Leseprobe "Fuchsfeuer"

Kapitel 1

 

„Sehr witzig.“

Mit einem schiefen Lächeln antwortete Yumiko ihrer Cousine, die ihr mit einer kurzen Nachricht und einem sehr albernen Bild zum Geburtstag gratuliert hatte. Als wäre sie gerade erst volljährig geworden und nicht schon wesentlich älter. Sehr, sehr viel älter.

Mit einem Seufzen steckte sie ihr Handy weg und nippte an dem Champagner, während sie ihren Blick durch die kleine New Yorker Bar schweifen ließ. Es war kurz nach einundzwanzig Uhr und bis auf den Stuhl ihr gegenüber war das Lokal vollbesetzt.

Von ihrer kleinen Nische hatte sie den Raum perfekt im Blick, konnte die Menschen beobachten und lauschte dem An- und Abschwellen der Unterhaltungen. Es hörte sich fast an wie Meeresrauschen oder der Wind, der durch hohe Baumkronen wehte.

Sie liebte diese Geräuschkulisse, die mehr als alles andere das Wesen dieser Stadt verkörperte, die tatsächlich niemals schlief. Hier konnte sie sich als Teil von etwas fühlen, ohne wirklich teilhaben zu müssen. Die Anonymität der Massen war einer der Gründe gewesen, warum sie vor zehn Jahren hierhergezogen war. Sie brauchte diese Namenlosigkeit wie die Luft zum Atmen – für ihren Beruf sowie für ihre eigene, unmenschliche Natur.

Ein weiterer Schluck prickelnder Champagner rann ihre Kehle hinunter und sammelte sich warm in ihrem Magen. Gedankenversunken öffnete sie den straffen Knoten, zu dem sie ihr Haar gebunden hatte, und strich mit den Fingern hindurch. Kühler Seide gleich fiel es bis auf ihre Schultern.

Manche hätten es vielleicht traurig gefunden, dass sie an ihrem Geburtstag alleine in einer Bar saß, aber für Yumiko war das in Ordnung. Es war nicht ihr erster Geburtstag und würde auch lange noch nicht ihr letzter gewesen sein.

So fühlt es sich also an ein viertel Jahrtausend alt zu sein, dachte sie und lächelte verhalten vor sich hin.

Yumiko dachte nicht häufig über die vielen Leben nach, die sie schon gelebt hatte. Immer wieder war sie in neue Identitäten geschlüpft, hatte die Welt bereist und war daran gewachsen, wie es sich kein menschlicher Verstand vorstellen konnte. Mit dem Ergebnis, dass sie fast so sehr in sich ruhte wie ihre Mutter.

Und doch unterschieden sich die beiden Frauen in anderer Hinsicht wieder komplett. Während ihre Mutter ein eher ruhiges Leben bevorzugte, so brauchte Yumiko ein gewisses Level an Adrenalin. Nicht, dass sie unvernünftig gewesen wäre und sich nur dann lebendig fühlte, wenn sie mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug sprang. Obwohl sie das auch schon getan hatte. Bei der Erinnerung daran musste sie unwillkürlich lächeln.

Nein, sie hatte schon vor mehr als einhundertsechzig Jahren entdeckt, dass sie ein besonderes Talent und eine Leidenschaft dafür hatte an Orte zu gelangen, die verboten waren. Vorzugsweise um dort etwas zu entwenden, das nicht ihr gehörte. Besonders stolz war sie darauf, dass sie dafür so gut wie nie ihre besonderen Fähigkeiten einsetzen musste, die sie neben ihrer Langlebigkeit von allen anderen Menschen unterschied.

Was nicht hieß, dass sie es nicht das ein oder andere Mal trotzdem getan hatte.

Eine halbe Stunde später zahlte sie und ging hinaus in die laue Juni-Nacht. Sie würde die paar Blocks bis nach Chinatown laufen, da sie nur im absoluten Notfall mit der U-Bahn oder mit den typischen gelben Taxis fuhr.

Außerdem musste sie sich keine Sorgen machen, dass sie überfallen wurde. Nun, versuchen konnten es die betreffenden Ganoven, aber nicht Yumiko wäre anschließend das wirkliche Opfer.

