Leseprobe "Bis du mich weckst"

Gregori wusste vom ersten Moment, dass er wieder den einen Traum erlebte.

Es war ein warmer Sommertag und er saß im Schatten einer großen Eiche. Auf der grünen Wiese blühten hunderte Blumen und verwandelten sie in einem farbenfrohen Teppich. Einige Meter vor ihm schlängelte sich der Fluss Diacre durch die Landschaft. Es roch nach Wärme und Zitrone. Eine laue Brise trug das Gelächter einer Frau zu ihm hinüber.

Seine Aufmerksamkeit wurde von einem roten Haarschopf erweckt, der aus den Fluten des Diacre stieg. Gehüllt in ein schneeweißes Kleid kam die Frau vom Ufer auf ihn zu. Ihre langen Locken bewegten sich im Wind und ihre schmalen Hüften wiegten hin und her. Die Sonne glitzerte in den drei Ohrringen auf ihrer linken Seite.

„Ich sehe aus wie Ignis, nicht wahr?“, fragte Ari, als sie sich neben Gregori ins Gras setzte. Ihre Stimme war angenehm, wie geschaffen um kleinen Kindern Geschichten vorzulesen.

„Ja, wie eine Göttin.“ Gregori lächelte sie an und griff nach einer roten Strähne, die zu ihm hinüber geweht wurde.

„Gregori, findest du mich hübsch? Bin ich attraktiv?“

Erstaunt sah Gregori von seinen Fingern auf. Er kannte diesen Traum, hatte ihn in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder geträumt. Er redete mit Ari über Belanglosigkeiten, über Dinge die er die Tage zuvor erlebt hatte. Doch so etwas hatte sie noch nie gesagt.

Wirre Gedanken geisterten durch sein Gehirn und er starrte sie verwundert an.

Ich sollte vielleicht doch einen Psychiater aufsuchen – kein Magiebegabter träumt von seinem Träumer. Jedenfalls nicht so etwas…

Gregori zuckte zusammen, als Ari ihm eine Hand auf den Arm legte. Ihre Berührung war sanft wie ein Schmetterling, dennoch erschütterte es ihn in seinen Grundfesten – sie hatte ihn noch nie angefasst.

Was geht hier vor?!, forderte er zu wissen, doch sein Unterbewusstsein schwieg.

„Bitte, sag mir ob ich schön bin“, sagte sie und ihre Augen wirkten traurig. Das dunkle Blau verschleierte sich und er meinte die ersten Tränen zu sehen.

„Du… ähm… natürlich bist du schön“, stotterte er vor sich hin, verwirrt von der Situation. Ari kam näher, nahm seine Hand und legte sie auf ihre Wange.

Ein liebliches Lächeln umspielte ihre Gesichtszüge, als sie fragte: „Würdest du mich küssen?“

Fasziniert hatte Gregori beobachtet, wir ihr kleines Muttermal fast vollkommen von den Lachfältchen an ihren Augen verschluckt worden war. Ihre Worte rissen ihn gewaltsam aus seiner Konzentration.

„Ich soll was?“, keuchte er schockiert und zog seine Hand zurück.

Seit wann sucht sie in meinen Träumen Körperkontakt?

Ihr helles Gesicht spiegelte Enttäuschung wieder, dass Gregori das Herz schwer wurde. Wie magisch wurde sein Blick von ihren Lippen angezogen. Wohlgeformt und süß verlockten sie tatsächlich zum Küssen.

Verflucht, das ist schließlich mein Traum!, wetterte Gregori. Hier kann ich machen was ich will.

Und er wollte ihrer Aufforderung nachkommen. Sanft nahm er ihr Gesicht in seine Hände und strich mit einem Daumen über ihre Wange. Es war schon einige Zeit seit seinem letzten Kuss vergangen, doch vergessen hatte er es nicht.

„Sicher?“, raunte er, seine Nase berührte sacht die ihre. Ari ließ seinen Blick nicht los, als sie nickte.

Ein wölfisches Grinsen umspielte Gregoris Lippen, eher mit ihnen sachte über Aris strich. Sie fühlte sich so weich an, so verlocken.

Er wiederholte diese zarte Berührung einige Male, bis es ihn nach mehr verlangte. Als Ari sich leicht gegen ihn lehnte, stöhne er leise auf. Der Druck seiner Lippen wurde fester und er zog ihr Gesicht sanft näher, um den Kuss zu vertiefen. Vorsichtig strich er mit der Zunge über die leichte Öffnung ihrer Lippen. Als sie seine Berührung erwiderte, fuhr er mit den Händen durch ihr weiches Haar und zog sie noch näher. Wie von selbst glitten ihre Arme um seinen Hals und als der Kuss immer leidenschaftlicher wurde…

 

… schreckte Gregori aus dem Schlaf auf.

