Leseprobe "Tote lügen nicht"

Kapitel 1

 

 Eiskaltes Wasser rann in sein Ohr und riss ihn aus der Bewusstlosigkeit.

 

Ruckartig setzte er sich auf und bereute es sofort. Glühende Eisenstangen bohrten sich in sein Gehirn, ihm wurde schwindlig und seinen Magen rebellierte. Er krümmte sich zusammen und presste sich eine Hand auf den Mund. Dankenswerterweise schien er nichts gegessen zu haben, dennoch breitete sich der säuerliche Geschmack von Galle auf seiner Zunge aus.

Nur langsam ließ der Schmerz nach und er konnte sich auf seine Umgebung konzentrieren. Er saß zwischen zwei Mülltonnen, auf die der Regen prasselte. Das leise Trommeln war beruhigend, doch der Gestank des Abfalls machte das sofort wieder zunichte.

Zwielicht herrschte in der Gasse, in der er zwischen den Mülltonnen kauerte. Der Himmel war düster und grau, so dass es ihm unmöglich war, die Tageszeit zu schätzen. Oder die Jahreszeit. Oder wo er sich überhaupt befand.

Der Boden unter ihm war schmutzig und als er an sich heruntersah, stellte er fest, dass er auch nicht besser dran war. Die Kleider an seinem Leib waren zerschlissen, dreckig und viel zu groß. Vorsichtig griff er sich an den noch immer pochenden Kopf, strich sein Haar zurück und kaltes Wasser rann seinen Rücken hinunter. Seine Muskeln begannen zu zittern, denn die Kälte kroch immer weiter in seine Glieder.

Wer … wer war er?

Panik stieg in ihm auf, verdrängte für einen Moment seine Schmerzen und ließ sein Herz hart in seinem Brustkorb schlagen.

Wer zum Teufel war er?

Er versuchte, auf die Füße zu kommen, und scheiterte kläglich daran. Seine Beine gaben unter ihm nach und er stieß hart mit der Schulter gegen eine der Mülltonnen. Er ächzte über den neuerlichen Schmerz, rieb über die Stelle und bemerkte erst jetzt, dass er etwas in dieser Hand hielt. Es fiel auf den Boden, ein kleiner Ball aus zerknülltem Papier.

Zögerlich beugte er sich nach vorn, hob es auf und faltete es auseinander. Das Papier war nass und die Schrift darauf verwischt, aber noch lesbar. Mit zusammengezogenen Augenbrauen entzifferte er den Text. Sein Gehirn brauchte mehrere Anläufe, um die Symbole zu Worten zu formen.

 

Noah

Wenn du überleben willst, dann geh ohne Umwege zu

der unten genannten Adresse. Dort wird man dir helfen.

 

Noah …

Das war sein Name? War er Noah?

Er ließ den Namen auf sich wirken und es war, als hätte etwas in ihm nur darauf gewartet. Von einer Sekunde auf die andere hob sich der Schleier seiner Verwirrung und Erinnerungen, Gefühle und Gedanken drängten sich in seinen Kopf. Das alles geschah so schnell, dass er glaubte, ihm müsste der Schädel platzen. Die Zähne fest zusammengepresst, der Atem zischend, lehnte er sich an die Mauer in seinem Rücken und kämpfte darum, nicht ohnmächtig zu werden.

Noah, er war Noah Preston. Ein sechsundzwanzigjähriger Totenbeschwörer mit zweifelhaftem Talent. Es war nicht das erste Mal, dass er irgendwo in einer Gasse zu sich kam. Das hatte schon angefangen, als er ein Kind gewesen war und eine der zahllosen Pflegefamilien …

»Genug«, zischte er und schlug die Tür zu diesen betrübenden Erinnerungen zu. Obwohl sein jetziger Zustand besser war, als sich nicht an die eigene Identität zu erinnern, hielt Noahs Erleichterung nur kurz. Denn als er versuchte, sich an seine jüngste Vergangenheit zu erinnern, war da nichts. Nur ein düsterer, undurchdringlicher Nebel, getränkt von Furcht.

Ein Zittern durchlief ihn und er schlang sich die Arme um den Oberkörper. Er war abgemagert, noch dünner als er sich selbst in Erinnerung hatte. Die Kälte und der andauernde Regen machten es nicht besser. Er würde an einer Unterkühlung sterben, wenn er nicht bald irgendwo Schutz fand.