Ein gerissenes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, das zu dem zweiten Teil ihrer Seele passte. Sie hatte sich in ihrem langen Leben schon häufig zur Wehr setzen müssen. Es bereitete ihr keine schlaflosen Nächte mehr.

Wobei heute auch nicht an Schlaf zu denken ist, dachte Yumiko und schob mit einem Seufzen die Hände in die Hosentaschen. Wie immer an ihrem Geburtstag würde sie auch in dieser Nacht nicht schlafen können.

Ihre Mutter hatte das früher in den Wahnsinn getrieben. Jedes Mittelchen hatte sie an ihr ausprobiert, von ekelhaften Wurzelbrühen über Amulette und Zeremonien – aber nichts hatte gewirkt.

Natürlich war der Leidensdruck geringer geworden, als Yumiko älter geworden war. Und mit den Jahrzehnten, die sich zu Jahrhunderten ausgeweitet hatten, hatte sie sich mit diesem seltsamen Zustand abgefunden.

Vielleicht räume ich heute das Schlafzimmer um, überlegte sie. Ihr Loft im geschäftigen Chinatown lag über einer Galerie, sie würde also niemanden stören.

Während sie sich die neue Anordnung der Möbel überlegte, bemerkte sie erst nicht die Schritte hinter sich. Doch als das gemächliche Klick-Klack von Stiefelabsätzen nach einem Block immer noch genau hinter ihr war, stellten sich ihre Nackenhaare auf.

Feuer regte sich in ihrem Innern, als würde man auf glühende Kohlen blasen. Wie über sich selbst schüttelte Yumiko den Kopf. Hatte sie nicht erst noch daran gedacht, dass sie sich hervorragend verteidigen konnte?

Was nicht heißt, dass ich gesteigerte Lust darauf habe, dachte sie mit einem Funken Resignation. Und das, wo sie schon in Chinatown und nur noch fünf Minuten von ihrem Zuhause entfernt war.

Absichtlich und um es schnell hinter sich zu bringen, bog sie in eine schmale Gasse zwischen den hohen Gebäuden ab. Wie erwartet kam ihr ihr Verfolger hinterher.

Sobald die Schatten sie verschlungen hatten, drehte sich Yumiko um und sagte: „Ich muss Sie bitten von Ihrem illegalen Vorhaben abzusehen.“

Die schwarzgekleidete Gestalt blieb zwei Meter vor ihr stehen. Der Mann war groß und auf den ersten Blick körperlich fit. Eher ungewöhnlich für die sonstigen Straßendiebe. Doch Yumiko beunruhigte das noch immer nicht.

„Sie haben etwas, das ich brauche“, erwiderte der Mann mit tiefer, gelassener Stimme. Im Zwielicht sah sie dunkle Augen und dunkles, nachhinten gestrichenes Haar. Seine Kleidung war nicht von der Stange. Ganz und gar nicht wie ein gewöhnlicher Ganove.

„Ganz sicher nicht.“ Yumiko schnaubte und ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. Mussten sich manche Männer immer wie Arschlöcher benehmen?

„Oh doch“, sagte er und hatte sogar die Frechheit leise zu lachen. Er ließ ein Messer aufschnappen. Die letzten Strahlen der Straßenlaternen, die in die Gasse fielen, glänzten auf dem harten Stahl. „Wenn Sie sich nicht wehren werde ich mich beeilen.“

„Das sagen sie alle. Verschwinden Sie oder Sie lernen mich kennen.“

„Das tue ich bereits“, erwiderte er gelassen – und floss auf sie zu. Noch nie hatte Yumiko einen Menschen gesehen, der sich auch nur annähernd so schnell bewegt hatte. Als hätte er keine Knochen im Leib. Pfeilschnell kam er auf sie zugeschossen, nur in allerletzter Sekunde konnte sie aus dem Weg hechten.

Sie fing den Aufprall auf dem Asphalt mit einer Rolle ab, kam wieder auf die Füße und starrte den Mann entgeistert an. Gleichzeitig schoss ihre Körpertemperatur in die Höhe.

