Leseprobe "Erbarmen"

Der sechste Band der Urban-Fantasy-Reihe "New Gods"

Kapitel 1

Ende Mai, vor 1 ½ Jahren

 

 

 

»Artemis Calogero, du bist die schlimmste Tochter, die eine Mutter haben kann!«

Arty kniff die Augen zusammen und hielt das Handy von ihrem Ohr weg. Wie sie es hasste, bei ihrem vollen Vornamen genannt zu werden.

Obwohl das Smartphone nun auf der Fensterbank lag, hörte sie ihre Mutter weiter fluchen. Sie beschimpfte Arty und warf ihr in verschiedenen Varianten an den Kopf, wie dämlich sie sich gerade verhielt.

»Ja ja«, murmelte Arty. Sie zündete sich eine weitere Zigarette an, sog den Rauch tief in ihre Lungen und stieß ihn in einem Schwall wieder aus. Hinter ihr sprachen Miles und William leise miteinander, während sie an ihren Laptops saßen.

Obwohl die Nacht bereits hereingebrochen war, waren die Straßen um das Haus hell erleuchtet. Hunderte Schaulustige und nochmal so viele Reporter drängten sich im Schein der Flutlichter um das Gebäude und wollten alle einen Blick auf den Mann werfen, der gerade im Obergeschoss des angemieteten Hauses schlief.

Arty hatte tausend Aufgaben zu erledigen und doch hörte sie sich eine Standpauke ihrer Mutter an. Für einen Moment dachte sie daran, einfach aufzulegen, doch das würde Fedora Calogero nur noch wütender machen.

Und niemand verscherzte es sich gern mit der Familien-Matriarchin.

»Hörst du mir überhaupt noch zu?!«, schallte es aus dem Lautsprecher.

Schnell hielt sich Arty das Handy wieder ans Ohr. »Aber natürlich.«

»Ich kenne diesen Tonfall genau, junge Dame!« Ihre Mutter ächzte, als würde sie die Last der Welt tragen. »Ich verstehe es nicht, Artemis. Warum bist du nach Südamerika geflogen, um irgendeinen durchgeknallten Hinterwäldler unter deine Fittiche zu nehmen?«

»Isaac Naveda ist kein Hinterwäldler«, konterte Arty und zog an ihrer Zigarette. »Er hat drei Doktortitel. Aber viel wichtiger ist, dass er der neue Gott ist.«

»Das ist doch Unsinn! Plumpe Medienpropaganda, um zu verschleiern, dass irgendeine Terrorzelle psychoaktive Substanzen ins Trinkwasser oder in die Luft abgelassen hat.«

Arty lachte trocken auf. »Das glaubst du also? Die gesamte Menschheit vergisst Dinge oder hat plötzlich neues Wissen, und das alles nur wegen ein bisschen LSD?«

»Du bist hier die Wissenschaftlerin«, entgegnete Fedora Calogero. »Wofür habe ich dein teures Studium bezahlt, wenn du dich von solchen Ammenmärchen einfangen lässt?«

»Weil alle Indizien darauf hinweisen, dass es keine Ammenmärchen sind. Isaac Naveda ist der erste Gott seit Jahrtausenden! Jemand muss sich um ihn kümmern. Ihn beschützen und erforschen, warum ein gewöhnlicher Mann plötzlich zum Gott wird.«

»Und dieser Jemand musst ausgerechnet du sein?«

Arty ignorierte den Sarkasmus in der Stimme ihrer Mutter. »Ja, das muss ich sein. Ich bin qualifiziert, habe die nötigen finanziellen Mittel und er hat sich mir freiwillig angeschlossen. Wusstest du, dass die argentinische Regierung ihn als so etwas wie Staatseigentum beanspruchen will?«

»Wie unschicklich«, erwiderte Fedora angewidert, ehe sie einen tiefen Seufzer von sich gab. »Du warst schon immer sturer, als gut für dich ist.«

»Ich habe auch von der Meisterin gelernt.«

Statt sie für diesen Kommentar abermals zu rügen, lachte Artys Mutter. »Na schön, in Ordnung. Du kannst deinen Erbteil rauswerfen, für was du willst. Stell nur sicher, dass du dabei nicht deinen Kopf verlierst.«

Arty drehte sich vom Fenster weg zu den beiden Männern, die im hinteren Teil des großen Wohnzimmers saßen. Sie starrten in Laptops und sprachen gleichzeitig in ihre Headsets.