Noah sah wieder auf den Zettel, starrte auf die notierte Adresse. Es war eine in San Francisco, an den Hügeln … er befand sich in San Francisco. Das flüsterte ihm eine leise Stimme in seinem Hinterkopf zu. Er würde sicher dorthin finden können, wenn er erst einmal aus dieser Gasse herauskam und sich orientierte. Er … er kannte die Stadt, woher auch immer. Die Erinnerung daran lag hinter dem Nebel aus Furcht.

Das ist jetzt auch egal, dachte Noah. Er musste etwas unternehmen, denn zwischen den Containern wartete nur der Tod auf ihn. Obwohl er selbst so oft mit Leichen zu tun gehabt hatte, wollte er nicht selbst zu ihnen gehören. Nein, er wollte leben. So beschissen es auch für ihn verlief.

Wieder sah er auf die Adresse hinunter. Die Person, die sie ihm gegeben hatte, wollte ihm sicher helfen. Ob es dieselbe war, die ihn hier entsorgt hatte, war ihm im Moment gleichgültig. Wichtig war nur, dass diese Person Noah ein Ziel gegeben hatte.

Die Zähne fest zusammengebissen, stemmte sich Noah in die Höhe. Die Wand in seinem Rücken diente ihm als Stütze und sorgte dafür, dass er aufgrund seiner weichen Knie nicht sofort wieder zusammenklappte. Es dauerte mehrere Augenblicke, bis der Schwindel in seinem Kopf nachließ und er es wagen konnte, die ersten Schritte zu machen.

Wie ein neugeborenes Fohlen wankte er durch die Gasse, strebte zu deren Ausgang. Seine Ohren waren wie mit Watte gefüllt, das Prasseln des Regens drang nur noch dumpf zu ihm durch, doch Noah ging weiter. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis er endlich den Ausgang der Gasse erreichte.

Noah sah sich auf dem Bürgersteig um und Erleichterung erfasste ihn. Diese Straße kannte er! Er sah sich um, beobachtete die vorbeifahrenden Autos und einen Mann, der mit einem großen Schirm an ihm vorbeiging. Ein misstrauischer Blick streifte Noah, ehe der Mann sich von ihm abwandte.

Das kümmerte Noah nicht. Viel wichtiger war, dass er wusste, dass er nur zwanzig Minuten von der Adresse auf dem Zettel entfernt war. Jedoch müsste er bergauf gehen und seine Beine zitterten schon jetzt. Aber was war die Alternative?

Hier auf dem Randstein sterben, dachte Noah und schüttelte den Kopf. Nein, das würde er nicht. Also biss er die Zähne zusammen und ging los.

 

Letztendlich brauchte Noah mehr als dreißig Minuten. Jeden einzelnen Schritt hatte er sich abringen müssen, als wäre er durch Sirup gewatet, statt über nassen Asphalt zu gehen. Mit dem Geschmack von Blut auf der Zunge erreichte er sein Ziel.

Keuchend stand Noah vor dem Gartentor und starrte zu dem Haus. Es hatte drei Stockwerke und sah so aus, als wäre es aus mehreren Gebäudeteilen zusammengeschustert worden. Dadurch hätte es unheimlich sein sollen – wie Frankensteins Monster - doch stattdessen schmerzte Noahs Seele von der Erleichterung, die ihm beim Anblick dieses ungewöhnlichen Hauses überkam.

Wie ein Eisenspan von einem Magneten wurde er von dem Gebäude angezogen. Den Blick starr auf die Haustür gerichtet, schritt Noah durch das Gartentor und trat auf die Veranda. Als hätte sein Körper nun auch seine allerletzten Kraftreserven aufgebraucht, knickten ihm die Beine weg, sobald er vor der Tür stand. Sein Arm zitterte, so sehr strengte es ihn an, die Klingel zu erreichen.

Das Läuten kam wie aus weiter Ferne … und niemand reagierte darauf. Panik stieg in Noah hoch, drohte ihm den Atem zu nehmen. Ein weiteres Mal klingelte er, ehe sein Arm wie mit Gewichten beschwert nach unten sackte.

Dann – endlich! – hörte er Schritte von drinnen. Erleichtert ließ Noah den Kopf hängen. Er hörte, wie die Tür geöffnet wurde und dann …

»Du«, sagte eine Frauenstimme. Die Silbe klang schneidend und veranlasste Noah, wieder den Kopf zu heben. Vor ihm stand eine Frau, nur ein paar Jahre älter als er. Ihr schwarzes Haar lag über einer Schulter und reichte ihr bis zur Hüfte. Es schimmerte im Licht der Lampe über ihr. Ihre dunklen Augen waren zusammengekniffen und Noah fürchtete, dass sie ihn wegschicken würde.

