Leseprobe "Erwachen"

Der finale Band der Urban-Fantasy-Reihe "New Gods"

Kapitel 1

»Komm.«

Inmitten eines Schlachtfelds, die Luft erfüllt von Schüssen und Kampfschreien, drang dieses eine Wort dennoch glasklar an Siennas Ohren. Sofort ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie verließ die Position, an der Daleka sie zuvor zum Warten abgestellt hatte, und ging nun auf die Generalin zu. Das Chaos um sie herum störte sie dabei nicht.

Ganz im Gegenteil: Das Kampfgeschehen sang zu ihrem dunklen Kern, befeuerte die Blutgier des Monsters in ihrer Seele.

Da war es Sienna egal, dass durch die zerbrochenen Fenster kalte Nachtluft strömte und der Geruch von Salzwasser und Blut sich mischte Es war ihr gleichgültig, dass der verwüstete Speisesaal nur von einer Notbeleuchtung erhellt wurde. Was machte es schon, dass Menschen und falsche Gottheiten um sie herum mit Schusswaffen und übernatürlichen Fähigkeiten kämpfen?

Für Sienna war nur eines wichtig: Sie musste Daleka gehorchen.

Dicht trat sie hinter Daleka, die neben einem Mann inmitten des Schlachtfelds stand. Wie auch Sienna trugen Daleka und der Soldat schwarze Einsatzkleidung. Vor dem Soldaten auf dem Boden lag ein weiterer Mann, dessen bloßer Anblick Siennas Haare zu Berge stehen ließ. Jedoch nicht, weil er über und über mit Blut bedeckt war.

Nein, es lag daran, dass er ein falscher Gott war.

Daleka hob den Arm und deutete auf eben diesen Mann, wobei sie forderte: »Tu deine Pflicht.«

Der Soldat nahm den Stiefel von der Brust des falschen Gottes und sofort setzte Sienna sich in Bewegung. Die Knie links und rechts von seinem Körper, beugte Sienna sich über ihn, legte beide Hände um den Hals des Scharlatans und drückte zu.

Unter ihren Fingern spürte sie, wie sein Kehlkopf knirschte.

Panik flammte in den grünen Augen des Gottes auf. Augen, die Sienna schon im haitianischen Urwald gesehen hatte. Der falsche Gott packte ihre Handgelenke, wollte ihren Griff lockern und sich befreien, doch Sienna ließ es nicht zu. Sie musste Daleka gehorchen. Musste das tun, wofür sie ausersehen war.

Mittlerweile röchelte der falsche Gott unter ihr, Adern platzten in seinen Augen und der Griff seiner Hände wurde schwächer.

»S… Sienna«, presste er hervor.

Ihren Namen aus seinem Mund zu hören verstärkte das eiskalte Kribbeln auf ihrer Haut, erzeugte einen verdrehten Hunger in ihr. Wie schon in Nigeria, wie auf Haiti. Es war ein Test, um ihre Willenskraft zu prüfen. Wieder und wieder hatte Daleka ihr eingetrichtert, dass sie dem widerstehen musste.

Nein, sie würde nicht scheitern!

Mit einem Knurren umfasste Sienna seinen Hals fester. Nur noch ein bisschen, dann hätte sie ihre Aufgabe erfüllt! Daleka wäre stolz auf sie, würde sie vielleicht sogar loben. Angespornt von diesem Gedanken, sah Sienna dabei zu, wie langsam aber sich das Leben aus den Augen des falschen Gottes wich.

Nur noch einen Moment, nur noch…

… ein Schuss schlug dicht neben ihrem Bein in den Boden ein, die zwei darauffolgenden trafen sie in die Flanke. Schmerz explodierte an den Einschussstellen, erfüllte sie und nahm in die Luft zum Atmen. So abgelenkt, lockerte Sienna den Griff um den Hals des falschen Gottes. Dieser nutzte sofort seine Chance, schubste sie von sich herunter und atmete keuchend ein.

Zwei Paar Hände packten sie unter den Schultern und zerrten sie weg. Noch immer tobte der Kampf um sie herum. Doch anders als zuvor stachelte es ihre Götterkraft nicht an, lockte sie nicht hervor. Zu groß waren die Schmerzen in ihrem Rumpf. Nur langsam schob ihr Körper die Kugeln wieder nach draußen und reparierte den entstandenen Schaden.

Dabei hatte Sienna nur noch Augen für eine Person: Die Generalin ging neben ihr her und brüllte Befehle. Sienna konnte sie kaum verstehen, dafür wummerte ihr Herzschlag zu laut in ihren Ohren. Erst auf dem offenen Deck der künstlichen Insel ließen die beiden Soldaten sie los. Hart schlug Sienna auf dem Boden auf, ächzte und krümmte sich zusammen. Noch immer brannten die Schussverletzungen in ihrem Leib.

»Es… tut mir leid«, wisperte Sienna, hustete und spuckte Blut auf den Boden. Nur schwach schimmerte es im Schein der Notbeleuchtung.

