Leseprobe "Erdulden"

Der vierte Band der Urban-Fantasy-Reihe "New Gods"

Kapitel 1

Der Ballsaal war angefüllt mit dem Murmeln hunderter Stimmen, dem Duft von teurem Parfüm und einer Energie, die auf der Haut prickelte.

Kiva stand abseits der Grüppchen, statt sich wie Stephen mitten hinein zu werfen, und nippte an ihrem Champagner. Ihr war es hier zu voll und zu stickig. Obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief und die Temperatur in Istanbul für Ende August angenehm hielt, musste Kiva sich ständig Luft zufächeln.

Warum nur hatte sie sich schon wieder dazu überreden lassen, Stephen auf eine dieser Veranstaltungen zu begleiten? Wo ihr Verlobter sie doch wieder allein hatte stehen lassen, nachdem der offizielle Teil beendet worden war.

Kiva seufzte, leerte ihr Glas und winkte einen Kellner heran, um es gegen ein volles auszutauschen. Vielleicht sollte sie sich ein Taxi rufen und alleine nach Hause fahren. Stephen würde ihr zwar später wieder einen Vortrag halten, dass sich das für die Frau an seiner Seite nicht gehörte, aber Kiva war bereit, dieses Opfer zu erbringen.

Besser, als hier am Rand zu warten wie ein liegengelassenes Spielzeug.

Das einzige, was sie davon abhielt zu gehen, waren die drei Personen, die in einigen Metern Entfernung mit der griechischen Premierministerin und einem Vertreter von Greenpeace redeten. Es waren zwei großgewachsene Männer und eine Frau.

Sie alle hatten dunkle Haare. Die Frau hatte eine Sanduhrfigur und in ihrem rechten Ohr schimmerte eine Reihe von Silbersteckern. Der Mann zu ihrer Rechten war breitschultrig und hatte blaue Augen, ihr zweiter Begleiter war an den Schläfen bereits ergraut und lächelte so charismatisch, dass man einfach zurücklächeln wollte.

Dr. Artemis Calogero, Nikopol Seymour und Dr. Ezra Paxton.

Die Leiterin von Arca und zwei lebende, atmende Götter.

Noch nie war Kiva einem von ihnen so nahe gekommen. Sie hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie es sein würde, sie live zu erleben, doch als zuvor Nikopol Seymour eine Rede gehalten hatte …

Im Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören, so still war es gewesen. Alle Anwesenden hatten an den Lippen des Gottes gehangen. Vor allem Stephen hatte so fasziniert zugehört, wie sie es bei ihm noch selten erlebt hatte.

Es war ein krasser Gegensatz zu dem Tamtam, das er veranstaltet hatte, als er vor drei Wochen über diverse Kontakte noch zwei Karten für die Gala ergattert hatte. Kiva hatte nicht vergessen, wie aufgeregt er in ihre gemeinsame Wohnung gestürmt war.

 

»Kiva! Liebling, du wirst es nicht glauben, wo wir hin gehen!«

Kiva sah von ihrem Tablet auf und blinzelte überrascht. Ihr Verlobter stand atemlos vor ihr, sein rotbraunes Haar zerwühlt und ein Hemdzipfel hing aus der Hose. Nie, niemals sah Stephen anders aus als topgestylt. Sie scherzte immer, dass er schon so aus dem Bett stieg.

»Um Himmels Willen, was ist passiert?«, fragte sie daher, während sie das Tablet zur Seite legte.

»Etwas Großartiges!«, verkündete Stephen, kam auf sie zu und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. »Wir gehen zu der Benefiz-Gala, an der auch Arca teilnehmen wird! Endlich kann ich mich persönlich mit ihnen austauschen und die Bedingungen für meine Gemeinde aushandeln!«

»Oh, wow.« Kiva räusperte sich und fügte mit einem Lächeln hinzu: »Das hört sich wunderbar an.«

»Es ist weit mehr als wunderbar.« Mit einem glücklichen Seufzen ließ sich Stephen neben sie auf das Sofa fallen. »Das ist ein großer Schritt für die ›Anhänger der neuen Götter‹. Wir werden endlich Zugang zu unseren Gottheiten erlangen.«

Kiva murmelte eine Zustimmung, doch wie so oft, wenn Stephen von seiner Gemeinde sprach, hörte er ihr gar nicht mehr zu. Stattdessen drehte er den Kopf zu ihr und sagte: »Du musst mir dabei helfen, meine Rede zu üben.«