»Keine Sorge, Mom«, sagte Arty und drückte ihre Zigarette aus. »Ich habe bisher nur Profis engagiert und das will ich auch so beibehalten.«

»Na, immerhin.« Abermals seufzte Fedora Calogero und Arty wusste, dass sie diese Diskussion gewonnen hatte. Zumindest vorerst. Immerhin konnte sie sich nun wieder auf die Aufgaben konzentrieren, die vor ihr lagen. 

»Ich melde mich in einigen Tagen wieder«, verabschiedete Arty sich und legte auf. Anschließend ging sie zurück zu den beiden Männern. 

»William, Miles. Was gibt es Neues?«

Miles, ein breitschultriger Amerikaner mit rotbraunem Haar, tippte sich an das Headset und bedeutete ihr damit, dass er noch telefonierte. William hingegen nahm sein Headset ab und drehte den Laptop so, dass Arty freie Sicht auf das Display hatte.

»Die Besitzansprüche der Argentinier wurden abgewehrt. Egal was du deinen Anwälten bezahlst, sie sind es wert.«

»Das will ich auch hoffen.«

»Aber es ist nur ein Teilsieg«, sagte William. »Je länger wir hier im Land bleiben, desto penetranter werden sie werden.«

»Ja, das befürchte ich auch«, brummte Arty. Nervös nestelte sie an der Zigarettenpackung in ihrer Hosentasche.

»Und ganz ehrlich, dasselbe Problem werden wir auch in jedem anderen Land haben.«

»Was sollen wir dann machen? Ins Weltall fliehen?« Arty lachte trocken und schüttelte den Kopf.

»Oder so was ähnliches«, klinkte sich Miles in die Unterhaltung ein. Er nahm das Headset ab. »Wir begeben uns in internationale Gewässer.«

Williams Augen weiteten sich. »Das ist genial. Zweihundert Meilen von den Küsten entfernt ist staatenloses Gebiet. Da kann kein Land mehr Ansprüche an Isaac stellen.«

»Brillant.« Arty nickte und zog ihr Handy aus der Hosentasche. »Ich kenne zufällig eine Reederei, die sich sehr über einen Auftrag von mir freuen würde.«

»Wenn wir das durchziehen, dann brauchen wir mehr Personal«, sagte Miles. »Ich war zwar mal einige Zeit bei der Navy, aber es ist mehr als eine seetüchtige Person nötig, um ein geeignetes Schiff zu steuern.«

»Okay, das sehe ich ein.« Arty setzte sich. »Habt ihr irgendwelche Kontakte? Vertrauenswürdige Leute, die am besten mehr als nur ein Talent haben und dazu noch absolut verschwiegen und loyal sind?«

William ächzte und strich sich über seine schwarzen, kurzgeschorenen Haare. »Verdammt, Arty, die wachsen nicht auf Bäumen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass es einfach wird«, sagte Arty.

William lachte, während Miles nur mit den Augen rollte. 

»Na gut«, sagte Miles, »ich mache mal ein paar Telefonate.« Er stand auf und nahm sein Handy mit. Es war offensichtlich, dass er keine neugierigen Ohren bei den Gesprächen haben wollte. Arty war es egal, solange das Ergebnis stimmte.

Sie wandte sich wieder an William. »Du willst nicht auch zum Hörer greifen?«

»Bei mir reichen SMS«, sagte der ehemalige Royal Air Force Pilot. Dabei huschten seine Finger bereits über das Display. »Was ist mit dir? Du kannst ja wohl schlecht alleine an dem neuen Gott forschen.«

»Hm, du hast recht.« Nachdenklich drehte Arty ihre Zigarettenpackung zwischen den Fingern. Eine Idee schlich sich in ihren Kopf und sie lächelte. »Einen Kandidaten hätte ich da schon. Einen Genetiker aus Frankreich. Wir hatten auf einer Konferenz mal eine fachliche Auseinandersetzung.«

»Ah, also magst du ihn«, vermutete William amüsiert.

