der Klassikmusik erfüllt war, die vom Verkaufstresen her zu ihnen herüberwehte.

»Verdammt«, fluchte Ms. Machnikovski. Cataleya sah zu ihr auf, bemerkte die gerunzelte Stirn und den verkniffenen Zug um den Mund der älteren Frau. Konzentriert starrte sie auf das kleine Päckchen in ihrer Hand.

»Stimmt etwas nicht?«

»Ich kriege das nicht auf, irgendwas … klebt da«, beschwerte sich ihre Chefin. Sie schnaubte und wandte sich an Cataleya. »Würdest du es bitte versuchen? Am besten ohne deine Handschuhe. Ich bin mir sicher, dass das Porzellan nicht schmutzig ist. Da sind keine Keime dran, die dich krank machen.«

Cataleya presste die Kiefer aufeinander. Sie würde ihre Chefin nicht korrigieren, denn die Lüge hatte sie ihr selbst eingetrichtert.

Zögerlich glitt Cataleyas Blick zu dem Knäuel aus Packpapier in den Händen der älteren Frau. Hatte sie selbst nicht eben noch gedacht, dass das Service keine Gefahr darstellen würde? Vielleicht war dieses Teil nicht ordentlich gereinigt worden und das Papier klebte an einem Rest süßem Tee fest, der sich noch in der Tasse befunden hatte.

Keinen Grund zur Panik also.

Dennoch war Cataleyas Kehle wie ausgedörrt, ihre Kopfhaut prickelte und Schweiß sammelte sich auf ihrer Oberlippe. 

»Ja, natürlich«, murmelte sie, richtete sich auf und nahm vorsichtig die Kuppe ihres rechten Mittelfingers zwischen die Zähne. Sie zog daran, bis ihre Hand aus dem Seidenstoff befreit war. Mit der anderen Seite verfuhr sie genauso und legte die Handschuhe behutsam auf einen Beistelltisch neben der Biedermeier-Anrichte. Dabei war sie drauf bedacht, nichts anderes zu berühren.

»Du hast einfach schlankere Hände als ich«, sagte Ms. Machnikovski und übergab ihr das kleine Paket. Cataleya musste sich zusammenreißen, um es nicht fallen zu lassen. Um ein Haar hätte sie Ms. Machnikovskis Haut berührt! Das war beim letzten Mal nicht angenehm gewesen.

Noch immer wurde es Cataleya schlecht bei der Erinnerung an Ms. Machnikovskis ersten Mann. Ein Bastard, der die sanfte Frau geschlagen hatte wie einen räudigen Hund. Obwohl die Narben an Ms. Machnikovskis Unterarmen kaum noch zu sehen waren, bemerkte Cataleya sie jedes Mal.

»Hey, alles in Ordnung?«

Ms. Machnikovskis Stimme riss Cataleya aus der Erinnerung. Sie schüttelte den Kopf und stich ihre Locken wieder über die rechte Gesichtshälfte. Es war lächerlich, immerhin hatte ihre Chefin die Narbe dort schon oft genug gesehen.

»Ach, nichts«, wiegelte Cataleya ab und ballte ihre Hand unauffällig zur Faust. »Ich hoffe nur, dass das Porzellan hier drin noch heil ist.« Mit diesen Worten hob sie das Päckchen hoch. Das Papier knisterte, fühlte sich dünn und trocken unter ihren Fingerspitzen an.

»Ach, da bin ich mir sicher.« Ms. Machnikovski lächelte und bückte sich nach dem nächsten Stück.

Cataleyas Aufmerksamkeit lag bereits wieder bei dem ihren. Ihre Chefin hatte recht gehabt, irgendwie schien das Papier an dem Serviceteil darin zu kleben. Vorsichtig, nur mit Zeigefinger und Daumen, zupfte Cataleya das Verpackungsmaterial ab. Das leise Reißen klang in ihren Ohren überlaut. Noch hatte sie keine Vision empfangen und langsam legte sie ihre Angst ab.

Schicht für Schicht zog sie das Papier ab, bis sich ein dunkelbrauner Fleck offenbarte. Ganz offensichtlich war das der Grund, warum das Serviceteil sich nicht ohne weiteres auswickeln ließ. Der Form nach handelte es sich um eine Tasse.

»Das sieht aus wie Kaffee«, sagte Cataleya und hielt die Tasse Ms. Machnikovski entgegen.

