Leseprobe "Sturmwind"

Nichts, aber auch gar nichts lief so, wie sie es sich vorgestellt hatte.
Missmutig stopfte Kalliope die große Reisetasche voll und sah kaum, was sie hineintat. Sie würde aus diesem winzigen Rattenkäfig ohnehin nicht viel mitnehmen. Ihr Besitz war sehr überschaubar, sie hielt es nie lange an einem Ort aus.
Ein Schauer durchlief sie, als sie an die viel zu hohen Häusermauern in dieser Stadt dachte. Der einzige Grund, warum sie ihr winziges, schäbiges Appartement bewohnte, war die Tatschache das es im obersten Stock eines der höchsten Gebäude lag. Von hier aus konnte sie den Horizont sehen, wurde auf ihrer kümmerlichen Dachterrasse vom Wind umweht und fühlte sich leicht und frei.
Ganz im Gegensatz dazu in den tiefen Häuserschluchten im Smog zu laufen, eingekeilt zwischen hunderte Meter hohen Gebäuden. Ein Dschungel aus Asphalt und Glas, der einem jegliches Gefühl von Freiheit raubte. Bis man sich fast nicht mehr daran erinnerte wie der Himmel aussah.
Nichts hielt sie mehr in dieser kalten Stadt. Mit einem gereizten Schnauben griff Kalliope nach den hochhackigen Schuhen, die sie sich gleich am Eingang von den Füßen gekickt hatte. Teure, unbequeme Dinger, die sie sich für den neuen Job gekauft hatte, den sie vor einigen Monaten ergattert hatte. Von ihrem Büro aus, durch die bodentiefen Fenster hatte sie weit über die Stadt blicken können. Ein unermessliches Gefühl von Weite…
„Aber das war einmal“, knurrte sie leise. Sie hatte ihren Job geliebt, obwohl er stressig und oft mit undankbaren Aufgaben gespickt gewesen war. Ihr Vorgesetzter war ein äußerst netter, fairer Mann gewesen – bis er an diesem Morgen mit den beiden neuen Geschäftsführern in sein Büro gegangen war und es unter Aufsicht hatte leer räumen müssen.
Kalliope war um einiges älter, als sie den Anschein machte, aber in diesem Moment wäre sie am liebsten wie ein dreijähriges Kind in Tränen ausgebrochen – oder hätte einen Schreianfall bekommen. Letzteres wäre sehr, sehr schlecht gewesen.
Dennoch war ihr das Herz gleich noch viel tiefer in die Hose gerutscht, als einer der Ge-schäftsführer sie angesehen und gesagt hatte: „Ms Pavlis, bitte regeln Sie alles weitere. Mr McKenzie wird nicht mehr für dieses Unternehmen tätig sein.“
Wums – damit war das Szenario für sie abgesteckt gewesen. Sie als Assistentin konnte noch hinter ihrem ehemaligen Vorgesetzten aufräumen und saß dabei mit auf dem sterbenden Ast. Keine Stunde später hatte sie ein sehr… interessantes Gespräch mit ihrer Personalsachbearbeiterin geführt. Ihre Optionen waren entweder mies oder richtig beschissen. Und weil keines davon Kalliopes Geschmack entsprach, hatte sie auch gleich gekündigt und ihren Schreibtisch geräumt.
Es war ein ungeahnt befreiendes Gefühl gewesen, mit einem kleinen, vollgestopften Karton das prestigeträchtige Hochhaus zu verlassen – und anschließend nicht so genau zu wissen, was sie tun sollte. Oder wohin sie gehen wollte.
„Aber das macht nichts. Es ist nicht das erste Mal.“ Kalliope war wie eine Nomadin und ihre Zeit in Chicago wäre ohnehin demnächst abgelaufen.
Geübt entfaltete sie die Umzugskartons, die ihren Wandschrank nach dem Einzug nie verlassen hatten. Die Rolle Klebeband daneben und der schwarze Filzstift waren dort schon deponiert gewesen, als sie sich noch Gedanken um den genauen Standort der Couch gemacht hatte. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie innerhalb von nur einem Tag die Zelte abbrechen konnte. Und auf jeden Fall auch tun wollte.
Dennoch hätte sie diesen beiden aufgeblasenen, pedantischen Befehlshabern dieser miesen Klitsche gerne noch ihre Meinung gehustet. Wie unverantwortlich, kurzsichtig und niederträchtig es war, wegen eines einfachen Formfehlers ihren Chef einfach abzusägen und ihr mit dieser lapidaren Aussage zu kommen, sie solle sich überlegen was sie gerne weiter machen würde. Als würde je genau das zur Diskussion stehen, was sie wollte!