Das durfte nicht passieren!»Bitte«, sagte er rau. »Ich brauche Hilfe.«

»Und warum suchst du die ausgerechnet hier?«, fragte die Frau. Sie verengte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Weil man mir gesagt hat, dass ich sie hier finden würde.« Noah schluckte hart, versuchte seine enge Kehle zu befeuchten. »Bitte.«

Die Frau verschränkte die Arme vor der Brust. Die Sekunden verstrichen und Noah fühlte sich, als läge ihm ein tonnenschweres Gewicht auf den Schultern. Hatte der Schreiber des Zettels ihm einen Streich gespielt? Ihm hier Hilfe versprochen, die er jedoch nicht bekommen würde?

»Komm«, sagte die Frau schließlich und trat zur Seite, so dass der Weg ins Haus frei wurde.

Erleichterung erfasste Noah, seine Schultern sackten nach unten und er atmete die angehaltene Luft aus. Mühsam rappelte er sich auf, presste die Zähne gegen den Schwindel zusammen und trat über die Schwelle. Dabei wankte er leicht von rechts nach links. Vielleicht hätte er sogar ganz das Gleichgewicht verloren, wenn die Frau ihn nicht am Arm gepackt und gestützt hätte. Ihr Griff war fest, aber nicht schmerzhaft.

Vielmehr strömte eine Wärme bei dieser Geste durch Noah, dass er um ein Haar gewimmert hätte. Dankbar für den Halt, lehnte er sich mehr gegen die Frau und ging mit ihrer Hilfe tiefer in das Haus hinein. Der Flur war schmal und an dessen Ende befand sich eine Art Wohnküche. Der Duft von getrockneten Kräutern hing schwer in der Luft.

Die Frau brachte ihn zu einer Sitzecke, half ihm sich auf die Bank zu setzen und verschwand wieder im Flur. Noah sah ihr nicht hinterher, sondern betrachtete den Raum. Irgendetwas war hier anders und es lag nicht an der eigenwilligen Einrichtung.

Es war die Aura, drang es in Noahs träge Gedanken. Die Atmosphäre hier war so friedlich, so heilsam. Als würde sie, wie die Wärme im Raum, in seinen Körper sickern und die Muskeln lockern.

Schritte erklangen und die Frau kam zurück, eine bunte Steppdecke in der Hand. Wortlos reichte sie sie ihm und Noah griff danach, als wäre sie ein weiterer Rettungsanker. Eilig wickelte er sich darin ein und seufzte. Der dicke Stoff wärmte ihn nicht nur, sondern verstärkte auch das Gefühl von Sicherheit.

Wieder trat die Frau vom Tisch fort, ging zu der Anrichte und begann zu hantieren. Ihre Bewegungen waren sparsam und es war deutlich zu erkennen, dass sie sich sehr oft in diesem Raum aufhielt. Wieder sah Noah sich um, entdeckte die Kräuterbündel unter der Decke und lächelte schwach, als er zum Fenster in der Sitzecke blickte und sah, dass es aus Buntglas gefertigt war. Sicher würde das Sonnenlicht als bunte Flecken in den Raum fallen, wenn …

Eine Bewegung in seinem Augenwinkel unterbrach seine Gedanken und Noah sah wieder zu der Frau. Sie hatte eine große, dampfende Tasse vor ihn gestellt, zusammen mit einem Teller Gebäck. Sofort griff Noah nach der Tasse, legte seine kalten Hände um die Keramik.

»Vielen Dank«, murmelte er. Er musste an sich halten, um den Tee nicht sofort hinunterzustürzen. Stattdessen nippte er vorsichtig daran.

»Na schön«, sagte die Frau, während sie sich ihm gegenüber hinsetzte. »Mein Name ist Kaliska. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Noah stellte die Tasse ab. Mochte sein Gedächtnis auch lückenhaft sein, so wusste er doch, dass kaum jemand es jemals als Vergnügen bezeichnet hatte, ihn zu sehen. Aber wie er ihr jetzt so gegenübersaß … Etwas klingelte da in ihm, ganz tief verborgen.