„Wirklich, Sie sollten sich nicht wehren“, sagte der Mann.

„Halten Sie mich für geisteskrank? Sie stehen vor mir mit einem Messer und verlangen, dass ich stillhalte?“

„Es war mir klar, dass Sie das nicht begreifen können. Aber glauben Sie mir, mit Ihnen haben wir kein Problem. Nur leider ist es so, dass Sie etwas besitzen was wir benötigen.“

„Wer ist wir?“, fragte Yumiko wachsam. Sie sah nur den Mann vor sich, ansonsten war die Gasse vollkommen leer. Es mochte zwar immer noch sein, dass er ein absoluter Irrer war und nur fantasierte, aber dafür konnte er sich verdammt gewählt ausdrücken.

Und da war noch die Art seiner Bewegung gewesen…

Nein, hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Das war kein gewöhnlicher Taschendieb.

Der Mann atmete geräuschvoll ein und antwortete endlich: „Ich kann Ihnen Ihre Frage nicht beantworten.“ Kaum hatte er den Satz beendet, schoss er wieder auf sie zu – und dieses Mal konnte Yumiko nicht mehr ausweichen.

Kalter, harter Stahl bohrte sich in die Haut über ihrer rechten Hüfte. Der Schmerz schoss sofort durch ihren Körper, ließ sie aufkeuchen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen rann Blut ihr Bein hinunter und sie nutzte ohne ihre bewusste Entscheidung ihre Magie.

Heiß und nach Rache dürstend brach das Feuer aus ihr heraus, hüllte sie ein und als sie die Hand nach dem Mann ausstreckte, flog ein Feuerball aus ihren Fingerspitzen.

Aber sie verfehlte ihr Ziel, denn er wich ihr aus und warf sie ungeachtet der Flammen zu Boden. Yumiko wehrte sich nach Kräften, bleckte die Reißzähne und fauchte ihn an, ließ die Temperatur des Feuers in die Höhe schnellen, so dass der goldene Schein zu azurblau wurde.

Aber selbst als ihre Kleidung zu Asche wurde ließ er nicht von ihr ab. Im Gegenteil, ihn schien die Hitze überhaupt nicht zu stören. Das Feuer hatte auf ihn überhaupt keinen Einfluss.

Seine Hand schloss sich um ihre Kehle und drückte zu. Mit Händen, an denen Krallen gewachsen waren, riss Yumiko an seinem Handgelenk und schaffte es doch nicht seine Finger auch nur einen Millimeter zu lockern.

Aufgrund des Sauerstoffmangels und der unterbrochenen Blutversorgung wurde ihr langsam schwarz vor Augen. Würde er sie töten? Dieser Mann, der kein gewöhnlicher Mann war?

Sekunden später entrang sich ihrer gequetschten Kehle ein krächzender Schrei, denn der Angreifer fuhr mit seiner freien Hand in die Schnittwunde an ihrer Hüfte. Immer tiefer gruben sich seine Finger in ihren Leib und packten etwas.

Yumiko drohte das Bewusstsein zu verlieren, als sie fühlte wie er dieses Etwas aus ihr herauszog. Was zur Hölle tat er da?!

„Ah, da haben wir es ja“, sagte er, als hätte er gerade einen verlorenen Schlüsselbund entdeckt und würde nicht etwas aus ihrem Bauch zerren.

Sobald seine Hand ihren Körper verlassen hatte, ließ er von ihrem Hals ab und stand auf. Röchelnd atmete Yumiko ein, ihr Sichtfeld klärte sich langsam und sie sah auf ihren nackten, blutverschmierten Körper hinunter.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen diese Unannehmlichkeiten bereiten musste.“ Der Mann wischte das Messer an seiner Hose ab und betrachtete anschließend das… Ding in seiner Hand. „Wie gesagt, wenn Sie kooperiert hätten wäre es lange nicht so unangenehm für Sie geworden.“

„Was… was haben Sie mit mir gemacht?“

„Ich habe Sie von einer Last befreit, von der Sie nicht einmal etwas wussten. Glauben Sie mir, so ist es besser.“

Mühsam richtete sich Yumiko auf, eine Hand auf die klaffende Wunde gepresst. Sie würde nicht weiter auf dem Boden liegen, während dieser Bastard auf sie hinuntersah.

