Leseprobe "Schlangengift"

 

Shari war sehr vorsichtig gewesen. Wenn nicht sogar paranoid in ihrer Gründlichkeit, keine Spuren zu hinterlassen und von niemandem gesehen zu werden. Nun saß sie in tiefster Nacht am Strand. Nur der leise Wind in der spärlichen Vegetation und das Rauschen des Meeres waren zu hören. Es war weit nach Mitternacht.
Dennoch saß sie wie versteinert im Sand, obwohl alles in ihrem Körper sie zur Bewegung drängte. Sie anflehte, die Kleidung und menschliche Hülle abzustreifen und sich von den Fesseln der Zivilisation zu befreien. Aber Shari zwang die klagende Stimme in ihrem Inneren zur Ruhe, die sie erbarmungslos antrieb. Sie war verwirrt und rastlos. Und sie sehnte sich nach der Schlangenhaut. Aber hier war nicht die Sahara. Es war kein menschenleerer Ort, sondern ein Strand ganz in der Nähe von Siedlungen.
Zischend stieß Shari die Luft aus den Lungen, die sie unbewusst angehalten hatte. Vor ihr wogte sanft das Meer, ein schwarzer Ozean, lediglich erhellt vom diffusen Licht des mondlosen Sternenhimmels.
„Es wird alles gut gehen“, murmelte sie leise vor sich hin. Ein letztes Mal stand sie auf und beobachtete ihre Umgebung sehr genau. Erst als sie sich absolut sicher war, allein zu sein, begann sie sich zu entkleiden.
Hektisch warf sie das schwarze Tuch von ihren Schultern, kickte die Ballerinas von den Füßen und riss sich das moosgrüne, bodenlange Kleid vom Leib. Zusammen mit ihrer Unterwäsche stopfte sie alles in den kleinen Rucksack, den sie mitgebracht hatte. Letztendlich stand sie nackt und mit rasselndem Atem im kühlen Sand. Shari schloss die Augen und ließ die ersehnte Wandlung endlich zu.
Keuchend fiel sie auf die Knie, als sich die Haut an ihren Beinen regelrecht auflöste und die Muskeln ihr den Dienst versagten. Shari presste die Lippen und Augen fest zu und krallte die Hände in den feinen Sand, um nicht vor Schmerz zu wimmern. Sie nahm kaum wahr, wie sich ihre Hände und ihr Gebiss veränderten, da all ihre Aufmerksamkeit von der qualvollen Umformung ihrer Beine beansprucht wurde.
Wie mit einer unsichtbaren Streckbank wurde ihre untere Körperhälfte in die Länge gezogen, die einst voneinander getrennten Extremitäten verschmolzen zu einem einzigen dicken Strang aus Muskeln und blutigem Fleisch. Shari ließ sich keuchend auf den Strand sinken, als die schwarzen und dunkelgrünen Schuppen hervortraten und den neugeformten Teil ihres Körpers bedeckten.
Alles hatte sich innerhalb von weniger als fünf Minuten abgespielt und doch raste Sharis Herzschlag und ihr Atem, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Vorsichtig strich sie sich die wirren, schulterlangen Locken aus dem Gesicht. Wenn sie die Schlangenhaut trug musste sie aufpassen sich nicht mit den scharfen Klauen zu verletzten, zu denen ihre Hände geworden waren.
Nach einigen Minuten drehte sich Shari auf den Rücken und blickte zu den Sternen auf. Ihren langen, muskulösen Körper rollte sie um sich auf wie eine Klapperschlange. Mit einem schiefen Grinsen erinnerte sie sich an Delias resignierte Miene, als sie ihr von ihrem nächtlichen Ausflug erzählt hatte.
„Warum musst du das immer im Freien tun? Wo jeder dich sehen könnte?“, hatte sie gefragt und dabei wie vor sehr langer Zeit, als Shari noch ein kleines Mädchen gewesen war, die Arme verschränkt und eine Augenbraue tadelnd erhoben. Shari wusste sehr wohl, dass auch Delia sich regelmäßig in ihre wahre Gestalt verwandelte, dazu aber im Haus blieb. Oft schlief sie als Naga, zusammengerollt auf einem Berg aus hunderten Kissen.