Mit einem unterdrückten Wutschrei pfefferte Kalliope den Stift hin, mit dem sie die Kündigung ihrer Mietwohnung unterzeichnet hatte.
„So eine verdammte, elende Scheiße!“ Wie ein gefangener Tiger im Käfig ging sie auf dem schmalen Flur hin und her. „Das ist so typisch! Wenn es endlich mal alles rund läuft, muss mir das Schicksal mitten ins Gesicht spucken. Ich könnte…. Grrr!“
Mit heftigem Atem blieb sie in der schmalen Diele stehen. Die Sicht war ihr verschwommen und sie nahm die zierliche, mit Silber gerahmte Brille ab. Augenblicklich wurde es besser – und Kalliope seufzte leidgeprüft. Sie sah in den Spiegel neben sich und stieß ein unmenschliches Zischen aus. Denn aus dem Spiegel blickte sie keine junge Frau an, sondern ein furchterregender Dämon.
Große, schwarze Augen in deren Tiefen ein unheilverkündendes rotes Glühen lauerte. Das Haar gespenstisch weiß, die Gesichtsfarbe ungesund hell. An den Konturen ihres Gesichts hatten spitze, dunkle Dornen die Haut durchstoßen und verliefen über den Hals, die Schultern zu den Armen bis zu den zu Klauen geformten Händen. Es war mehr als eindeutig, dass Kalliope Pavlis keine gewöhnliche Frau war. Kein Mensch.
Obwohl sie in sich noch immer diese zerreißende, brennende Wut spürte, zwang sich Kalliope zur Ruhe. Dank jahrelanger, harter Disziplin zog sich ihr unnatürliches Aussehen zurück, wurde wieder zum Monster unter der menschlichen Oberfläche. Es war schon immer ihr Temperament, ihr viel zu kurzer Geduldsfaden gewesen, der sie derart die Beherrschung verlieren ließ.
Plötzlich müde lehnte sich Kalliope gegen die Eingangstüre, sank langsam auf den abgenutzten Holzboden hinunter und setzte ihre Brille wieder auf. Sie war es immer mehr leid, sich verstecken zu müssen. Nur zu lebhaft erinnerte sie sich daran, wie sie vor einigen Jahrzehnten bei einer Party beinah auch zu dem Dämon geworden war, als eine ihrer Mitbewohnerinnen ihr Shampoo mit Farbe versetzt hatte und sie grün wie ein Kobold aus der Dusche gestiegen war – nur weil der Freund dieser blöden Zicke versucht hatte mit ihr zu flirten. Als wäre sie jemals auf diese plumpen Annährungsversuche eingegangen!
Da selbst bei der Erinnerung drohten die Dornen aus ihrer Haut zu sprießen, atmete Kalliope tief ein und summte ein altes Mantra, das ihre Mutter ihr beigebracht hatte. Während sie ruhiger wurde, überspülte sie plötzlich extremes Heimweh. Nicht, dass es einen bestimmten Ort gegeben hätte, den sie als Heimat bezeichnen konnte. Dieses Wort war für sie viel mehr mit Personen verbunden.
Personen wie Eris. Es war immer noch auf ironische Art und Weise witzig, wie der Name ihrer Mutter den Charakter ihrer Tochter geformt zu haben schien. Denn genau wie Eris, die Göttin des Streits und der Zwietracht in der griechischen Mythologie, so schien auch Kalliope eine besonders ausgeprägte Ader zu Wutausbrüchen zu haben.
„Sehr unschön, wie man gerade gesehen hat“, gluckste sie leise vor sich hin.
Dennoch nahm der Gedanke, ihre Mutter einmal wieder zu besuchen, immer konkretere Gestalt an. Mochten sich die Lebensstile der beiden wie Tag und Nacht unterscheiden, waren sie doch eine Familie. Mit neuem Elan sprang Kalliope auf und packte weiter. Plötzlich konnte sie es kaum noch erwarten, Eris wiederzusehen – nach fast fünfzehn Jahren.


Kalliopes Handflächen waren feucht, als sie kurz nach zwei Uhr am nächsten Tag das Notariat in Lebanon, Kansas betrat. Unauffällig wischte sie sich die Hände an ihrer Jeans ab und sah sich suchend um. Der Empfangstresen in dem noblen Vorraum des Notariats Bishop & Firth war verlassen.
Unsicher sah Kalliope sich um und zuckte erschrocken zusammen, als ein hagerer Mann Anfang vierzig aus einem der Büroräume gestürzt kam. Mit großen Augen und einem schiefen Lächeln sah er sie an. Irgendwoher kannte sie diesen Mann, sie konnte nur nicht sagen woher.
