Leseprobe "Irrlicht"

Zwanzig Minuten, nachdem Marleen alle Besorgungen in dem kleinen Ort St. Ives erledigt hatte, ging Marleen zurück zu ihrem Auto. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, der Himmel färbte sich golden und Purpur.

Ihre Gedanken waren mit dem Abendessen beschäftigt, für das sie heute zuständig war, während sie leise summend durch die winterliche Stadt fuhr. Wie immer hatte sich der Schnee in eine undefinierbare, ekelhaft graubraune Pampe verwandelt, die wie Schmierseife auf den Straßen verteilt war. Die Reifen drehten kurz durch, als Marleen in die ungeräumte Straße Richtung Waldrand einbog. Nur ein sehr dezentes Schild wies daraufhin, dass hinter dem kahlen Gehölz noch jemand wohnte.

„Zu uns verirrt sich doch sowieso niemand“, murmelte Marleen und verstärkte ihren Griff um das Lenkrad. Sorgenvoll blickte sie über ihre Schulter nach hinten, denn die schlechte Straße schüttelte den Wagen ziemlich durch. Sie hatte keine Lust nachher eingedellte Joghurtbecher und zerquetschte Salatköpfe auszuladen.

Wir müssen die Straße unbedingt instand setzen lassen, dachte sie mürrisch und fuhr noch etwas langsamer, als sie den Waldrand erreichte. Natürlich war es von Vorteil für Alii, wie sie sich nannten, dass nicht zufällig jemand vor der Haustür stand, aber gerade in den dunklen Wintermonaten hatte Marleen hin und wieder Angst, dass sie einen Käfigkoller bekommen könnten und vielleicht…

Hart trat Marleen auf die Bremse, woraufhin sich der Sicherheitsgurt unsanft um sie herum straffte.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte sie lauthals und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Sie war gerade in das Zwielicht des Waldes hineingefahren, als mitten vor ihr auf der schmalen Straße ein Auto aufgetaucht war.

„So ein verfluchter Mist! Welcher hirnlose Vollpfosten…?!“, zeterte sie, aber die Triade blieb ihr unvermittelt im Hals stecken als sie die junge Frau sah, die neben der alten Rostlaube stand.

Ein leuchtend grüner Mantel hob sich deutlich vom Schnee ab, unter dem ein Paar schwarzer - Marleen zog etwas irritiert die Augenbrauen zusammen – Haremshosen zu sehen waren. Die Füße der Frau steckten in schwarzen, halbhohen Stiefeln, die jedoch fast vollkommen im Schnee versunken waren. Das an sich war zwar seltsam, aber nicht sonderlich ungewöhnlich. Marleen hatte schon eigenartiger gekleidete Personen gesehen, selbst im ansonsten so modisch unspektakulären englischen Südwesten.

Nein, es war vielmehr das rote Haar, das die Frau zu einem unordentlichen Zopf geflochten über der Schulter trug. Es leuchtete wie Feuer und stach so hervor, als würden die langen Strähnen von innen heraus leuchten. Marleen neigte den Kopf etwas schief, die Augen leicht zusammen gekniffen – und lachte, als die Frau mit offensichtlicher Wut gegen den Vorderreifen des Autos trat.

Noch immer grinsend zog den Schlüssel und stieg aus. Erst als sie die Tür zuknallte, sah die Frau auf. Ihre Wangen waren leicht gerötet und sie trug einen ziemlich entnervten Gesichtsausdruck zur Schau. Mit einer weiß behandschuhten Hand – an deren Gelenk unzählige Armbänder mit Glöckchen baumelten und klimperten – strich sie sich einige Strähnen ihres Feuerhaars zurück und lächelte strahlend.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Marleen freundlich und kam näher. Erst jetzt konnte sie sehen, dass der weiße Schal der Frau mit golden Münzen und Perlen bestickt war. Auch an ihren Ohren waren viele verschiedene Ohrstecker, darunter sicher keine zwei gleichen. Aus dem unschuldig-attraktiven Gesicht sahen Marleen zwei helle, strahlend blaue Augen entgegen.

Beim Näherkommen entdeckte sie, dass die Iriden von hellgrünen Tupfen durchzogen waren. Wie niedlich, dachte Marleen und lächelte noch ein bisschen breiter.