Diese schimpfte: »Da hat jemand wohl das dreckige Geschirr eingepackt. Eine Sauerei, also wirklich.«

»Ich werde es mit lauwarmem Wasser entfernen«, sagte Cataleya. »Nicht, dass ich das Papier abreiße und dabei die Verzierung beschädigte.«

Sofort wurden Ms. Machnikovskis Augen kugelrund. »Du hast recht! Los, geh schon.«

Sie machte eine wedelnde Handbewegung, woraufhin Cataleya ihre Handschuhe nahm und nach hinten in die kleine Kaffeeküche des Ladens ging. Hier war es einigermaßen sicher für sie, denn sie hatte schon in ihrer ersten Woche alle Gegenstände des Raumes einmal berührt.

Wegen des Feedbacks hatte sie sich eine geschlagene Stunde übergeben, aber das war es wert gewesen. Solange keine neuen Sachen angeschafft wurden, konnte sie hier mehr oder weniger gefahrlos alles anfassen.

Cataleya schob sich ihre Handschuhe in die hintere Hosentasche, legte das störrische Porzellan auf die Anrichte und drehte den Wasserhahn auf. Mit der freien Hand prüfte sie die Temperatur. Erst, als sie lauwarm war, hielt Cataleya die noch halb eingepackte Tasse darunter. 

Sofort sog sich das Papier voll und schon nach wenigen Augenblicken konnte Cataleya es vorsichtig zur Seite schieben. Viel zu spät, um sich noch zurückzuziehen, realisierte Cataleya, dass der Fleck kein Kaffee gewesen war. Der metallische Geruch von Blut stieg auf, verstärkt durch das warme Wasser. In genau diesem Moment berührten ihre Fingerspitzen das erste Mal das Porzellan.

 

Schreie, der scharfe Geruch von Urin und das leise Schluchzen einer Frau. »Bitte, ich gebe Ihnen all mein Geld, aber tun Sie mir nichts!«

Ein Lachen, verzerrt und unbarmherzig.

Ein Mann, fettleibig, mit kleinen Schweinsaugen und einem Vollbart. Er trug schwere Stiefel, Jeans und einen schmuddeligen Hoodie. Der Teil eines Namensschilds, integriert in ein Firmenlogo, war darauf zu erkennen: Ein Schwertfisch und darunter stand »Steven«. In der Hand des Mannes schimmerte ein großes Messer.

»Nein, bitte nicht!«

Ein weiterer Schrei, dann spritzte Blut durch die Luft und landete auf dem Teeservice.

 

Scheppernd landete die Tasse im Spülbecken. Cataleyas Hände zitterten und sie stützte sich schwer mit den Unterarmen auf die Küchenzeile. Die Kante der Anrichte schnitt sich selbst durch den Pullover in ihre Haut, aber der Schmerz war willkommen. Sie brauchte ihn, um aus der Vision zurück in die Gegenwart zu kommen.

»Scheiße«, zischte Cataleya. Sie schloss die Augen und atmete tief durch.

Ein und aus. Ein und aus.

So lange, bis die Übelkeit verschwand und sie nicht mehr den Gestank von Angst, Urin und Blut in der Nase hatte. Erst, als es nur noch nach Staub und Möbelpolitur roch, richtete sie sich mechanisch wieder auf. Wie in Trance drehte Cataleya das Wasser ab, ehe sie mit zitternden Händen nach der Tasse griff. Zum Glück war sie nicht zerbrochen.

Vorsichtig trocknete sie sie ab, zog ihre Handschuhe wieder an und ging dann zurück in den Verkaufsraum. Ms. Machnikovski war damit beschäftigt, das Teeservice in der Anrichte zu arrangieren. Sie drehte sich um, ihr gewohnt wohlwollendes Lächeln auf den Lippen.

»Ah, sehr gut. Du hast die Tasse befreit. Gib sie mir bitte.«

Cataleya nickte und überreichte ihrer Chefin das feine Porzellan. Mit den Gedanken war sie weit weg. Sie wünschte sich, sie könnte die Vision ignorieren, sie als verzerrte Erinnerung abtun und einfach vergessen.

Gleichzeitig wusste Cataleya jedoch, dass sie diese Bilder ewig verfolgen würden. Der Geist der Toten haftete nun an ihr und würde ihr keine Ruhe lassen, ehe sie nicht das Richtige getan hatte.

Cataleya hasste es.