»Aber natürlich. Hast du dir schon überlegt, wer dich begleiten soll?«

Stephen zog die Brauen über den blassblauen Augen zusammen. »Du natürlich.«

»Aber Schatz«, setzte Kiva an und zwang sich, ihren Unmut nicht zu zeigen. »Wäre es bei einem für die Gemeinde so wichtigen Treffen nicht besser, wenn du Ibrahim oder Nanette mitnimmst? Sie könnten dich sehr viel besser unterstützen als ich, immerhin arbeiten sie schon lange für die Gemeinde und kennen sich mit Arca aus.«

»Kommt gar nicht in Frage«, brauste Stephen auf und schüttelte den Kopf. »Nein, du musst mich begleiten. Alle anderen werden auch ihre Partner mitbringen. Was würde ich denn für ein Bild abgeben, wenn ich mit einem Mitarbeiter auftauche?«

»Aber –«

»Sch«, unterbrach Stephen sie und legte einen Finger auf ihre Lippen. »Du wirst das wunderbar machen. Vor allem, wenn du das weinrote Kleid trägst, das ich dir zum Geburtstag geschenkt habe.«

 

Gelächter, nicht weit von ihr, holte Kiva zurück in die Gegenwart.

Sie trank von ihrem Champagner und strich über den Rock eben jenes Kleides, das Stephen sich gewünscht hatte. Es fühlte sich für sie an wie eine Verkleidung, zusammen mit dem protzigen Goldarmband, das schwer an ihrem linken Handgelenk hing.

Abermals musterte sie die drei Arca-Mitglieder. Mittlerweile hatte sich Stephen zu der Gruppe vorgearbeitet, war nur noch wenige Meter von ihnen entfernt. Immer wieder warf er einen begehrlichen Blick zu den dreien – während er Kiva nach wie vor ignorierte.

»Ich müsste schon eine Göttin sein, um mehr Aufmerksamkeit von ihm zu bekommen«, brummte Kiva an ihrem Glas und trank einen weiteren Schluck.

»Haben Sie noch nie den Spruch gehört: Sei vorsichtig, was du dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen?«

Ein kaltes Prickeln lief Kiva die Wirbelsäule hinunter, als sie die vertraute Stimme hinter sich hörte. Langsam drehte sie sich um und sah zu Mr. Harrington hinunter. Er manövrierte seinen Rollstuhl dicht neben sie und lächelte sie an, wobei sich ein Grübchen auf seiner rechten Wange zeigte. Ein viel zu sympathisches Merkmal für einen ungehobelten Mistkerl, wie er einer war.

»Mr. Harrington«, sagte Kiva möglichst gelassen. »Ich hätte nicht erwartet, Sie auf dieser Gala zu treffen.« Dabei deutete sie mit ihrem halbleeren Glas in Richtung der Ehrengäste des Abends.

Wie erwartet zogen sich Mr. Harringtons Mundwinkel nach unten und ein harter Ausdruck trat in seine Augen. Sie hatten eine interessante Färbung, waren so dunkelblau, dass man sie im ersten Moment für schwarz halten konnte. Obwohl er nur zwei Jahre älter als sie war, zog er ein Gesicht wie ein mies gelaunter Greis.

»Hätte ich gewusst, dass diese Scharlatane hier sind, wäre ich nicht gekommen«, schnaubte er.

Kiva lächelte breit. »Es war wochenlang überall in den Nachrichten. Oder lesen Sie keine Zeitung?«

»Ich war in ein neues Projekt vertieft«, konterte Mr. Harrington scharf. »Das ist wichtiger, als mir die Klatschspalten durchzulesen oder falschen Göttern hinterher zu hecheln.«

Er verzog abschätzig den Mund und musterte Kiva auf eine Art, die in ihr Wut aufsteigen ließ. Jedes verdammte Mal, wenn sie auf Ryker Harrington traf, wollte sie ihm den Hals umdrehen.

Kiva atmete tief durch, zählte bis zehn und erinnerte sich daran, dass Gefängniskleidung keinem schmeichelte. Sie würde den ungehobelten Klotz einfach weiter anlächeln und sich aus dem Staub machen, bevor sie handgreiflich wurde.