„Oh, Gott sei Dank“, seufzte die Fremde und legte sich eine Hand auf die wohlgeformte Brust. „Ich dachte schon, dass ich in dieser eiskalten Einöde eingehen würde.“

Sie warf einen missmutigen Blick auf ihr Fahrzeug und sagte wieder an Marleen gewandt: „Es war ja klar, dass dieser blöde Wagen nicht irgendwo in der Zivilisation krepieren konnte.“

„Will er denn nicht mehr anspringen?“

„Genau“, seufzte die Frau und lächelte schief. „Kurz vorm Ziel schmierte der Motor plötzlich ab.“

Marleen horchte auf, mit einem Mal hoch konzentriert. „Ach, wo wollten Sie denn hin?“

Die Frau machte eine kurze Handbewegung die Straße hinunter, die Glöckchen an ihrem Handgelenk bimmelten fröhlich. „Zu irgend so einem riesigen Anwesen, das sich hinter diesem Wald befinden soll.“

Sie sah Marleen wieder an, setzte an etwas hinzuzufügen, nur um den Mund wieder zu schließen und den Kopf zu schütteln.

„Entschuldigung, irgendwie ist heute wieder mal nicht mein Tag. Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt.“ Sie streckte ihr eine Hand entgegen und als Marleen sie nahm, sagte sie freundlich: „Ich bin Moira MacRae.“

„Marleen Cromwell, aber sag doch einfach Marleen zu mir“, sagte sie und spürte, wie ihr Puls in die Höhe schoss.

„Moira“, erwiderte die Rothaarige lächelnd.

„Ich bin zufällig in dieselbe Richtung unterwegs. Soll ich dich mitnehmen? Von dem Anwesen aus könntest du einen Abschleppdienst anrufen.“

„Oh, das wäre wirklich wunderbar!“, erwiderte Moira MacRae. „Lass mich nur kurz meine Sachen holen, dann können wir gehen. Du kommst doch an meinem Auto vorbei, oder?“

Marleen lächelte gewinnend. „Das dürfte gehen. Hast du denn viel Gepäck?“

„Naja, ein bisschen vielleicht.“ Eine sanfte Röte legte sich auf die Wangen der anderen.

Es waren tatsächlich zwei große Reisetaschen, ein Rucksack, eine Handtasche und ein kleiner Rollkoffer, den die beiden Frauen aus dem Heck des Vans hinüber in den Jeep schleppen mussten. Als Moira MacRae sich zum tausendsten Mal entschuldigte und bedankte, schnitt Marleen ihr lachend das Wort ab.

„Jetzt hör schon auf, ich bin doch keine Heilige.“

„Für mich schon“, widersprach die kleinere Frau und warf einen bedeutungsvollen Blick auf die Lebensmittelkisten im Kofferraum von Marleens Auto. „Vor allem, da ich dich ganz offensichtlich von der Arbeit abhalte. Wie ich sehe bin ich nicht die einzige, die diese unverschämt reichen Großgrundbesitzer unter ihrer Knute haben.“

„So in etwa“, sagte Marleen und schaffte es – Gott allein wusste wie – nicht in hysterisches Gelächter auszubrechen. „Jetzt aber schnell, bevor wir noch festfrieren.“

Gemeinsam stiegen sie ein und Marleen manövrierte den Jeep holpernd um den anderen Wagen herum. Sobald sie an dem Hindernis vorbei waren, griff sie nach Lírs Gedanken.

Sofort wandte sich ihr die Aufmerksamkeit des Inkubus zu. „Du wirst nicht glauben, wen ich eben aufgegabelt habe“, sagte sie und platzte fast vor Aufregung.

Lírs warmes Lachen streichelte ihre Gedanken, als sie es ihm sagte. „Marleen, du bist einfach unglaublich“, erwiderte er.

„Und weißt du was noch viel unglaublicher ist?“

„Was, meine verrückte kleine Nixe?“

Mittlerweile hatten sie den Wald verlassen und fuhren über offene Fläche auf das Anwesen zu. Alles war mit einer unberührten Schneedecke überzogen, die selbst im schwindenden Tageslicht wie eine Diamantdecke funkelte. Ein wahres Wintermärchen. Marleen warf einen Blick hinüber zu Moira, die sich fast den Hals dabei verrenkte sich umzusehen. Sie betrachtete sich das lange rote Haar, den leuchtend grünen Mantel, den klimpernden Schmuck und die unzähligen, bunten Stecker in den Ohren der anderen.