Trotzdem räuspert sie sich und fragte: »Wem hat das Teeservice nochmal gehört? Einem älteren Mann?«

»Nein, der hat es nur vorbeigebracht. Es hatte seiner Schwester gehört, die letzte Woche gestorben ist.«

»Hat er gesagt, wie sie verstarb?«

Ms. Machnikovski drehte sich zu ihr um, ein Milchkännchen noch in der Hand. Sie hatte die Brauen zusammengezogen. »Warum fragst du?«

Ein Prickeln lief über Cataleyas Rücken und sie zuckte mit den Schultern.

Als sie weiter nichts antwortete, erklärte Ms. Machnikovski: »Nein, er sagte nichts. Er war ohnehin sehr kurzangebunden, aber das ist bei dieser Art Verkäufern normal. Sie stehen meist noch unter dem Schock des Verlusts.«

»Verstehe«, murmelte Cataleya. Sie kannte den Grund, warum der Mann so schockiert gewesen war. Seine Schwester war nicht einfach gestorben, sie war ermordet worden.

»Brauchen Sie mich hier noch?«, fragte Cataleya und als ihre Chefin den Kopf schüttelte, fügte sie hinzu: »Wäre es in Ordnung, wenn ich mich jetzt um die Buchhaltung kümmere und dann gehe? Ich habe noch einen Termin heute Abend.«

»Oh, natürlich natürlich«, sagte Ms. Machnikovski eifrig. Die Möglichkeit, den Papierkram jemand anderen überlassen zu können, ließ sie nie ungenutzt.

Cataleya zwang sich zu einem Lächeln, dann ging sie nach hinten und in das kleine Büro. Die Wände waren mit deckenhohen Regalen bestückt, deren Fächer sich unter Ordnern und Umzugskartons voller Belege bogen. Der Computer auf dem Schreibtisch hatte schon bessere Tage gesehen, aber er funktionierte einwandfrei.

So schnell es ihr möglich war, tippte Cataleya die neuen Verkaufsbelege in das Buchungssystem und legte sie ab. Anschließend griff sie sich den Ordner mit den Ankauf-Quittungen. Wann hatte Ms. Machnikovski nochmal gesagt, war das Geschirr hergebracht worden?

»Gestern«, murmelte Cataleya. Sie schlug den Ordner auf, blätterte eine Seite zurück – heute war eine Lampe mit Perlmuttschirm angekauft worden – und fand den passenden Beleg. Das dünne Papier knisterte, so fest umfasste Cataleya die Seite. Ein gewisser Humphrey Batterfield hatte das Teeservice dem Attic Affairs verkauft.

Während Cataleya noch überlegte, ob seine Schwester wohl auch noch Batterfield geheißen oder bei einer Heirat einen anderen Namen angenommen hatte, bemerkte sie eine Notiz am unteren Rand des Formulars.

»Ja!«, entfuhr es Cataleya. Mr. Batterfield hatte veranlasst, dass sein Anteil am Verkaufserlös dem örtlichen Tierschutz gespendet wurde, und das im Namen seiner Schwester: Francine Albright.

Cataleya stellte den Ordner zurück ins Regal, ging wieder an den PC und googelte nach den örtlichen Fischverarbeitungsunternehmen. Das Logo, welches der Mörder an der Brust getragen hatte, sah sie dabei deutlich vor ihrem inneren Auge. So dauerte es nicht lange, bis sie den Namen der Firma gefunden hatte.

Sie nahm sich einen Notizblock, schrieb den Namen der Toten sowie alle Details zum Mörder darauf – inklusive der Information, dass er bei Marlin Corporation arbeitete – und riss das Papier ab. Cataleya verließ das Büro, rief Ms. Machnikovski ein »bis morgen« zu und verließ den Laden. Im Hinterhof löste sie das Schloss von ihrem Fahrrad und stieg auf. Sie würde zwanzig Minuten bis zu ihrem Ziel brauchen.

Es war jedes Mal dasselbe. Sie hatte eine Vision und konnte es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, nichts zu sagen. Dann fühlte es sich an, als wären alle Verbrechen, die der Verantwortliche danach verübte, auch ihre Schuld.

Gleichzeitig wollte Cataleya nicht schon wieder umziehen. Es dauerte meistens nicht lange, bis die örtlichen Behörden auch gegen sie ermittelten. Entweder, weil sie sie für eine drogensüchtige Irre hielten, die mit ihrem Gefasel nur Glück hatte, oder – was noch schlimmer war – die Polizei hielt sie ebenfalls für eine Kriminelle.