Aber Shari genügte das nicht, sie brauchte mehr um vollkommen zur Ruhe zu kommen.
„Ich muss den Sand spüren“, hatte sie flehentlich geantwortet.
„Du bist wie dein Vater und dein Bruder“, hatte sie geseufzt, bevor Delia sie mit einem Kuss auf die Stirn hatte gehen lassen. Sie wusste, dass Shari immer äußerst vorsichtig war und niemals zulassen würde, von einem Menschen entdeckt zu werden.
Mit kräftigen, wellenförmigen Bewegungen begann Shari sich in den weichen, feinen Sand einzugraben. Schon nach wenigen Zentimetern stieß sie auf eine Schicht, die noch die Hitze des Tages gespeichert hatte. Mit einem glücklichen Seufzen drehte sie sich auf den Rücken, halb im Sand verschwunden, und blickte hinauf in den Nachthimmel. Dennoch linderte es nicht den nagenden Schmerz, den sie in ihrem Herzen spürte.
Ihr Vater war vor über zehn Jahren gestorben – am Gift eines Naga. Unvorsichtig bei seinen Forschungen mit dem tödlichen Serum, hatte er sich selbst vergiftet und war daran gestorben. Shari atmete zitternd ein und drängte die Tränen zurück, die ihr in die Augen stiegen. Tarek Narayan hatte genau gewusst, welches Risiko er mit seinen Versuchen eingegangen war, mit was für einer gefährlichen Substanz er experimentiert hatte.
Und Lien… Shari atmete zitternd ein. Selbst ihr freiheitsliebender Bruder, der es nie länger an einem Ort aushielt und nur sporadisch Kontakt zu ihnen gehalten hatte, war sofort gekommen, als er vom Tod ihres Vaters erfahren hatte. Als Shari zweiundsiebzig gewesen war, hatte Lien seine Koffer gepackt und war gegangen. Und obwohl ihr letztes Treffen acht Jahre her war, fühlte Shari sich von ihrem älteren Bruder keinesfalls allein gelassen. Er würde kommen, wenn sie oder Delia ihn brauchte.
Seufzend drehte sie sich auf den Bauch, versuchte die dunklen Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen und starrte hinaus auf das schwarze Meer.
Nichts ahnend, dass etwas von dort sie ebenfalls beobachtete.

Marleen hatte noch nie ein Problem mit der Dunkelheit gehabt. Vor allem nicht im Meer. Darum machte es ihr nichts aus, während einer mondlosen Nacht schwimmen zu gehen, denn ihre Sehkraft war sowohl im pechschwarzen Wasser wie auch im diffusen Sternenlicht um einiges schärfer und genauer, als die gewöhnlicher Menschen.
Sie stieß ein leises, gurgelndes Lachen aus und schickte kleine Luftblasen zur Wasseroberfläche, als sie daran dachte, dass sie auf keinen Fall gewöhnlich war. Nicht, nachdem sie sich mit ihrem Inkubus-Liebhaber und seinem Menschen-Freund heftig darüber gestritten hatte, ob sie einen nächtlichen Badeausflug machen durfte oder nicht.
Die Arme vor der Brust verschränkt, ließ Marleen sich auf den Meeresboden sinken. Als ob ich mir von Männern etwas verbieten lassen würde, grollte sie still. Dennoch hatte sie ein hochheiliges Versprechen den beiden gegenüber gegeben, dass sie äußerste Vorsicht walten ließ. Allein schon ihrer Familie und allen anderen Anderen schuldete sie diese besondere Achtsamkeit, um nicht unerwünschtes Interesse darauf zu lenken, dass die Menschheit nicht so allein war, wie sie glaubte.
Ein Schwarm kleiner Fische zog träge an Marleen vorbei, während sie gedankenversunken ihr schwarzes Haar zu einem Knoten schlang. Sie konnte immer noch nicht ganz fassen, was für ein unsägliches Glück sie gehabt hatten auf Eliah und seine Familie zu treffen. Marleen und die beiden Männer konnten es kaum erwarten, die anderen Mitglieder der Naga-Familie zu treffen.