„Lír, ich fresse einen Besen, wenn diese Moira MacRae keine waschechte Pixie ist.“

 

Wow, dachte Moira und konnte gar nicht schnell genug den Kopf drehen, um das überraschend große, weitläufige Gelände zu überblicken.

Unter der geschlossenen Schneedecke war die Landschaft nur zu erahnen, aber Moira hatte so ein Gefühl, dass es sich um ewig weite Grasflächen handeln musste, nur gelegentlich durch Büsche und Hecken unterbrochen. Wie in unendlich weiter Ferne zeichneten sich einige Gebäude ab, vermutlich das eigentliche Anwesen.

Die Anspannung und Strapazen der langen Reise – sie war über achtzehn Stunden unterwegs gewesen – fielen langsam von ihr ab und auch die Frustration über ihr untreues Auto verblasse. Dennoch sehnte sie sich nach einem heißen Bad und einem weichen Bett. Sie war kurz davor gewesen ganz klassisch in Tränen auszubrechen, als diese wirklich nette Frau neben ihr sie aufgelesen hatte.

Ein echtes Geschenk des Himmels, denn sie hatte Moira davor bewahrt zu Fuß zu der Ortschaft zurückzugehen und irgendwoher einen Abschleppdienst zu organisieren. Es rächte sich eben doch hin und wieder, dass Moira so technikfeindlich war und kein Handy besaß.

Ein leises, sehr melodisches Lachen erklang neben ihr, woraufhin Moira sich zu ihrer Retterin umdrehte. Wärme stieg in ihre Wangen, denn sie konnte sich denken warum die andere gelacht hatte.

„Tut mir leid, aber das Gelände ist wirklich atemberaubend. Ich bin Landschaftsarchitektin“, fügte sie erklärend hinzu. „Ich soll das Grundstück gestalten.“

Die unglaublich dunkelblauen Augen von Marleen Cromwell funkelten amüsiert. „Das dauert sicher länger. Hast du deswegen so viel Gepäck dabei?“

„Ja“, erwiderte Moira und lachte leise. „Ein wenig ungewöhnlich, aber für diesen Auftrag durchaus angemessen.“ Sie streifte ihre Handschuhe ab, wobei die Glöckchen an ihren Handgelenken hell klingelten. Moira hörte das Geräusch kaum noch, er gehörte untrennbar zu ihr. Sie hatte schon als junges Mädchen eine Vorliebe für Krimskrams, Klimbim und sonstigen Schnickschnack gehabt, den ihre Mutter immer als „unnötigen Plunder“ bezeichnet hatte.

Moira fühlte Marleens Blick auf sich, als sie den Schal um ihren Hals lockerte und auch dabei ein leises Klimpern zu hören war.

„Das Anwesen hat sehr viele Zimmer, da fällt eine Person mehr oder weniger gar nicht auf.“

Neugierig fragte Moira: „Wohnst du auch dort?“

„Natürlich“, erwiderte die dunkelhaarige Frau, während sie ihr einen kurzen Blick zuwarf. „Die anderen sind ein bisschen verrückt, aber sehr liebenswert.“

Moira lachte leise. „Das hört sich wunderbar an.“

Sie ist verdammt hübsch, dachte Moira gedankenversunken. Unter dem schwarzen Mantel zeichnete sich ein schlanker, aber kurviger Körper ab, das lange Haar flutete in nachtblauen Kaskaden bis zu ihrer Taille und hob sich stark von der milchweißen Haut ab. Die saphirblauen Augen schienen immer ein Lächeln zu enthalten, da war Moira sich sicher.

Um nicht unhöflich zu starren, wandte sie ihren Blick wieder geradeaus. Irgendwie war es ihr unverständlich, dass so eine hübsche Frau als Haushaltshilfe oder Köchin angestellt war, wenn sie doch sicher in der Modebranche arbeiten könnte.

Aber vielleicht macht sie es einfach gern, dachte Moira. Sie selbst liebte ihren Beruf abgöttisch und hätte ihn auch ergriffen, wenn ihre Eltern sie nicht von vorneherein in den Familienbetrieb integriert hätten. MacRae Botanics war der ganze Stolz ihrer Familie, seit Generationen in ihrem Besitz und wuchs von Dekade zu Dekade weiter. Seit Moira ihr Studium abgeschlossen hatte, beschäftigte sich die Firma nicht nur mit der Zucht von Pflanzen, sondern auch mit der Gestaltung und Anlage von Gärten.