„Und jetzt soll ich Ihnen dankbar sein?“, brachte sie schwach heraus. Ihr Kopf drehte sich, der Blutverlust machte sich allmählich bemerkbar.

„Sorgen Sie dafür, dass Ihr Geheimnis unentdeckt bleibt. Sonst sehen wir uns wieder und dann werde ich nicht so wohlwollend Ihnen gegenüber sein.“

Mit diesen Worten ging er tiefer in die Gasse hinein und wurde von den schwarzen Schatten und der Nacht verschluckt. Yumiko konnte nichts weiter tun, als sich mit aller Kraft darauf zu konzentrieren nicht wieder auf den schmutzigen Boden zu sinken.

Hao jiahuo!“ Weiches, atemloses Mandarin erklang hinter Yumiko und ließ sie herumfahren. Zwei dunkle Augen starrten sie aus einem weißen Gesicht ängstlich an, die kleine Gestalt einer Frau stand in einem schmalen Eingang.

„Scheiße“, entwich es ihr und sie schloss erschöpft die Augen. Sie war so müde, fühlte sich so schwach…

Und doch braute sich in ihr dieser unangenehme, alles zermalmende Druck auf. Der Zwang ihre Magie einzusetzen schnürte ihr fast die Luft zum Atmen ab. Die noch immer blutende Wunde an ihrer Hüfte machte es nicht besser, sondern eher schlimmer. Ihre Kontrolle hing nur noch an einem seidenen Faden.

Traurig und von Schmerzen geplagt kappte sie diese hauchdünne Reißleine. Augenblicklich übernahm ihre wahre Natur das Kommando. Yumikos Körper wurde wieder von Feuer umschlossen, sie streckte den Arm aus und deutete mit dem Zeigefinger auf die zitternde Chinesin.

„Vergiss!“, ordnete sie an, ehe ihr Körper sich in dem goldenen Feuer auflöste…

 

… und sich dreitausendfünfhundertvierzig Kilometer nordwestlich wieder zusammensetzte.

Noch immer blutend und nackt brach Yumiko auf dem hellen Hartholzboden zusammen.

Wie durch Watte hörte sie wieder ein überraschtes Keuchen, doch dieses Mal freute sie sich darüber, denn sie kannte die Stimme.

„Mein Gott Kaori, was ist denn mit dir passiert?“

Kühle Hände strichen über ihr Gesicht, hoben ihren Kopf an und vor ihrem verschwommenen Gesichtsfeld erschien ein dunkles, vertrautes Augenpaar.

„Ich bin angegriffen, aufgeschlitzt und entdeckt worden“, murmelte sie erschöpft. „Kannst du dich bitte um meine Hüfte kümmern? Ich will dir nicht den ganzen Fußboden vollbluten.“

„Darüber macht man keine Witze“, sagte Reika scharf.

„He, du könntest dich ruhig freuen mich zu sehen.“

„Das werde ich auch, wenn ich dich verarztet habe und ich mir keine Sorgen mehr darüber machen muss, dass du mir wegstirbst.“ Entgegen ihrer harschen Worte fühlte Yumiko die warmen Lippen ihrer Cousine auf der Stirn, bevor sie sich mit schnellen Schritten entfernte.

Erschöpft, vom Blutverlust wie auch von der beträchtlichen Menge Magie, die sie hatte einsetzen müssen, schloss Yumiko die Augen.

Aber nein, sie war nicht mehr Yumiko. Yumiko Kansaki war eben in New York in einer dunklen Gasse gestorben. So sehr sie dieses Leben und diese Identität auch gemocht hatte, sie war in dem Augenblick vergangen, als die alte Chinesin ihr Feuer und einen Eindruck von ihrem wahren Ich erblickt hatte.

Also musste sie aufhören Yumiko Kansaki zu sein. Sie musste wieder zu Kaori Saito werden.

 

Oh, wie lange sie nicht mehr ihren Geburtsnamen getragen hatte…

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