Er räusperte sich und antwortete: »Ich heiße Noah Preston und ich weiß nicht, warum, aber ich habe das starke Gefühl, als würde ich dich kennen. Sind wir uns schon einmal begegnet?«

»Ja, in einem Lagerhaus. Vor etwa zwei Wochen.«

»Vor zwei Wochen?«, fragte er dünn und lehnte sich ein Stück nach vorn. »Was habe ich in dem Lagerhaus gemacht? Haben wir uns unterhalten?«

»Weißt du das nicht mehr?«, fragte Kaliska und zog die Augenbrauen zusammen.

»Nein«, sagte Noah und schüttelte den Kopf. Den Blick auf den dampfenden Tee gesenkt, gestand er leise: »Die letzten Wochen … nein, Monate sind in meinem Kopf wie ausradiert. Als ich heute Nachmittag aufgewacht bin, hatte ich einen Zettel in der Hand. Auf dem stand, dass man mir bei dieser Adresse helfen würde.«

War es ein Fehler gewesen, ihr das zu sagen? Würde sie ihn jetzt nicht für einen verrückten Landstreicher halten und sofort wieder hinauswerfen? Schlimmer noch, die Polizei rufen? Die durfte ihn auf keinen Fall finden! Er wusste nicht genau, warum das so wichtig war, doch er wollte auf keinen Fall mit den Beamten zu tun haben. Nein, er musste hier in diesem Haus bleiben!

»Aber natürlich«, schnaubte seine Gastgeberin. Noch ehe Noah reagieren konnte, packte sie sein Handgelenk, drehte die Handfläche nach oben und zeichnete mit ihrem Zeigefinger ein Muster darauf. Magie prickelte auf Noahs Haut, all seine Haare standen zu Berge … doch dann verpuffte die Energie genauso schnell wieder, wie sie gekommen war.

»Du sagst die Wahrheit.« Kaliskas Augen waren geweitet, als sie Noahs Blick erwiderte. Er brachte lediglich ein Nicken zustande, während in seinen Gedanken eine Milliarde Fragen explodierten. Ihm schwirrte der Kopf, aber noch bevor er sich für eine Frage entscheiden konnte, drang das Geräusch einer sich öffnenden Tür an sein Ohr und er zuckte zusammen.

Gleich darauf rief eine Frau: »Ich bin wieder zuhause! Gott, was für ein Mistwetter. Ich bin kaum den Berg hochgekommen, so schießt hier das Wasser die Straße hinunter. Ich glaube, ich muss mir dringend ein Paar Gummistiefel besorgen, wenn das so weiter geht. Meinst du …«

Weiter kam diese Frau in ihrem Redefluss nicht, denn mittlerweile hatte sie die Küche erreicht und blieb wie angewurzelt stehen, als sie Noah entdeckte. Sie hatte helle Haut, war etwa in Kaliskas Alter und hatte kurze Locken, die an einer Seite auf wenige Millimeter getrimmt waren. Doch das auffälligste an ihr waren die Augen, die selbst im warmen Licht der Lampen in einem intensiven Royalblau strahlten.

Eben jene Augen kniff die Unbekannte zusammen, ehe sie zischte: »Was macht er hier?«

Ein Wummern setzte in Noahs Kopf ein. Sie kannte ihn auch? Im Gegensatz zu Kaliska verhielt sie sich ihm gegenüber eindeutig ablehnend. Was hatte er nur wieder angestellt?

»Er ist unser neuer Mitbewohner«, antwortete Kaliska mit amüsiertem Tonfall. Noahs Kopf zuckte zu ihr und er starrte sie an, vergaß dabei beinahe zu atmen.

»Was?«, brachte er schwach heraus.

Die andere Frau war da weit weniger zögerlicher. Ihre Stimme klang wie ein Peitschenschlag, als sie fragte: »Was?! Bist du verrückt geworden?!«

»Jetzt krieg dich wieder ein«, sagte Kaliska gelassen. Sie lächelte sogar noch ein wenig breiter, als sie sich zu ihm drehte. »Lass dich von Cleos fehlenden Manieren bitte nicht abschrecken. Vor nicht einmal einem Monat saß sie genau da, wo du jetzt sitzt und sah ähnlich bemitleidenswert aus.«

»Hey!«, empörte sich die Frau, die Kaliska eben als Cleo bezeichnet hatte.

Statt auf den Protest einzugehen, winkte Kaliska nur ab und fügte an Noah gewandt hinzu: »Ich bin froh, dass du hier bist. Ich hatte ehrlich gesagt angenommen, dass du mittlerweile tot bist und dein Potential damit verloren wäre.«

»Mein … Potential?«, fragte Noah dünn.