Ob wir sie doch über unsere Suche nach der Familie Narayan aufklären hätten sollen?, ging es Marleen durch den Kopf. Es war gut möglich, dass sich die einzelnen Naga untereinander kannten. Wenn nicht alle, so mussten sie doch zu einigen ihrer Artgenossen Kontakt halten. Da es bei ihnen sowohl weibliche als auch männliche Individuen gab, mussten sie sich bei der Fortpflanzung nicht auf die Menschen verlassen.
Nicht so wie die Sirenen. Marleen wurde ganz flau im Magen, wenn sie daran dachte, dass es noch andere Familien wie die Cromwells auf der Welt gab. Irgendwo an den Küsten dieser Erde, im theoretisch selben Meer wie sie jetzt lag, gab es sicherlich noch andere Sirenen. Frauen, die mit betörenden Stimmen hin und wieder in die Haut einer Meerjungfrau schlüpften. Thea hatte ihr einmal von ihnen erzählt, als sie noch ganz klein gewesen war.
„Das muss warten“, murmelte sie, die Worte durch das Wasser verzerrt. Zuerst mussten sie herausfinden, ob es die anderen Übernatürlichen wirklich gab, von dem das „Buch über die Fabelwesen“ erzählte. Wenn man ihren Glückstreffer der letzten Tage betrachtete, schien es viel mehr andere Andere zu geben, versteckt zwischen den gewöhnlichen Menschen und nur für diejenigen zu erkennen, die selbst übernatürlich waren. Und wussten, worauf sie achten mussten.
Marleen machte einen tiefen Atemzug, genoss das kühle Streichen des Wassers an ihren Kiemen, und tauchte wieder auf. Sie hatte vor bis zum Morgengrauen zu schwimmen – nicht nur, um Lír und Patrik zu ärgern, die sie am liebsten nur mit einem Teelöffel voll Salz in die Badewanne gepackt hätten.
Diese Nacht wollte Marleen auf keinen Fall lediglich am Meeresboden verbringen. Die Straße von Gibraltar, an der sie sich befanden, war der Übergang zwischen dem Mittelmeer und dem Atlantik. Es war so ganz anders als der Pazifik, den Marleen bisher gewohnt war. Das Meer fühlte sich anders an und doch war es vertraut. Gemächlich schwamm Marleen knapp unterhalb der Wasseropferfläche an der Küste entlang.
Am Hafen von Tanger hatte sie mitten in der Nacht ihre Kleider abgelegt und war ins Wasser gesprungen. Erst auf dem Grund des Hafenbeckens hatte sie sich verwandelt und war, ohne noch einmal zur Oberfläche zurück zu kommen, hinausgeschwommen. Nun folgte sie dem geschwungenen Bogen, den die Küste Richtung Osten vollführte. Schon nach wenigen Meilen war an Land nichts mehr von Zivilisation zu erkennen, nur noch einsame, nächtliche Strände.
Mit einem Gurgeln tauchte sie auf, spuckte Wasser aus und sog wieder Luft in ihre Lungen. Auf dem Rücken treibend, die Brüste nur knapp vom Meer bedeckt, glitt sie durch die schwarze See. Ihr langes Haar streichelte wie ein seidener Vorhang ihren nackten Körper. Grinsend schloss sie die Augen und genoss das Gefühl endlich wieder in ihrem Element zu sein. Die Hitze der Wüste war eindeutig nichts für Sirenen.
Ihre Gedanken trieben ebenso dahin wie sie selbst. Spielerisch rollte sie sich im Wasser herum, ließ sich von den flachen Wellen umherschaukeln und blickte immer wieder zum verlassenen Sandstrand hinüber. Aus einer Laune heraus schwamm Marleen näher zur Küste – und erstarrte mitten in der Bewegung.