Die Notwendigkeit sich namhafte Referenzen zu schaffen, hatte ihren Vater überhaupt erst dazu veranlasst diesen ungewöhnlichen Auftrag anzunehmen. Moira erinnerte sich noch gut an den Gesichtsausdruck von Glenn MacRae, als er vor einer Woche zu ihr in das große Gewächshaus gekommen war, in dem sie an den Rosen gearbeitet hatte.

 

Der satte, feucht-warme Geruch von frischem Humus hüllte Moira ein wie eine Wolke, während sie mit bloßen Händen das Unkraut zwischen den Rosen herauszog. Für gewöhnlich war das die Aufgabe der vielen Hilfsarbeiter der Gärtnerei, aber Moira machte es Spaß. Ihre Gedanken und ihr Körper kamen zur Ruhe, wenn ihr die feuchte Erde durch die Finger rieselte und der Duft von sprießendem Grün sich in jede ihrer Poren absetzte.

Es war kurz nach Mittag und sie war die einzige, die sich in dem großen Gewächshaus befand. Nur aus weiter Ferne war leise ein Radio zu hören – und dennoch zuckte Moira kurz zusammen, als sich jemand neben sie stellte. Ruckartig zog sie ihre Hände zurück, wobei sie an den Dornen der jungen Rosen hängen blieb und sich die Haut aufritzte.

„Tut mir leid Schätzchen, ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte ihr Vater sanft. Glenn MacRae nahm ihre verletzte Hand, zog mit der anderen ein kleines Fläschchen aus seiner Jackentasche und tupfte eine bräunlich-grüne Flüssigkeit auf die haarfeinen Blutlinien.

„Schon in Ordnung Dad“, murmelte Moira, während sie die Nase kraus zog. Die Tinktur war bei kleinen Schnitten und Schürfwunden Gold wert, stank aber bestialisch. Das Rezept dafür befand sich schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie und jeder von ihnen trug so ein Fläschchen bei sich. „Wenn ich in Gedanken nicht so weit weg gewesen wäre, hätte ich dich gehört.“

Ihr Vater lächelte sanft, die hellgrünen mit braunen Flecken durchzogenen Augen voller Liebe. Doch irgendetwas war anders als sonst, denn der angespannte Zug um seinen Mund war untypisch für den ansonsten ausgeglichenen, ruhigen Mann.

„Dad, stimmt etwas nicht?“, fragte Moira besorgt und drückte die sehnigen Finger ihres Vaters fester. „Ist irgendwas mit Mom? Oder mit Robyn?“ Ihre ältere Schwester wohnte zwar nicht mehr Zuhause, aber dennoch standen sie alle in sehr engem Kontakt miteinander.

Ihr Vater lachte leise und küsste sie auf die Stirn. „Nein, keine Sorge.“ Sein kurzgeschnittener Bart, der dieselbe dunkelrote Farbe hatte wie sein Haar, strich rau über ihre Haut. „Aber ich habe trotzdem etwas Ernstes mit dir zu besprechen. Ich habe gerade einen sehr… interessanten Anruf erhalten und möchte deine Meinung dazu hören.“

Neugier erfasste Moira, sie hatte das Gefühl in ihrem Magen wäre eine Flasche Champagner entkorkt worden.

Sie wagte es kaum zu atmen, während Glenn MacRae ihr erzählte, dass ein junger Mann aus Südengland angerufen und ihnen den Auftrag angeboten hatte, die Grünanlagen für ein altes Anwesen an der Atlantikküste zu gestalten. Unschlüssig runzelte Moira die Stirn und lehnte sich mit der Hüfte gegen die hohen Pflanztische.

„Südengland? Wie in aller Welt kommt er denn dann auf uns? Ich glaube kaum, dass wir die einzige Firma im Umkreis von achthundert Meilen sind.“

„Das habe ich auch gesagt“, erwiderte ihr Vater. Er hatte die Arme vor der schmalen Brust verschränkt, aus seinem Gesicht sprachen Verwirrung und Wachsamkeit. „Der Mann meinte, dass er auf der Suche nach einer Firma war, die seinen speziellen Anforderungen gewachsen ist. Geld spielt keine Rolle.“

„Sicher“, brummte Moira skeptisch. Wie oft hatte sie das schon gehört und am Ende hatten die Kunden doch um jeden Penny gefeilscht, als ginge es um ihr Leben.