Dumm nur, dass Mr. Harrington ihr mit seinem Rollstuhl den Weg versperrte. Kiva starrte zu ihm hinunter. Er war so ganz anders als Stephen und das lag nicht an seiner körperlichen Beeinträchtigung: Sein dunkelblondes Haar war nachlässig nach hinten gestrichen, er hatte einen Dreitagebart, sein weißes Hemd war knittrig und er trug keine Krawatte.

»Geben Sie es zu«, forderte er und richtete sich ein Stück auf. »Diese beiden Männer sind Hochstapler.«

»Mr. Harrington«, sagte Kiva gepresst und ballte eine Hand zur Faust. »Ich bin eine große Anhängerin der Meinungsfreiheit. Wenn Sie nicht anerkennen wollen, dass es wieder Gottheiten auf der Welt gibt, dann dürfen Sie das gerne tun. Im Gegenzug verlange ich nur von Ihnen, dass Sie mir auch meine Meinung lassen, statt mich bei jedem unserer Treffen bekehren zu wollen.«

Mr. Harrington lachte, ein leiser und rauer Laut, bei dem sich Kivas Nackenhaare aufstellten. Dann schüttelte er den Kopf und sagte, noch immer grinsend: »Sie sind beinah so redegewandt wie Ihr aalglatter Verlobter. Ist es Ihnen nicht unangenehm, wie er sich an die zwei Betrüger heranschmeißt? Aber halt, ich vergaß … Als Anführer seiner eigenen kleinen Sekte wird das wohl von ihm erwartet. Wollen Sie nicht zu ihm gehen und sich als … Opfergabe anbieten?«

»Arschloch«, zischte Kiva und kippte ihm den Inhalt ihres Glases ins Gesicht. 

Mr. Harrington wich zurück, der Champagner tropfte herunter, tränkte sein weißes Hemd und ließ es an seinem Oberkörper kleben. Langsam wischte er sich über das Gesicht und als er wieder zu ihr aufsah, war da wieder das Grübchen auf seiner Wange. Diesem Mistkerl schien das alles auch noch Spaß zu machen!

Kiva knurrte tief in der Kehle, machte einen Schritt auf ihn zu und wollte ihm ordentlich die Meinung geigen, da packte sie jemand am Oberarm und zog sie von Mr. Harrington fort.

»Liebling«, flötete Stephen. »Ich glaube, du hast deinen Standpunkt gegenüber Mr. Harrington deutlich gemacht.«

»Das denke ich nicht«, erwiderte Kiva kalt. Trotz seines charmanten Lächelns entging ihr nicht, wie wütend Stephen im Moment auf sie war. Sie erkannte es deutlich an der Ader, die an seiner Schläfe pochte.

»Doch, hast du«, sagte Stephen trügerisch sanft. Leise, so dass nur sie es hörte, zischte er: »Benimm dich! Du wirfst ein schlechtes Licht auf mich!«

»Entschuldigt mich«, sagte Kiva kalt.

Sie machte sich von Stephen los und ließ ihn mit Mr. Harrington allein zurück. Sie wusste nicht, auf wen sie wütender war: ihren Verlobten oder das Ekelpaket von einem Möchtegernkünstler.

Ach was, sie hatten sich beide wie Mistkerle benommen! Beide hatten sie unmöglich behandelt und vor allem Stephens Verhalten schmerzte. Warum konnte er sich nicht einmal auf ihre Seite stellen, statt sich nur dafür zu interessieren, was er für ein Bild nach außen abgab?

Kiva ballte die Hände zu Fäusten. Statt nach draußen zu gehen und sich ein Taxi zu rufen, bog sie zur Bar ab und bestellte sich einen Whisky on the rocks. Sobald die Barkeeperin ihr das Glas servierte, stürzte sie es in einem Zug hinunter und ließ sich nachschenken.

Der Alkohol brannte sich seinen Weg hinunter in ihren Magen und löschte doch nicht das Feuer des Zorns, das in ihr loderte. Ganz im Gegenteil, er heizte es weiter an.

Als sie das zweite Glas entgegennahm und zum Mund führen wollte, stieß jemand mit ihr an und sie hörte ein »Cheers« neben sich. Irritiert senkte Kiva ihren Drink, drehte sich um und musterte den Mann, der neben sie an die Bar getreten war.

Oder wohl eher, den Gott.

Mit einem Lächeln, bei dem seine bernsteinfarbenen Augen regelrecht aufleuchteten, lehnte sich Ezra Paxton neben sie an die Theke. Er nippte an seinem eigenen Drink und zwinkerte ihr dabei so charmant zu, dass Kivas Wut verrauchte.