Irritiert kniff sie die Augen zusammen und starrte an den Strand. „Das kann nicht sein“, flüsterte sie leise. Und dennoch, irgendetwas wand sich da an Land. Etwas Großes, wirklich wirklich Großes. Hätte Marleen schwören müssen, hätte sie gesagt dieses Etwas wäre sicherlich sechs Meter lang. Kein Tier der Welt sah so aus. Und auch kein Mensch.
Aber ein Übernatürlicher, ging es Marleen durch den Kopf. Obwohl sie im Meer nie fror, jagte ihr der Gedanke eine Gänsehaut über den Körper. Selbst die Schuppen ihres Fischschwanzes schienen sich aufzustellen. Schon wollte Marleen diese Überlegung als unsinnig abtun, aber dann schüttelte sie den Kopf, grinsend über ihre eigene Einfältigkeit. Einige Augenblicke wägte Marleen das Für und Wieder ab, bevor sie ganz einem Motto ihrer Familie folgte: Hab deinen Spaß, entschuldigen kannst du dich später.
Mit einem schiefen Grinsen begann Marleen langsam zum Ufer zu schwimmen. Je näher sie dem Strand kam, desto deutlicher konnte sie erkennen, dass es sich bei dem Individuum eindeutig nicht um einen Menschen handelte – aber ein Tier war es auch nicht. Viel mehr glänzte dort im diffusen Sternenlicht ein nackter, weiblicher Oberkörper, dessen untere Körperhälfte sich inzwischen im Sand vergraben hatte.
Die halbe… Frau lang auf dem Rücken, ihr dunkles, gelocktes Haar war auf dem hellen Sand ausgebreitet wie ein Fächer. Sie hatte die Augen geschlossen und auf ihrem Gesicht meinte Marleen einen ähnlich seligen Ausdruck zu erkennen, wie sie ihn hatte, wenn sie nach viel zu langer Zeit wieder die Wandlung vollzogen hatte.
Da Marleen noch nie ein Freund von langen, geschwollenen Begrüßungsformeln gewesen war, überlegte sie nicht lange, als sie sich mit einer großen Welle an Land spülen ließ und nur einen Meter von der Frau entfernt strandete.
„Ach verdammt“, maulte sie und spuckte Sand aus.
„Jedes Mal bekomme ich eine Ladung Sand in den Mund.“ Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zupfte sie den Seetang von ihrem Fischschwanz. „Ich hasse Seetang. Absolut widerliches Zeug.“
Die Frau drehte ruckartig den Kopf zu ihr, rappelte sich hektisch auf und stieß dabei eine Reihe von Flüchen aus – das wusste Marleen auch, obwohl sie die Sprache nicht verstand. Mit einem leisen, unanständigen Lachen zwinkerte sie ihr zu, hievte sich weiter an Land und setzte sich aufrecht hin. Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Es vergingen einige Herzschläge, in denen sich die beiden Frauen nur ansahen.
„Wer bist du?“, fragte die Fremde mit schwacher, aber wohlklingender Stimme.
„Und…“, sie blickte zögerlich an Marleens Schwanz hinunter, „Was bist du?“
„Ich bin eine Sirene und mein Name ist Marleen. Und wie ich sehe bist du…“ Marleens Augen weiteten sich überrascht, als sie den dunklen Schlangenleib sah, der sich langsam aus dem Sand schälte.
„Eine Naga! Na so was.“

Shari fühlte sich, als hätte man ihr einen harten Schlag auf den Kopf verpasst.
Vollkommen benommen saß sie im Sand – gegenüber von einem Wesen, das halb Frau und halb Fisch war und sich als Marleen vorgestellt hatte.
Sharis Gehirn musste streiken, denn das einzige, was sie fragen konnte war: „Wo bist du hergekommen?“
Die Sirene, wie sie sich selbst bezeichnet hatte, lachte tief und antwortet: „Aus dem Meer.“
Irritiert blinzelte Shari. Mittlerweile hatte sie ihren Schlangenleib vollkommen aus dem Sand herausgezogen und eng um sich herum aufgerollt. Mit einer Mischung aus Schock, Interesse und Misstrauen musterte Shari die Meerjungfrau eingehend.
