Leseprobe "New Gods: Erheben"

Buchcoverbild "New Gods: Erheben", dem zweiten Teil der Romantic-Fantasy & Urban-Fantasy-Reihe "New Gods" von Melissa Ratsch

Kapitel 1

 

Es war einer der schlimmsten Tage, den Adeena seit langem erlebt hatte.

Als hätte irgendwo in der Stadt jemand ein Gas freigesetzt, das den Leuten den Verstand raubte und sie dazu veranlasste, mit dem Leben anderer und dem eigenen verantwortungslos umzugehen. In der Notaufnahme des Krankenhauses ging es zu wie im Sommerschlussverkauf. Nur gab es statt reduzierter Preise haufenweise Schnittwunden, Quetschungen und Knochenbrüche.

Es war drei Uhr nachmittags, das Chaos regierte bereits seit sieben Stunden ihre Station. Adeena hatte sich zum dritten Mal umziehen müssen, da ein älterer Mann mit einer Arterienverletzung sie von oben bis unten vollgeblutet hatte. Die zwei Mal davor war es eine junge Frau mit Lebensmittelvergiftung gewesen – viel mehr ihr Erbrochenes – und das Blut aus einem offenen Bruch bei einem Teenager.

„Wie ist die Lage?“, fragte Adeena, als sie von den Umkleidekabinen direkt zurück auf die Schwesternstation der Notaufnahme ging. Corinna sah vom Computer auf, ihre ansonsten rosigen Wangen waren fahl und die rotblonden Haare standen ihr vom Kopf ab.

„Alle OP-Säle sind belegt, die Traumaräume Eins und Drei auch und alle verfügbaren Ärzte sind im Einsatz“, antwortete Conny. „Trotzdem wird die Liste der Wartenden immer länger und länger.“

„Was ist heute nur los?“, murmelte Dee. Sie setzte sich neben ihre Kollegin und rief das Buchungssystem der Klinik auf. Ausgerechnet heute waren sie unterbesetzt, es war zum Verrücktwerden.

„Du musst etwas essen“, kam der Befehl rechts von ihr. Ohne den Kopf zu drehen, öffnete Adeena ihren Mund und biss von dem ab, was ihr Kollege Robert ihr an die Lippen hielt. Mechanisch kaute sie – es war der Bissen eines Käsesandwichs - und arbeitete nebenher weiter. Wenn nicht bald aufhörte, was auch immer in der Stadt schieflief, dann würden sie einer nach dem anderen kollabieren.

Wie sollten sie dann noch Patienten helfen, wenn sie selbst zu welchen wurden?

„Was sagen die anderen Krankenhäuser?“, fragte Adeena.

„Bei allen dasselbe Chaos“, sagte Conny und Robert ergänzte: „Und nein, die Polizei oder die Feuerwehr wissen von keiner Katastrophe.“

Adeena fluchte vor sich hin, während sie weiter die Einträge überprüfte. Immerhin waren im Moment keine absoluten Notfälle darunter, aber das konnte sich jederzeit ändern. Ob es vielleicht…

„Ob es an einem neuen Gott liegt?“, sprach sie laut aus, was ihr durch den Kopf ging.

Conny neben ihr schnappte nach Luft. „Meinst du?“

„Die letzten drei Male war es ähnlich chaotisch“, warf Robert ein. Die Worte waren gedämpft – zu viel Käsesandwich im Weg – aber Dee konnte ihn dennoch verstehen. Ein heiß-kaltes Prickeln lief über ihre Kopfhaut und sie strich sich durch ihre kurzen, krausen Haare.

Sie musste an Tally denken, die sie übermorgen besuchen kommen würde. Mochte es egoistisch von ihr sein oder nicht, aber sie würde es sich von keiner verdammten Gottheit kaputt machen lassen, endlich ihre beste Freundin zu treffen. Seit Jahren trafen sie sich nur in Chaträumen oder zu Videocalls. Die große Distanz zwischen Stockholm und Brisbane hatte ein Treffen bisher schwierig gestaltet und nahezu unmöglich war es geworden, nachdem Tallulah zu einer Göttin aufgestiegen war.

Einer von mittlerweile drei und, wenn diese verrückten Zeichen wirklich das bedeuteten, was sie glaubten, bald eine von vieren.

Der Widerstand in Adeena gegen diese Idee wuchs und wuchs. Nein, sie würde Tally endlich in den Arm nehmen können. Ihre Freundin hatte sprichwörtlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um diese Reise zu ihr zu planen. Es durfte einfach nicht sein, dass es jetzt gerade ein weiteres Erwachen gab.

Dee schob diesen Gedanken beiseite, stand auf und sah zum Wartebereich hinüber. Die Patienten saßen bereits auf dem Boden, manche von ihnen mit notdürftigen Verbänden versorgt, bis sie korrekt behandelt werden konnten.