„Tut mir leid M’am, unsere Sekretärin ist heute leider krank.“
„Nur gut, dass Sie so ein feines Gehör haben“, antwortete Kalliope und erwiderte das Lächeln. Immer auf die Assistenzen, dachte sie resigniert.
Der Mann kam auf sie zu, das Lächeln etwas breiter. „Ich bin William Bishop, kann ich etwas Bestimmtes für Sie tun?“ Kalliope zögerte kurz, bevor sie seine angebotene Hand schüttelte.
„Mein Name ist Kalliope Pavlis. Ich hatte gestern angerufen, dass ich heute kommen würde.“
„Oh, stimmt“, sagte Mr Bishop und nickte schnell. Seine dunkelbraunen Augen musterten sie kurz, bevor er ihre Hand wieder losließ.
Als William Bishop keine Anstalten machte, etwas zu sagen oder zu tun, hob Kalliope fragend eine Augenbraue.
Lachend entschuldigte sich der Mann und sagte mit verlegenem Tonfall: „Ich muss gestehen, dass ich etwas neugierig war.“
„Auf mich?“, fragte Kalliope irritiert und blinzelte mehrmals.
Sie wusste mittlerweile, dass das dumpfe Gefühl der Vertrautheit mit William Bishop daher rührte, dass er seinem Großvater Sean Bishop zum Verwechseln ähnlich sah. Dem mittlerweile sicher verstorbenen Notar hatte das Büro zuvor geführt. Das Notariat verwaltete das Adressbuch ihrer Familie. Es war viel einfacher an einer zentralen Stelle alle Adressen eintragen zu lassen, so oft wie sie umzogen.
Ich war vor einer halben Ewigkeit das letzte Mal hier, dachte Kalliope. Aber ihres Wissens nach war sie niemals seinem Enkel über den Weg gelaufen. Ein unangenehmes Prickeln breitete sich in ihrem Nacken aus, denn Neugier ihrer eigenen Person gegenüber war nichts Gutes.
William Bishop lachte nochmals leise, bevor er erklärte: „Ihre Familie hat den längsten Vertrag mit unserem Haus und ich war zugegebenermaßen etwas nervös wegen Ihres Besuchs.“
„Nun“, murmelte Kalliope und schob die Brille ein Stück höher, „es ist ja nicht so, dass wir irgendwelche Kronjuwelen in unserem Schließfach hätten.“
„Dennoch ist es aufregend, im Gegensatz zu unseren sonstigen Klienten“, beharrte Mr Bishop. Es hatte den Anschein, als wollte er noch etwas sagen, als irgendwo viel zu laut ein Telefon klingelte und ihn aus dem Konzept brachte.
„Also, sollen wir? Ich hole nur schnell die Unterlagen, die können Sie dann in der Bank ausfüllen.“ Kalliope nickte und Mr Bishop verschwand in seinem Büro.
Zehn Minuten später saß sie im Keller der Bank, die sich im unteren Teil des Gebäudes befand. Obwohl es mehrere Jahrzehnte her war, dass sie das letzte Mal eine Einsicht verlangt hatte – damals noch mit Eris zusammen – meinte Kalliope sich doch zu erinnern, dass damals nicht ein derartiger Berg von Formularen nötig gewesen war.
„Nur noch hier eine Unterschrift und die Initialen“, sagte Mr Bishop und reichte ihr ein hellblaues Blatt Papier.
Resigniert seufzte Kalliope, setzte den Stift an und fragte: „Und Sie sind sicher, dass ich Ihnen nicht auch noch mein Erstgeborenes versprechen muss?“
William Bishop blinzelte sie irritiert an, bevor er leise vor sich hin lachte. „Du meine Güte, nein.“
Er sammelte alle Unterlagen zusammen, legte sie in eine schwarze Ledermappe und zog einen Schlüsselbund aus seiner schwarzen Anzughose. „Das ist doch nur zu Ihrer Sicherheit. Es gibt so viele Trickbetrüger, das glauben Sie gar nicht. Leute, die Ausweise und Unterschriften so gekonnt fälschen können, dass selbst ausgebildete Experten ihre Schwierigkeiten haben.“
Kalliope erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde und sah William Bishop ganz genau an.
„Was Sie nicht sagen“, murmelte sie leise. Bekräftigend nickte der Notar und ging zu der Wand im Tresor, die von oben bis unten mit kleineren und größeren Schließfächern bestückt war.