Kaliska nickte entschieden.

»Ähm, Entschuldigung?«, meldete sich Cleo wieder zu Wort, eindeutig unzufrieden. »Du willst ihn hierbehalten? Nach allem, was er angerichtet hat?«

»Was habe ich denn getan?«, fragte Noah.

Sofort zuckte Cleos Kopf in seine Richtung, in ihren blauen Augen loderte es. »Verarschen kann ich mich alleine.«

»Er weiß wirklich nicht, wovon du redest«, mischte sich Kaliska ein. »Jemand hat ihm die Erinnerung an die vergangenen Wochen genommen. Sehr gründlich. Da war ein Profi am Werk.«

Falls möglich, schwirrte Noahs Kopf noch mehr, trotzdem schafften es einige Gedanken durch das Chaos. Ganz offensichtlich war Kaliska auch ein paranormales Talent. Noch immer fühlte den Nachhall ihrer Magie auf seiner Haut. Er hatte nur wenige getroffen, die ähnlich andersartig waren wie er und selbst diese hatten sich vor seiner Fähigkeit … geekelt.

Er atmete tief ein und fragte: »Kannst du mir die Erinnerungen wiedergeben?«

 Seine Vergangenheit mochte nicht glücklich sein, aber sie gehörte dennoch ihm. Er mochte sonst nichts besitzen und sich selbst wollte er auf keinen Fall auch noch verlieren.

»Das wird sich noch zeigen«, sagte Kaliska. So aus der Nähe erkannte er, dass ihre Augen nicht schwarz waren, sondern ein sehr dunkles Grün hatten. Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Tasse und fügte hinzu: »Jetzt trink den Tee, dann bekommst du etwas zu essen und anschließend eine warme Dusche.«

»Das ist doch nicht dein Ernst?!«, platzte es aus Cleo heraus. Ihre Worte und ihr entgeisterter Gesichtsausdruck versetzten Noah einen Stich. Das war lächerlich, denn er kannte sie nicht und außerdem war sie nicht die Erste, die ihn nicht bei sich haben wollte. Er presste die Lippen aufeinander und legte die Hände fester um die Teetasse.

»Doch, ist es«, antwortete Kaliska gelassen.

»Du willst diesen Typen ernsthaft hier wohnen lassen?«

»Er heißt Noah und ja, gewöhn dich an den Gedanken.«

Cleo schnaubte, verschränkte die Arme vor der Brust und knurrte: »Ich halte das für eine schlechte Idee.«

»Ihr werdet euch schon anfreunden. Außerdem ist übermorgen Thanksgiving, da kann ich ihn doch nicht wieder auf die Straße setzen. Das wäre höchst unmoralisch.«

»Was sagt June dazu?«

»Die hat noch nichts mitbekommen«, antwortete Kaliska und lächelte verschlagen. »Willst du es ihr erzählen?«

»Können wir dich überstimmen?«

»Nein«, sagte Kaliska vergnügt. »Immerhin ist das hier mein Irrenhaus, schon vergessen?«

Cleo schnaubte, warf Noah noch einen düsteren Blick zu, ehe sie sich umdrehte. Aus dem Flur hörte er sie rufen: »June! Du wirst nicht glauben, was Kally getan hat!«

Verunsichert sah Noah zu Kaliska, die ihm zuzwinkerte. Ihr schien es Spaß zu machen, dass Cleo wütend auf sie war. Und wer war diese June? Und warum hatte Kaliska von diesem Haus als Irrenhaus gesprochen?

»Keine Sorge«, sagte Kaliska und holte ihn aus dem Gedankenkarussell. Sie griff über den Tisch und legte eine Hand auf seinen Unterarm. Die Wärme der Berührung sickerte tief in Noahs Knochen. »Cleo wird sich wieder einkriegen. Sie ist nur etwas nachtragend.«

»Hm«, murmelte Noah und hoffte, dass das als Antwort ausreichte.

Tat es, denn Kally tätschelte seinen Arm, erhob sich und ging zum Kühlschrank. Über die Schulter fragte sie: »Wie wäre es mit Pasta? Ich will nicht prahlen, aber ich kann eine ausgezeichnete Carbonara-Sauce.«

Zu erschöpft – und zu hungrig – um zu versuchen, das alles zu begreifen, nickte Noah. Kaliskas Lächeln wurde breiter und sie begann mit den Vorbereitungen.

 

Release am 01.03.2023