Die breiten Türen zum Bereich der Krankenwagen öffneten sich und ein Sanitäterteam kam mit einer Trage hereingerollt. Matthew, ein erfahrener Notarzt, brüllte Fachbegriffe in ihre Richtung, die in Adeena ein mulmiges Gefühl erzeugten.

„Shit“, sagte sie, wobei das Wort ihr eher als ein Zischen über die Lippen kam. Dann straffte sie die Schultern, wies das Team an, in Traumaraum Zwei zu gehen, und wandte sich an ihre beiden Kollegen auf der Station.

„Conny, du bleibst hier und behältst den Überblick“, ordnete Dee an, griff nach einem neuen Paar Handschuhe und zog sie an, während sie zu Robert an ihrer Seite sagte: „Du kommst mit mir.“

Ihr Kollege nickte, griff ebenfalls nach Handschuhen und sie eilten Seite an Seite hinter den Sanitätern in den Traumaraum. Adeena ließ ihren Blick über den Patienten schweifen: Ein Mann, Ende fünfzig und asiatischer Abstammung war bei Bewusstsein und stöhnte vor Schmerzen, was ironischerweise ein gutes Zeichen war. Er trug eine Halskrause, hatte mehrere Schnittverletzungen im Gesicht, an der Brust und den Armen. Der Rest von ihm schien mehr oder weniger unverletzt, aber das würden sie erst herausfinden, wenn sie ihn behandelten.

„Was genau ist mit ihm passiert?“, fragte Adeena an den Notarzt gerichtet.

Matthew begann, den Fall in knappen Worten zu schildern: „Autounfall. Er ist aus noch ungeklärten Gründen auf der Montague Road gegen einen Pfeiler der William-Jolly-Brücke gerast und musste aus dem Fahrzeug geschnitten werden. Trauma der Halswirbelsäule, Gehirnerschütterung, mögliche Rippenfrakturen und innere Blutungen. Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall als Unfallursache.“

„Tasukete“, wimmerte der Mann. Er griff nach Adeenas Arm, seine Hand war glitschig von Blut und er hatte Tränen in den Augen. „Tasukete… kudasai.“

Adeena verstand kein Wort und der Mann sprach offenbar kein Englisch. Verdammt.

„Wo zur Hölle steckt Yumiko?“, fragte Dee und sah von dem Patienten auf. Die Kardiologin war ihres Wissens die einzige vom Klinikpersonal, die Japanisch sprach.

„Sie hat frei, ihr Sohn heiratet heute“, rief Robert, um das Klagen des Patienten zu übertönen.

Auch das noch, dachte Dee und fühlte, wie auch der letzte Rest Kraft aus ihr weichen wollte.

Sie überlegte für einen Moment, ob sie einfach aufgeben sollte. Für gewöhnlich war sie die letzte, die sich beklagte oder gar das Handtuch warf. Doch dieser Tag musste direkt von der Hölle erdacht worden sein, um sie alle zu foltern und an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Denn für gewöhnlich liebte Dee ihren Beruf, wie stressig und anstrengend er auch war.

Sie atmete tief ein und aus und sagte an Miriam, eine der Sanitäterinnen: „Geh bitte nach draußen und frag, ob irgendeiner der Patienten Japanisch versteht. Wenn nicht, dann lass über Conny eine Durchsage machen.“

„Okay“, sagte die Brünette und eilte davon.

Natürlich war es möglich, den Mann trotz der Sprachbarriere zu behandeln, doch jedem von ihnen war klar, dass es bei einem Trauma der Wirbelsäule essenziell war, mit dem Patienten sprechen zu können. Sie mussten sofort wissen, sollte es zu Taubheitsgefühlen oder Lähmungen kommen.

„Iki ga dekimasen“, stöhnte der Mann. Sein Griff um Adeenas Arm wurde schwächer, sein Blick mehr und mehr unfokussiert.

Verdammt, sie mussten sich beeilen.

Das hatte auch Matthew erkannt und begann, das Team zu koordinieren. Sie hatten schon öfter zusammengearbeitet und daher funktionierten sie schon nach wenigen Augenblicken wie eine geölte Maschine. Sie legten Zugänge, verabreichten Medikamente und entfernten nach und nach die zerrissene Kleidung von dem Japaner. Der klagte und stöhnte weiter und versuchte, sich erfolglos mit ihnen zu verständigen.

Immer wieder warf Adeena einen Blick zur Tür, doch Miriam kam und kam nicht zurück. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn sie tatsächlich jemanden finden würde, der sich mit dem Patienten verständigen konnte.

Eine neue Welle der Erschöpfung und Resignation schwappte über Adeena hinweg. Sie warf einen Blick auf den Monitor des Patienten und es war, als würde sich ein Loch unter ihr auftun: Die Werte verschlechterten sich. Auch Matthew fiel es auf, er fluchte und gab energisch weitere Anweisungen.