Doch Glenn schüttelte den Kopf. „Dieses Mal war der Satz ernst gemeint, glaub mir. Wenn jemand Geld hat, dann dieser Mann.“

„Und was genau willst du mit mir besprechen?“, hakte Moira nach.

Der Blick ihres Vaters wurde intensiver. „Es wäre eine wunderbare Gelegenheit, Erfahrungen und Referenzen zu sammeln. Auch wenn es sehr weit von uns entfernt ist.“

Moira nickte stumm – die Notwendigkeit beides zu sammeln war ihr durchaus bewusst. Ihr hervorragender Studienabschluss im Bereich Landschaftsarchitektur wäre wertlos, wenn sie nicht entsprechende Projekte und Empfehlungen vorzeigen konnte.

Während sie noch darüber nachdachte, fuhr ihr Vater fort: „Sollten wir den Auftrag annehmen, bestehen sie auf einen Besuch gleich nächste Woche und ständige Anwesenheit, wenn die Arbeiten schließlich anfangen.“

„Warum schon nächste Woche?“, fragte Moira irritiert. „Dort liegt doch sicher genau wie bei uns noch Schnee, wie soll ich denn das Gelände dann beurteilen?“

„Der persönliche Kontakt ist ihm wichtig“, erwiderte ihr Vater, von diesem Aspekt des möglichen Auftrags ebenso wenig erfreut wie Moira es war. Nicht, dass sie etwas gegen eine angenehme Kommunikation mit dem Auftraggeber hatte – es war die immense Entfernung zu ihrer Heimat, die ihr sauer aufstieß.

Andererseits… Moira hasste sich für den Gedanken, aber wenn sie ehrlich mit sich selbst war kam ihr dieser Abstand von Zuhause, von ihrer Familie wie gerufen. In den letzten Monaten war es ihr zunehmend schwerer gefallen, sich im Kreis ihrer Familie wohl zu fühlen, sich fallen zu lassen. Immer häufiger hatte sie das Gefühl sich verstellen zu müssen, unausgeglichen zu sein. Erst in der vergangenen Woche hätte sie ihre Mutter um ein Haar angeschrien – und dass wegen einer vollkommen sinnlosen Nichtigkeit.

So bin ich nicht, dachte Moira unglücklich und gleichzeitig wütend auf sich selbst. Sie wollte nicht so sein, wollte nicht zu einer verbitterten, schwarzseherischen und unausgeglichenen Frau werden, die das Glück der eigenen Familie nicht ertragen konnte. Aber je mehr sie sich anstrengte das zu ändern, weiterhin gelassen und fröhlich zu sein, desto schlimmer wurde es.

Entschlossen ballte sie die Hände hinter dem Rücken zu Fäusten in der Hoffnung, dass ihr Vater es nicht sah.

„Ich gehe“, sagte sie mit fester Stimme. Moira wusste, dass ihr Vater die Idee einer solchen Chance gefiel, er sie aber nur ungern ziehen ließ. Darum fügte sie mit einem Lächeln hinzu: „Es wird sicher ein spannender Auftrag.“

„Bist du wirklich sicher?“, fragte Glenn MacRae. „Der erste Besuch soll gleich eine Woche dauern, vielleicht sogar etwas länger.“

Moira nickte nachdrücklich. „Ja, ganz sicher.“

 

„Oh, wie hübsch“, seufzte Moira entzückt.

Mittlerweile hatten sie das eigentliche Anwesen erreicht. In einem Halbkreis angeordnet standen drei Gebäude. Kies knirschte unter den Reifen des Geländewagens, während er unter den kahlen Ästen von uralten Bäumen hindurch fuhr. Moira konnte fast das Rauschen der mächtigen Kronen hören, wenn der Wind im Sommer durch das grüne Laub der Bäume wehte. Die Gebäude waren im Landhausstil gehalten, mit dunklen Fensterrahmen und heller Fassade und wirkten gar nicht wie das unheimliche Herrenhaus, das Moira sich vorgestellt hatte.