„Wir müssen so viele Fragen und Formulare verwenden, um auch wirklich die richtige Person zu ermitteln.“ Sein Lächeln war durch und durch freundlich, als er sich kurz zu ihr umdrehte.
Während Mr Bishop an dem Schließfach hantierte, nahm Kalliope ihre Brille ab und massierte sich die Nasenwurzel. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie hatte den widerwärtigen Geschmack von Blut auf der Zunge. Zudem kribbelte ihre Haut, weil das viele Adrenalin in ihren Adern sie in ihre natürliche Gestalt zwingen wollte. In Gedanken summte Kalliope ihr Mantra und senkte mit reiner Willenskraft ihre Herzfrequenz.
Wenn William Bishop nur wüsste, dass auch ihr Pass, die Geburtsurkunde, ihr Führer-schein, ihre Sozialversicherungsnummer und weit mehr als die Hälfte ihrer Schulzeugnisse und anderer Unterlagen eben solchen professionellen Fälschern entsprangen, er hätte vermutlich die Polizei alarmiert. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Kalliope sich einen anderen Namen zulegen oder die USA verlassen musste.
Pavlis war alles andere als ein gebräuchlicher Name in Amerika, er würde in Kombination mit ihrem Vornamen früher oder später auffallen. Aber jetzt noch nicht, dachte Kalliope und setzte ihre Brille wieder auf. Jetzt würde sie erst ihre Mutter suchen und sich erst dann langsam mit dem Gedanken auseinander setzen, was sie tun sollte um im System weiter unerkannt zu bleiben.
Mr Bishop stellte eine Metallkassette in der Größe einer Schuhschachtel vor ihr auf dem Tisch ab, schloss sie auf und reichte ihr ein in dickes Leder eingeschlagenes Buch.
„Bitte sehr. Ich werde draußen auf Sie warten. Wenn Sie irgendetwas brauchen…“ Doch weiter kam der Notar nicht, denn bevor er seinen Satz beenden konnte, rauschte eine Frau mit kupferrotem Haar in einem schwarzen Kostüm herein.
„Entschuldigen Sie die Störung“, sagte sie mit angenehmer Stimme, etwas außer Atem. Sie ging auf Kalliope zu und schüttelte dieser die Hand.
„Mein Name ist Martha Firth, ich bin die zweite Inhaberin des Notariats.“
„Martha, ist etwas passiert?“ William Bishop war wieder an den Tisch getreten. Er musterte seine Kollegin mit einer Mischung aus Verärgerung und Besorgnis.
Entschuldigend sah Martha Firth den hageren Mann an.
„Tut mir wirklich leid William. Aber dieser Brief ist von äußerster Wichtigkeit für Ms Pavlis.“ Erst jetzt bemerkte Kalliope den schlichten weißen Umschlag, den die Notarin in der linken Hand hielt. Wortlos reichte Ms Firth ihr das Kuvert, fasste nach Mr Bishops Ärmel und zog ihn aus dem Tresorraum.
Das Klicken der sich schließenden Tür war in Kalliopes Ohren so laut wie ein Gewehrschuss. Kalter Schweiß breitete sich auf ihrer Stirn aus.
Kalliope war nicht abergläubisch, obwohl sie bei ihrer Verwandtschaft allen Grund dazu hätte. Sie lief unter Leitern hindurch, scherte sich nicht um schwarze Katzen und schob ein Missgeschick an einem Freitag den dreizehnten nicht dem Datum in die Schuhe.
Aber trotzdem war sich Kalliope bis zum Grund ihrer Seele sicher, dass dieser Brief etwas sehr Hässliches enthielt. Minuten lang saß sie da, im künstlichen Licht und bleiernen Stille des Tresorraums irgendeiner kleinen Bank am geografischen Mittelpunkt der Vereinigten Staaten und starrte einen Brief mit ihrer letzten Adresse an.
„Das ist doch lächerlich“, flüsterte Kalliope und öffnete den Umschlag. Zwei Seiten waren darin, fein säuberlich getippt und mit dem Wasserzeichen und dem Logo des Notariats Bishop & Firth versehen. Kalliope schüttelte über sich selbst den Kopf. Was in aller Welt konnten diese beiden Blätter Papier ihr schon anhaben?

 

Fünf Minuten später hatte Kalliope eine Antwort:
Die Briefseiten konnten ihr sagen, dass ihre Mutter tot war.
Sie konnten ihr sagen, dass Kalliope eine zwölfjährige Halbschwester hatte, deren Sorgerecht auf sie übergegangen war.
Sie konnten ihr sagen, dass ihr Leben nie wieder so sein würde, wie es einmal gewesen war.