Niemandem hatte Cataleya bisher die Wahrheit gesagt, denn diese war sogar noch verrückter als die Theorien, die ihre Mitmenschen über sie aufstellten. Sie würden sie in eine geschlossene Anstalt stecken.

Ein Schauer lief Cataleya über den Rücken und sie zog mit einer Hand den Reißverschluss ihrer Jacke höher. Sie würde das so schnell wie möglich hinter sich bringen und anschließend nach Hause fahren. Wie so oft nach Visionen überfiel Cataleya auch jetzt bleierne Müdigkeit.

Nur noch ein bisschen, sagte sie sich und trat kräftiger in die Pedale.

Kurz darauf hielt Cataleya an einem öffentlichen Park, stieg von ihrem Rad und arrangierte ihr Haar wieder so, dass es ihre rechte Gesichtshälfte verbarg. Anschließend wandte sie sich ihrem eigentlichen Ziel zu: Einer altmodischen Telefonzelle. Es standen nur noch wenige davon in der Stadt, und eine davon befand sich hier. 

Cataleya hatte erst vor einer Woche mit einem Detective persönlich gesprochen. Einer Latina Anfang dreißig, die ihr entschieden zu viele persönliche Fragen gestellt hatte. So kurz danach konnte sie es nicht riskieren, schon wieder auf dem Revier aufzukreuzen.

Da Handysignale und Festnetzanschlüsse mittlerweile leicht zurückzuverfolgen waren, war die beste Methode ein Anruf von einer öffentlichen Telefonzelle. Also kramte Cataleya nach ein paar Münzen, atmete einmal tief durch und nahm den Hörer ab. Dabei achtete sie peinlich darauf, das Plastik nicht ungeschützt zu berühren. Anschließend wählte sie die Nummer der Mordkommission. Schlimm genug, dass sie diese bereits auswendig wusste.

»San Francisco Police Department, Sie sprechen mit Detective Simmons«, schnarrte der Beamte in den Hörer.

»Ich habe Informationen zum Mord an Francine Albright«, antwortete Cataleya, wobei sie ihre Stimme bestmöglich verstellte.

»Was? Wer sind Sie?«

Doch Cataleya ging nicht auf die Fragen ein, sondern ratterte ihre Informationen herunter, als würde ihr eigenes Leben davon abhängen. Sie wartete auch nicht darauf, dass der Detective antwortete. Stattdessen hängte sie den Hörer zurück auf die Gabel und presste die Lippen zusammen.

So, das war‘s. Sie hatte ihre Pflicht erfüllt und konnte endlich nach Hause fahren.

Mittlerweile zerrte die Müdigkeit immer mehr an Cataleya, gleichzeitig fühlte sie sich wie auf einem schlechten Ecstasy-Trip. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust und der Stoff ihrer Handschuhe sog sich mit Schweiß voll.

Sie schwang sich zurück auf ihr Fahrrad und fuhr nach Hause. Dort angekommen schleppt sie sich in die Dachgeschosswohnung des Mietshauses, schloss die Riegel an ihrer Wohnungstür und lehnte sich mit einem Seufzen dagegen.

»Ich fühle mich wie überfahren.«

Wie in Zeitlupe zog Cataleya ihre Jacke aus, hängte sie an die Garderobe und entledigte sich auch ihrer Handschuhe. Ihre Wohnung war einer der wenigen Orte, an denen sie gefahrlos alles anfassen konnte. Ein hart erkauftes Paradies, denn in der ersten Woche nach ihrem Einzug war sie ständig von Flashbacks und Visionen geplagt worden.

Jetzt allerdings schätzte sie ihren Einsatz von damals sehr. So konnte sie sorgenfrei durch ihre Wohnung gehen und sich ein Bad einlassen. Ihr gesamter Körper zitterte und während die Wanne volllief, ging Cataleya in die Küche und schob einen Burrito in die Mikrowelle. 

Fünf Minuten später verbrannte sie sich halb an dem Fertiggericht, aber das war ihr egal. Schmerzen waren gut, sie verankerten sie in der Gegenwart. Das Pochen in ihrem Mund ließ nach, sobald sie den letzten Bissen mit einem Glas Wasser hinunter gespült hatte. 

Anschließend zog sich Cataleya aus, stieg in die Wanne und glitt in das heiße Wasser. Dabei kam ihr ein leises Ächzen über die Lippen. Sie lehnte den Kopf gegen den Wannenrand und schloss die Augen.

Gott, wie sie ihre Visionen von Tod und Gewalt verabscheute.

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