Ich will doch nur helfen, dachte Adeena verzweifelt. Was war nur mit diesem Tag los? Würden sie den Mann gleich verlieren? Was konnten sie noch tun?

Ein Röcheln, dann sagte der Japaner: „Iki ga… kann nicht.“

Dee blinzelte den Mann an. War das gerade Englisch gewesen? Sie glaubte, sich verhört zu haben, oder vielleicht war sie vor Erschöpfung bereits zusammengeklappt und das hier war eine Halluzination. Denn von einer Sekunde auf die andere fühlte sie sich… stark. Mächtig und fast schon zum Bersten voll mit Energie. In ihrer Brust schien ein Feuer zu lodern. Heiße Flammen in ihrem Blut, die sich über ihren Körper ausbreiteten und ihr das irrwitzige Gefühl gaben, unbesiegbar zu sein.

Energisch drängte Adeena diesen verrückten Eindruck beiseite.

Stattdessen beugte sie sich über das lädierte Gesicht des Patienten und fragte: „Was haben Sie gesagt?“

Der Mann sah sie an, sein Blick klärte sich ein wenig, obwohl neue Tränen in seine Augen traten.

„Ich kann nicht atmen“, sagte er, völlig verständlich bis auf die leise Aussprache. „Mein Hals...“

Adeena widerstand dem Drang, laut zu lachen. Wieder wallte das Gefühl von Macht in ihr auf, pushte sie, als hätte man ihr eine Überdosis Adrenalin verpasst. Aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, dass das verrückt war oder ob gerade ein verdammtes Wunder geschehen war. Es war ihr auch egal, denn endlich konnte sie sich mit dem Mann verständigen.

Sie verlor keine Zeit und begann, ihn mit Fragen zu bombardieren. Seine Vitalwerte rutschten immer weiter ab und es würde sicher nicht mehr lange dauern, ehe er das Bewusstsein verlor. Nur am Rand bemerkte sie, dass das Team um sie herum kurz innehielt und sie verwirrt anstarrte.

Der Mann hatte weder einen Herzinfarkt noch einen Schlaganfall erlitten, sondern war von einem Insekt gestochen worden. Der Schreck und der beginnende Schock hatten zu dem Unfall geführt. Seine restlichen Symptome passten zu dem Trauma, das Matthew bereits beschrieben hatte.

Dee verlangte nach einer Dosis Epi, um die Immunreaktion auf das Insektengift zu neutralisieren. Robert drückte ihr die Spritze in den Hals und Adeena gab sie direkt in den Zugang am Handrücken des Mannes, den sie zuvor gelegt hatte.

Wieder packte der Mann nach ihrem Handgelenk, seine braunen Augen waren gerötet und weit aufgerissen. Adeena wollte ihn beruhigen, ihm sagen, dass alles gut werden und es ihm gleich besser gehen würde, da passierte es.

Die Kraft, die sich zuvor in ihrem Körper befunden hatte, dieses unbändige Maß an Energie, ballte sich in ihrer Brust zu einem harten, pulsierenden Ball zusammen. Es tat weh und versetzte sie gleichzeitig in Hochstimmung, dass sie nur noch lachen wollte.

Wurde sie verrückt? Oder klappte sie jetzt zusammen?

Sie war in ihrem Leben ein- oder zweimal ohnmächtig geworden, aber was sie jetzt gerade fühlte, war anders: Adeena hatte das Gefühl, als würde sich von außen immer mehr und mehr Energie in sie hineinpressen. Als wäre sie ein Luftballon, in den man unablässig Wasser pumpte, bis er schließlich platzte.

Aber Adeena platzte nicht. Stattdessen potenzierte sich die Kraft in ihr weiter und weiter… bis Adeena es nicht mehr aushielt und anfing zu lachen. Sie lachte und lachte und lachte. Sie musste von dem Patienten ablassen, sich gegen die Wand des Traumaraums lehnen, weil sie sonst sicher umgefallen wäre vor Lachen. Die Euphorie in ihren Adern mischte sich mit der Energie, verstärkte sich dadurch.

„Adeena?“, hörte sie Robert wie durch Watte.

Sie sah zu ihrem Kollegen und lachte immer weiter. Der Druck nahm weiter zu und dann explodierte er förmlich. Von einer Sekunde auf die andere fühlte Adeena sich leicht, wie eine Feder. Und dann war da nur noch Dunkelheit und das Gefühl, als würden ölige Schwärze und Fäulnis in die Hohlräume fließen, in denen zuvor noch gleißende Energie gewesen war.

Adeena verlor das Bewusstsein, den Aufschlag auf dem Boden bekam sie nicht mehr mit.

 

erscheint am 01.12.2021