Arty grinste und wollte etwas erwidern, als es an der Tür klingelte. Sofort sprang Arty von ihrem Stuhl auf, ihr schlug das Herz bis zum Hals. William griff nach der Waffe an seinem Gürtel und auch Miles kam mit gezogener Pistole zurück in den Raum.

»Miles, was sagt die Security?«, fragte William, woraufhin der Amerikaner sein Handy checkte – und die Stirn runzelte.

»Sie haben jemanden zu uns durchgelassen.«

»Was?!«, platzte es aus Arty heraus. »Sie haben doch die Anweisung, keinen auf das Grundstück zu lassen und wenn nötig zu schießen!«

»Haben sie auch«, antwortete Miles. »Es handelt sich wohl um … einen Priester.«

Arty fluchte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnten, war ein verdammter Geistlicher.

»Ich will diesen Irren sehen«, forderte sie. William legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Lass mich das machen. Egal, wie gründlich das Team arbeitet, es könnte dennoch ein sehr geschickter Täuscher sein.«

»Na gut.« Arty verschränkte die Arme vor der Brust. William nickte und ging mit gezogener Waffe in den Flur, der zum Hauseingang führte. Arty lehnte sich neben die Wohnzimmertür an die Wand und spitzte die Ohren.

Nur Sekunden später hörte sie, wie William mit einem Fremden Worte wechselte. Was gesprochen wurde, verstand Arty nicht.

Endlich tauchte William wieder im Türrahmen auf. Er steckte seine Waffe zurück ins Holster, ein schiefes Lächeln zog einen seiner Mundwinkel nach oben. »Arty, das musst du dir unbedingt anhören.«

»Bring ihn schon rein«, forderte sie ungeduldig.

Während Miles ebenfalls seine Waffe wegsteckte, drehte sich William halb um und winkte den Geistlichen herbei. Arty wappnete sich innerlich. Sie hatte solche Gespräche in den letzten Tagen, seit sie Isaac Naveda aus seiner völlig umstellten Wohnung geholt hatten, unzählige Male geführt. Mit den Katholiken, den Evangelischen, den Muslimen, den Orthodoxen und unzähligen anderen Konfessionen.

Sie würde diesem Geistlichen genau das sagen, was sie den anderen sogenannten Glaubensführern und auch allen anderen Staatsoberhäuptern gesagt hatte: Der neue Gott gehörte niemandem.

Der festen Überzeugung, sich gleich einem Mann in pompösem Talar oder ähnlichem gegenüber zu sehen, war Arty überrascht, als der Geistliche schließlich den Raum betrat. 

Ihr ungebetener Besuch war wie sie Anfang dreißig. Statt eines religiösen Ornats trug der Mann Stiefel, Jeans und eine wattierte Jacke. Er war schlank, großgewachsen und seine Gesichtszüge hatten einen asiatischen Touch. Sein halblanges schwarzes Haar war vom Wind zerzaust.

»Guten Abend«, sagte er mit tiefer Stimme. Sein dunkler Blick huschte kurz zu Miles, bevor er wieder Arty ansah. »Mein Name ist Shiro Rhynes und ich bin hier, um den neuen Gott zu sprechen.«

»Das wollen viele dieser Tage«, sagte Arty kalt und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie zur Hölle haben Sie es geschafft, an unserer Security vorbei zu kommen?«

»Ich bin nicht irgendein Priester«, entgegnete Mr. Rhynes entschieden. Er streifte seinen Jackenärmel zurück. Darunter kamen mehrere silberne Armbänder zum Vorschein und Arty wollte ihn schon verspotten, wie ein bisschen Modeschmuck sie überzeugen sollte …

… doch die Widerworte blieben ihr im Hals stecken.

»Sie sind ein Hohepriester der alten Götter.«

»Ganz recht«, erwiderte er. »Und Sie sind Artemis Calogero, die gelangweilte Milliardärserbin, die es sich in den Kopf gesetzt hat, den ersten Gott seit Jahrtausenden aufzunehmen.«

Statt wütend zu werden, wurde Arty von Vorfreude erfüllt. Oh, sie liebte es, wenn die Leute sie unterschätzten.

