Leseprobe "Tote fühlen auch"

Der dritte Band der Romantic-Fantasy-Reihe "Ouija"

Kapitel 1

Tiefer Donner grollte draußen, die Fensterscheiben vibrierten und der Regen trommelte laut gegen die Fassade der kleinen Hütte. Der Wind pfiff um die Ecken und hinter den fadenscheinigen Gardinen erhellten unablässig Blitze den Himmel.

Es war eine Nacht, in der sich niemand aus dem Haus traute, der noch bei Verstand war. Es war eine Nacht voller dunkler Versprechen und Unglücke. Es war die perfekte Nacht für Amandas Vorhaben und sie beeilte sich, denn ihre Intuition sagte ihr, dass das Ende des Gewitters auch das Ende ihrer Schonfrist bedeutete.

Bis zu den Ellenbogen steckten ihre Arme in dem Trog mit frischem Lehm. Es war anstrengend, das Material zu kneten und sicherzustellen, dass es die perfekte Konsistenz hatte. Amanda wischte sich den Schweiß von der Stirn, ungeachtet dessen, dass sie dabei Ton auf ihrem Gesicht und in ihren Haaren verteilte.

Wenige Minuten später war sie zufrieden, zog ihre Hände aus der feuchten Erde und teilte mit einem Draht ein Stück davon ab. Ein letzter Blick auf ihre Konzeptzeichnungen, dann drehte Amanda sich zu der Skulptur um, die im flackernden Schein der Kerzen auf einem Schemel saß: Sie hatte die Form eines erwachsenen Mannes, dem jedoch der Kopf fehlte. Ansonsten war jedes Detail an ihm bis ins Kleinste ausgearbeitet. Von den Fußnägeln, bis zu den Haaren auf seiner Brust und den Venen an seinen Unterarmen hatte Amanda an alles gedacht. Seit vier Tagen arbeitete sie an der Skulptur, in denen sie kaum geschlafen und nur das nötigste zu sich genommen hatte. Jedes Mal, wenn sie sich ein wenig ausgeruht hatte, war sie kurze Zeit danach wieder hochgeschreckt – mit einem Gefühl, als würde jemand in ihren Nacken atmen.

»Heute Nacht«, sagte sie lächelnd. Amanda formte den Kopf des Mannes – erst als rohen Klumpen, dann gewannen die Konturen an Feinheiten. Nach der vielen Arbeit mit dem Ton war es beinahe so, als würde das Material ihren Willen erspüren und sich schon beim ersten Versuch in die richtige Form legen.

Was wohl auch daran lag, dass unablässig Amandas Magie in den Ton floss. Die Zauber forderten ihren Tribut, zehrten sie aus und sorgten dafür, dass ihre Wangen mittlerweile eingefallen waren und ihr Kleid nur noch an ihrem Körper schlackerte. 

Aber das war ihr egal. Wenn ihr Werk erst einmal vollendet und der Zauber gelungen war, dann würde sie so viel essen und schlafen, wie sie wollte. 

Wieder explodierte ein Donnerschlag in der Nacht und vibrierte in Amanda Knochen. Gleichzeitig überlief sie eine Gänsehaut und eine Schweißperle rann ihr Rückgrat hinunter. 

»Er ist nah, so nah«, murmelte sie und presste die Lippen aufeinander. Sie arbeitete schneller, nutzte die Überbleibsel ihrer schwindenden Magie und nahm den aus einem Hühnerbein gefertigten Spatel, um die Details des Gesichts und der Haare zu formen.

Eine Ewigkeit oder nur wenige Augenblicke später war sie fertig. Mit zitternden Beinen trat Amanda von der Skulptur zurück, der Spatel fiel ihr aus der Hand. Sie lehnte sich an den Tisch und griff nach dem Tee, der dort schon vor Stunden kalt geworden war.

Amanda trank einen Schluck und verzog das Gesicht über den muffigen Geschmack. Stattdessen konzentrierte sich darauf, dass das Gebräu ihre letzten Kraftreserven mobilisierte. Mit angehaltenem Atem leerte sie die Tasse, stellte sie beiseite und wischte sich über den Mund.

»Okay, nun der finale Akt«, sagte sie mit Blick auf die Skulptur. Obwohl es nur Ton war, der im Kerzenschein feucht schimmerte, glaubte sie, dass er sie beobachtete. Dass er sie ansah – in sie hineinsah – und all das erkannte, was sie so geflissentlich vor der Welt versteckte.

Amanda lachte vor sich hin und schüttelte den Kopf. »Jetzt werde ich doch noch verrückt.«

Ein letztes Glucksen, dann stieß sie sich von dem Tisch ab und drapierte die Kerzen in einem Sechseck um den Mann aus Ton herum. Anschließend zog sie Linien aus Muschelkalk und Salz zwischen den Kerzen und platzierte Phiolen mit gereinigtem Wasser daneben. Zuletzt bückte sie sich nach dem Hühnerbein, trat in den Kreis und kniete sich vor die Skulptur. 

Sie setzte den Knochen an der Innenseite des linken Unterarms des Ton-Mannes an und begann, eine Reihe von Symbolen und Zahlen einzuritzen, während sie in leisem Singsang sprach: »Aus Erde bist du gemacht, von Wasser, Feuer und Luft bist du umgeben. Höre meine Worte, höre meinen Befehl und beginne zu leben. Gehorchen wirst du mir allein, nur meinen Wünschen zu Diensten sein.«

Mit jedem Wort floss mehr Magie aus Amandas Innerem in die Statue, die Flammen der Kerzen loderten höher und ein süßer, lauer Wind drückte ihr Kleid an ihren schweißnassen Körper. Gleichzeitig veränderte sich der Arm unter ihren Händen: Der tote Ton wurde zu warmer, lebendiger Haut und die eingeritzten Symbole zu schwarzen Tätowierungen.

Sie hatte es geschafft. Sie hatte es tatsächlich geschafft.

Wieder glitt der Spatel aus Amandas Händen, aber es war ihr gleichgültig.

Ihr Kopf fühlte sich leicht und wattig an, sie verlor das Gespür für ihren Körper, während die Ohnmacht ihre Arme nach ihr ausstreckte. Aber eines musste Amanda noch tun … nur eines …

Mit letzter Kraft hob sie den Kopf und erwiderte den Blick zweier blauer Augen, die sie unter schweren Lidern ansahen. Der Mann blinzelte mehrmals und das genügte Amanda. Erschöpft, aber zufrieden glitt sie in die samtige Dunkelheit.

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