„Schön, nicht wahr?“, fragte die Frau neben ihr mit sanfter Stimme. „Es wurde letztes Jahr renoviert, aber so viel wie möglich im Originalzustand belassen.“

„Das ist wirklich gelungen, es sieht bezaubernd aus.“

„Warte, bis du das Innere siehst“, erwiderte Marleen und zwinkerte ihr zu. Sie hielten direkt vor dem größten Gebäude und Moira schluckte trocken. Sie war für gewöhnlich nicht schüchtern, verspürte jetzt jedoch eine gewisse Nervosität.

„Du musst nicht nervös sein“, sagte Marleen zu ihr. Irritiert blinzelte Moira, bevor sie verlegen lächelte. Man musste es ihr die Aufregung wohl ansehen. „Hier frisst dich niemand, versprochen.“

„Das will ich hoffen“, murmelte sie tonlos. Lauter sagte sie: „Noch mal vielen Dank Marleen. Die arbeitende Bevölkerung muss zusammenhalten, nicht wahr?“

Daraufhin lachte Marleen nur leise, bevor sie ausstieg und Moira es ihr gleichtat. Sie hatte gerade die Autotür zugeschlagen, als die hohe Eingangstür geöffnet wurde und zwei Männer heraustraten.

Der erste hatte auffallend goldblonde Haare, war sehr groß und der dunkelgrüne Pullover spannte sich um einen durchtrainierten Oberkörper und breite Schultern. Sein Lächeln war ansteckend, als er sie mit seinen braunen Augen ansah. Der Mann hinter ihm war sehniger und wirkte in seiner Körperhaltung so, als würde er sich mit seiner Größe nicht sonderlich wohlfühlen. Mit einer Hand strich er sich das dunkelbraune Haar aus dem Gesicht, seine blassen, blaugrauen Augen sahen sie mit einer gewissen Ruhelosigkeit an.

„Hallo Jungs“, sagte Marleen gut gelaunt und ging auf die beiden Männer zu. Moira ließ sich etwas Zeit, das Auto zu umrunden und ihren Arbeitgebern auf Zeit gegenüber zu treten – und geriet kurz ins Stocken, als sie sah wie die dunkelhaarige Frau erst dem brünetten Mann einen Kuss auf die Wange drückte, bevor sie sich sehr vertraut an die Seite des Blonden schmiegte.

Mit einem breiten Lächeln drehte sich Marleen zu ihr um und sagte: „Das ist Moira MacRae, unsere Landschaftsarchitektin. Ihr Auto hat im Wald den Geist aufgegeben.“

„Hallo“, erwiderte der Mann mit den braunen Augen. „Ich bin Lír. Ist es in Ordnung, wenn ich Moira sage?“

„Ja, gern“, stammelte Moira – und lachte verlegen vor sich hin. Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht. „Tut mir leid, aber ich glaube ich muss mich bei dir entschuldigen Marleen. Ich dachte, dass du eine Angestellte bist. Meine Güte, das ist mir wirklich peinlich.“

Der Mann mit den blassen Augen lachte, der Klang nicht nur eine Prise schadenfroh. Lächelnd und nicht mehr ganz so nervös kam er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen.

„Mein Name ist Patrik und mach dir wegen Marleen keine Sorgen.“ Seine Finger fühlten sich warm und trocken an, bevor er sie wieder losließ und sie näher an Marleen und Lír herantraten, die ganz offensichtlich ein Paar waren.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte Moira noch einmal und verfluchte sich innerlich. Sie schaffte es immer wieder sich selbst lächerlich zu machen. Ein wirklich lästiges Talent, das sie einfach nicht loswurde. Sie konnte nur hoffen, dass Patrik Recht behielt und Marleen nicht nachtragend war.

„Jetzt komm erstmal wieder raus deinem Fettnäpfchen“, erwiderte die hübsche Frau und zwinkerte ihr zu. „Ich zeige dir das Gästezimmer und die Männer machen sich nützlich und entladen das Auto.“

„Sklaventreiber“, murrte Patrik, woraufhin Marleen sofort konterte: „Das sagt der richtige.“ Mit einem gewinnenden Lächeln löste sie sich von dem blonden Lír – der nur grinsend die Augen verdrehte – fasste Moira sanft am Arm und führte sie durch die breite Haustür.

In der hohen, eindrucksvollen und wohlig warmen Eingangshalle mit der imposanten Treppe verspürte Moira sofort ein seltsames Gefühl von Ruhe und Heimat.

 

Ohne ihr Zutun entschlüpfte ihr ein Lachen und sie sagte: „Ich glaube, hier könnte es mir gefallen.“