»Mr. Rhynes«, sagte sie liebenswürdig. »Ihnen ist schon klar, dass Sie mir danken sollten? Wäre ich nicht so gelangweilt, dann wäre ihr geschätzter Gott sicherlich schon längst an den Höchstbietenden verkauft worden. Wie ein Fass Rohöl. Keine Ahnung, wo Sie sich in der Zwischenzeit herumgetrieben haben.«

»Ich bin sein Ansprechpartner! Es ist meine Aufgabe, mich um den Gott zu kümmern. Es ist die Pflicht meiner Familie, die ihre Wurzeln bis zu den alten Gottheiten nachverfolgen kann.« Seine dunklen Augen blitzten und er fügte kalt hinzu: »Nicht die von Artemis Calogero, die zu viel Geld und Freizeit hat!«

Nach seinen hitzigen Worten war es im Haus so still, als wäre jegliches Geräusch verschluckt worden. Wut schnürte Artys Kehle zu. Das Schlimmste an Mr. Rhynes Aussage war jedoch, dass er sie als verwöhnte, gelangweilte Milliardärstochter darstellte.

Ein Knurren entwich Arty und sie machte einen Schritt auf den Mistkerl zu, um ihre Faust in seinem viel zu hübschen Gesicht zu versenken, doch Miles hielt sie zurück.

»Arty, lass das. Siehst du denn nicht, dass ihr beide dasselbe wollt? Sicherheit für Isaac und die Möglichkeit, diesem plötzlichen Göttererwachen auf die Spur zu kommen?«

»Ihr Mitarbeiter hat recht«, sagte Mr. Rhynes und um ein Haar hätte Arty sich wieder vergessen. Also atmete sie tief ein, hielt eine Sekunde die Luft an und ließ sie dann langsam aus ihren Lungen. Ganz so, wie das immer in diesen Anti-Aggressions-Trainings gezeigt wurde.

Und tatsächlich erkannte sie durch den Schleier ihrer Wut die Logik hinter Miles‘ Worten. Verdammt nochmal.

»Na gut«, lenkte Arty ein. Sie steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch. »Und welchen Mehrwert bieten Sie Isaac, außer Ihrer illustren Abstammung?«

»Wissen über die alten Gottheiten«, erwiderte Mr. Rhynes. »Ich besitze Aufzeichnungen aus der alten Zeit, die sicher hilfreich sind.«

Arty grinste. »Super, die können Sie auf Ihrem Weg nach draußen gleich da lassen.«

»Auf gar keinen Fall.« Mr. Rhynes verschränkte die Arme vor der Brust. »Diese Dokumente sind unbezahlbar und befinden sich schon seit der Zeit der alten Gottheiten im Besitz meiner Familie. Außerdem könnten Sie damit gar nichts anfangen, denn niemand außer den Priestern kann die Schrift lesen.«

Verdammter Mist, dachte Arty. Das war tatsächlich ein sehr gutes Argument.

»Na schön«, sagte sie widerwillig. »Aber wir fragen Isaac nach seiner Meinung. Er ist noch immer ein freier Mann und nur fürs Protokoll: Er ist freiwillig mit mir mitgekommen. Ich habe ihn also weder gezwungen, entführt oder bestochen.«

»In Ordnung, fragen wir ihn«, forderte Mr. Rhynes. Dabei lächelte er so siegessicher, dass Arty ihn am liebsten doch noch geschlagen hätte.

»Morgen«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Isaac ist erschöpft und hat noch viel zu verdauen. Ich werde ihn jetzt nicht wecken, nur weil sich endlich mal ein Hohepriester hierher verirrt hat.«

»Schön. Aber ich bleibe hier.«

Um ein Haar hätte Arty gelacht. Mr. Rhynes war ein Mistkerl, aber er war nicht auf den Kopf gefallen. Er ahnte, dass Arty ihn nicht mehr ins Haus lassen würde, wenn er jetzt ging.

»Prima«, sagte sie und zog an ihrer Zigarette. »Bleiben Sie hier, aber ich habe eine Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Sie nennen mich nie wieder bei meinem vollen Vornamen. Sagen Sie Arty zu mir, dann kommen wir vielleicht miteinander aus.«

Mr. Rhynes wirke sehr zufrieden und Arty wusste, dass sie sich gerade einen nervigen, wenn auch notwendigen Klotz ans Bein gebunden hatte.

Verdammt. Hoffentlich hatte ihre Mutter nicht recht damit, dass das eine dämliche Idee von ihr gewesen war.

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