Obwohl es dunkel war und kein Mond schien, schimmerte ihre Haut wie eine Perle. Schwarzes, langes Haar floss ihr in feuchten Strähnen über die Schultern bis zur Taille – wo die glatte Haut in dunkle, glänzende Fischschuppen überging.
An den Seiten und am Ende des muskulösen Fischleibs befanden sich durchscheinende Flossen. Doch das Ungewöhnlichste waren die Augen. Ein sanftes, dunkelblaues Glühen erfüllte sie und ohne jegliches Weiß blickten sie Shari an.
Obwohl es eigentlich unheimlich sein sollte, da sie glaubte Bewegungen in der glühenden Iris zu sehen, war Shari fasziniert von dem warmen, amüsierten Ausdruck in den Augen. Lediglich das Lächeln der Fremden bereitete ihr ein mulmiges Gefühl – aus irgendeinem Grund zeigte es viel zu viele Zähne.
Shari zuckte zusammen, als die Sirene sich noch ein Stück näher zu ihr über den Sand zog. Aus einem unsinnigen Impuls heraus verschränkte Shari schützend die Arme vor ihren nackten Brüsten.
Für gewöhnlich trugen Naga keine Kleidung, wenn sie in ihrer wahren Gestalt waren. Und für gewöhnlich treffen wir dann auch keine Fremden, ging es Shari durch den Kopf. Ein sarkastisches Lachen stieg in ihr auf, das sie mit eiserner Entschlossenheit zurückdrängte.
Die andere Frau hingegen lachte offen, als sie Sharis kläglichen Versuch bemerkte, ihre Blöße zu bedecken.
„Keine Sorge, ich schaue dir nichts weg. Zum einen habe ich selbst genug Oberweite und zum anderen bin ich an Männern interessiert.“ Sie gluckste noch einmal und fügte mit einem Zwinkern hinzu: „Du musst also keine Angst haben, dass ich dich auffresse.“
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich andere durchaus fürchten müssen, verspeist zu werden.“ Shari hatte es halb als Scherz, halb als Feststellung gemeint und war dennoch überrascht, als die andere lediglich mit den Schultern zuckte und vielsagend grinste. Da es ohnehin keinen Zweck hatte, ließ Shari die Arme wieder sinken – nicht jedoch, ohne zuvor ihr offenes Haar über die Schultern nach vorn zu streichen.
Mochte sie auch über hundert Jahre alt sein, ihr Schamgefühl war in dieser Hinsicht noch blutjung. Je länger sie sich mit solch profanen Gedanken befasste, desto mehr kam sie aus der Starre heraus, die sie gefangen gehalten hatte.
Irritiert runzelte Shari die Stirn und fragte: „Woher weißt du, was ich bin? Kennst du andere Naga?“
„Bevor du mich verhörst, darf ich auch deinen Namen erfahren?“
Peinlich berührt, weil sie ihre Manieren komplett vergessen hatte, antwortete Shari: „Mein Name ist Shari.“ Die dunklen Augen der Sirene weiteten sich.
„Aber nicht Shari Narayan, oder?“
„Doch.“ Misstrauisch zog Shari die Augenbrauen zusammen. Sie konnte fühlen, dass Adrenalin durch ihren Körper floss und sich gleichzeitig die Giftdrüsen in ihrem Kiefer anspannten – gefährlich, denn für das Gift der Naga gab es kein Gegenmittel.
Beschwichtigend hob Marleen ihre Hände, die ähnlich wie Sharis mit scharfen Klauen bewehrt waren.
„Kein Grund mich mit diesem mörderischen Blick zu betrachten. Ich werde es dir erklären, aber…“ Mit einem sehnsüchtigen Ausdruck in ihrem hellen Gesicht betrachtete die andere Frau das Meer und fügte hinzu: „Können wir ein Stück näher zum Wasser? In dieser verdammten Wüste fühle ich mich wie ausgetrocknet.“
Obwohl die Situation skurriler und beunruhigender nicht sein könnte, grinste Shari und beschloss, dass sie diese ungewöhnliche Frau schon jetzt äußerst gut leiden konnte.