Oder lag es daran, dass der Gott der Emotionen ihre Gefühle direkt beeinflusste?

»Egal, was die beiden angestellt haben«, sagte der Gott und deutete mit seinem Glas in die Richtung, aus der Kiva gekommen war, »Sie sollten sich davon nicht den Abend verderben lassen.«

»Das sagen Sie so leicht«, murmelte Kiva. »Immerhin werden Sie hier von jedem hofiert.« Der Alkohol war mittlerweile in ihrem Gehirn angekommen und schien ihre Zunge zu lockern.

Doch statt ihr den flapsigen Spruch übel zu nehmen, lachte Ezra Paxton leise. Es war ein so angenehmer Laut, voller Wärme, so dass Kiva sich am liebsten darin einhüllen wollte. 

»Wie machen Sie das?«, fragte sie neugierig.

»Was denn?«

»Dass ich mich nicht mehr so fühle, als müsste ich jeden Moment vor Wut platzen.«

Wieder lachte Ezra Paxton. Die Anspannung wich aus Kivas Körper. Sie imitierte die Pose des Gottes und stützte sich mit dem Arm auf die Theke.

»Das liegt an dem Area-Effekt, den die anderen Gottheiten und ich erzeugen«, erklärte Ezra Paxton. »Selbst wenn wir unsere Fähigkeiten nicht bewusst einsetzen, wirken sie dennoch auf unsere Umgebung.«

»Faszinierend.« Kiva hatte bei weitem nicht so viele Abhandlungen und Artikel über die Gottheiten gelesen wie Stephen, doch sie kannte einige der Veröffentlichungen des Wissenschaftsteams von Arca. 

Der Gott zuckte mit den Schultern. »Wie man es nimmt. Seien Sie froh, dass ich mich mittlerweile gut im Griff habe. Ansonsten könnte diese Veranstaltung zu einer Orgie oder einem Schlachtfeld mutieren.«

»Bitte nicht«, erwiderte Kiva und lachte leise vor sich hin.

»Ich tue mein Bestes«, sagte Ezra Paxton, hob sein Glas und sie stießen an. »Mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Kiva Luong.«

»Sehr erfreut, Ms. Luong«, erwiderte der Gott der Emotionen. Sie nippten beide an ihren Drinks und Kiva hatte ihren kaum sinken lassen, da stieg ihr das Aftershave ihres Verlobten in die Nase.

»Dr. Paxton«, sagte Stephen dicht neben ihr. »Wie ich sehe, haben Sie bereits Bekanntschaft mit meiner reizenden Verlobten gemacht. Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Stephen Connell und ich bin der erste Vorsitzende der ›Anhänger der neuen Gottheiten‹.«

»Guten Abend«, sagte der Gott und schüttelte Stephen die Hand. Dieser strahlte über das ganze Gesicht und schob Kiva wenig elegant zur Seite. 

»Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen«, flötete er. »Ich warte schon lange auf eine Gelegenheit, Sie und die anderen Gottheiten persönlich kennenzulernen.«

Kiva verdrehte die Augen … und fühlte sich ertappt, als sie bemerkte, dass Ezra Paxton sie beobachtete. Er zwinkerte ihr sogar zu, ehe er sich auf Stephen konzentrierte.

Obwohl Kiva nach wie vor wütend auf ihren Verlobten war, hatte dieses Gefühl nichts mehr von der vorigen Intensität. Statt davon zu stürmen, leerte sie ihren Drink und strebte in gemächlichem Tempo zum Ausgang. Sie würde sich dieses Theater keine Minute länger mehr antun, sondern nach Hause fahren, sich ein langes Schaumbad gönnen und dabei ihren nächsten Rundflug planen.

Wenige Augenblicke später trat Kiva hinaus in die schwüle Nacht, stieg in eines der wartenden Taxis und nannte dem Fahrer ihre Adresse. Mit einem Seufzen lehnte sie sich zurück …

Plötzlich fing ihr Herz an zu rasen. Ihr wurde heiß und kalt, und in ihren Ohren wummerte es. Doch so schnell, wie der Spuk angefangen hatte, so schnell war er auch wieder vorüber.

Ich sollte die Finger vom Alkohol lassen, dachte Kiva, schloss die Augen und lauschte der Musik aus dem Autoradio.

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