Daleka packte sie an beiden Schultern und zerrte sie in eine sitzende Position, bis Sienna ihr in die Augen sah. »Du hast deine Sache bisher gut gemacht. Noch ist nichts verloren, unser Plan bleibt derselbe.«

»Aber, ich –«

»Sei still!« Daleka schüttelte sie einmal kräftig, dabei loderte es in ihren haselnussfarbenen Augen. »Du wirst eine weitere Chance erhalten, wenn du genau das tust, was wir besprochen haben. Hast du verstanden? Er ist ein Hochstapler, ein einfacher Mann. Er wird fallen, genauso wie die anderen, und du wirst dafür sorgen.«

Sienna nickte hektisch.

»Sehr gut.« Daleka ließ von ihr ab, winkte eine Soldatin zu sich und nahm von ihr einen Rucksack entgegen. Ein Klimpern erklang darin und als Sienna ihn nahm, fühlte sie das hohe Gewicht.

»Versteck dich und sobald du geheilt bist, leg dir die Ketten von Oëmis an. Dadurch wirst du von den falschen Gottheiten nicht bemerkt und kannst auf deine Chance warten, sie einen nach dem anderen auszuschalten. Hast du mich verstanden?«

Abermals nickte Sienna, doch Daleka packte ihr Handgelenk und forderte: »Sag es mir!«

»Ja. Ich habe verstanden.«

Unvermittelt erschien ein Lächeln auf Dalekas Gesicht. Es war so warm, dass Sienna all ihre Schmerzen und ihre Unsicherheit vergaß. Oh, für genau dieses gütige Lächeln würde sie einfach alles tun. 

»So ist es gut, mein Kind«, sagte Daleka. Dabei strich sie über Siennas Wange. »Enttäusche mich nicht.«

»Werde ich nicht.«

Ein letztes Mal nickte Daleka, dann richtete sie sich auf und griff nach ihrem Funkgerät. »Team Alpha, konntet ihr die Daten sichern?«

Nur Sekunden später knarzte ein »Jawohl« aus dem Funkgerät.

»Sehr gut. Lasst das Geschenk da, dann ziehen wir uns zurück.«

»Jawohl«, erklang es mehrfach über Funk.

Sofort wandten Daleka und die Soldatin sich von Sienna ab und gingen zurück zu den Helikoptern. Auch aus dem Gebäude strömten die schwarzgekleideten Einsatzkräfte und traten den Rückzug an. Sienna hingegen umfasste den Riemen des Rucksacks fester, rappelte sich auf und zwang sich dazu, nicht Daleka hinterher zu sehen.

Sie musste sich ein Versteck suchen und die Ketten anlegen, solange Arca und die falschen Gottheiten noch geschwächt waren. Eine Hand an ihre Seite gepresst – der Stoff dort von warmen Blut durchnässt – humpelte sie in Richtung eines der Nebengebäude.

 

Im Morgengrauen, drei endlose Tage später, bewegte Sienna vorsichtig ihr Beine. Sofort schoss Schmerz durch ihre Glieder, wie Milliarden Nadelstiche. Es war die Strafe dafür, dass sie zu lange zusammengekauert ausgeharrt hatte. Jetzt kam der Blutfluss wieder in Gang und ihre Nervenenden erwachten schreiend zu neuem Leben. Aber Sienna ließ sich davon nicht ablenken, sondern massierte gezielt die verkrampfte Muskulatur.

Sie hatte so viel schlimmere Qualen bereits durchlitten. Da waren die Schmerzen jetzt, die Kälte, das endlose Warten, die Nächte ohne Schlaf und die Tage ohne Essen und Wasser nur eine kleine Unannehmlichkeit. Ein notwendiges Übel, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Daleka hatte ihr eingeschärft, dass sie nur diese eine Chance hatten und dass Sienna sie unbedingt ergreifen musste.

Beseelt von diesem Gedanken, richtete Sienna ihre ganze Konzentration auf das von der Dämmerung erhellte Deck und den Mann, der darüber ging. Er war alleine, trug eine dunkelblaue Jacke, einen roten Schal und ausgewaschene Jeans. Seine dunklen Locken wurden vom Wind zerzaust. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, aber Sienna musste sein Gesicht nicht zu sehen, um ihn zu erkennen.

Sie wusste, wer er war.

Was er war.

Die ganze Zeit seit dem Angriff hatte sie sich auf der Insel verborgen gehalten. Hatte das Kommen und Gehen an Deck beobachtet, ohne selbst entdeckt zu werden. Oëmis‘ Ketten hatten sie vor den falschen Gottheiten verborgen, aber auch die Menschen hier waren nicht wachsam gewesen. Viel zu sehr wiegten sie sich in der falschen Sicherheit, keiner Gefahr mehr ausgesetzt zu sein. Es machte sie leichtsinnig.

Jetzt war Siennas erste Gelegenheit gekommen und sie würde sie nutzen. Dieses Mal würde sie nicht versagen. Langsam erhob sie sich, atmete tief durch und sprintete aus ihrem Versteck.

Sie war bereit, den Gott des Wissens endlich zu töten.

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