Sein Atem ging stoßweise und ein dünner Schweißfilm bedeckte seinen Körper. Fahrig strich er sich mit den Händen durchs Haar und übers Gesicht. Ebenso berührte er seine Lippen, die verräterisch kribbelten. Er lag alleine in seinem Bett.

„Oh Gott“, entfuhr es ihm und er sank erschöpft in die Kissen zurück. Gregor schloss die Augen und sah sofort Aris lächelndes Gesicht vor sich. Gequält stöhnte er auf und drehte sich auf den Bauch. Sein Gesicht im Kissen vergraben dachte er nach.

Warren hatte ihm schon von Männern und Frauen erzählt, die sich zu ihrem Träumer hingezogen gefühlt hatten. Ein aussichtloses Unterfangen, da sie sich genauso gut in eine Statue hätten verlieben können. Jede Berührung, die über die alltäglichen hinaushing, zog schmerzhafte Folgen nach sich. So stellten die Emendi sicher, dass ihre Träumer nicht missbraucht wurden.

Ich bin nicht verliebt, versicherte Gregori sich und drehte seinen Kopf auf die Seite. Doch er konnte niemand von seinen seltsamen Träumen erzählen. Selbst Myrtha wollte er so etwas nicht anvertrauen, obwohl sie ihm am nächsten stand. Er wollte nicht den Unglauben in ihrem Gesicht sehen, diesen abschätzenden Blick. Er war schließlich nicht verrückt.

Dennoch ist es seltsam, dass ich die Kontrolle über den Verlauf des Traums verloren habe.

Bei dem Gedanken an den Kuss beschleunigte sich Gregoris Herzschlag. Er kam sich albern vor, kindisch und sehr verwirrt.

„Hoffentlich habe ich das bald wieder vergessen“, murmelte er vor sich hin und zog die Bettdecke über sich.

 

Es dauerte, bis er wieder eingeschlafen war. Dieses Mal verführte ihn keine rothaarige Schönheit mit süßen Lippen.

 

Dumpf war sie sich eines vertrauten Geruchs bewusst, als sie tief einatmete. Das fruchtige Aroma regte ihre Sinne an und begleitete sie langsam in den Wachzustand. Sie lag in einem weichen Bett, im Zimmer war es angenehm warm und sie fühlte sich geborgen.

Es dauerte etwas, ehe sie langsam die Augen aufschlug. Im schwachen Schein eines Feuers erkannte sie einen hellen Betthimmel. Mit feinen Linien war ein Rosenmuster darauf gestickt, das sich kompliziert über den gesamten Stoff erstreckte. Wieder atmete sie diesen bekannten Duft ein.

Zitronenöl, geisterte es durch ihren vernebelten Verstand. Als sie den Kopf drehte, entdeckte sie das kleine Potpourri neben dem Bett. Fahrig strich sie sich mit einer Hand über ihr Gesicht und massierte ihre Nasenwurzel. Ein dumpfes Wummern hinter ihrer Stirn trübte ihre Gedankengänge.

 

Unerwartet erfasste sie bleierne Müdigkeit und sie schloss erschöpft die Augen. Langsam zog der Schlaf ihr Bewusstsein in tiefere Regionen ihres Verstands. Sie begann wieder zu träumen. Und wie immer träumte sie von dem blonden Mann mit den traurigen grünen Augen.

 

Dunkelheit umgab sie, als sie die Augen öffnete. Sie blinzelte einige Male, ehe sie die Decke zurückschlug und aufstand. Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt und sie rieb sich über die Arme. Ihre Beine protestierten nicht mehr bei jedem Schritt, gewöhnten sich langsam an die Belastung. Sie war nun schon mehrmals aufgestanden.

Ein verführerischer Duft stieg ihr in die Nase und sie blickte zur Tür – sie war noch nie draußen gewesen. Neugierig drückte sie die kühle Klinke hinunter und trat auf einen finsteren Flur. Hier war das Aroma stärker und es drängte sie dazu ihm zu folgen.

Nach den ersten Schritten erinnerte sie sich an den Geruch – Apfelkuchen. Aus seinen Gedanken wusste sie, wie das Gebäck aussah, aber nicht wie es sich auf der Zunge anfühlte und wie es schmeckte. Sie ging über den weichen Teppich.

Mitten im Schritt blieb sie stehen. Etwas Starkes zupfte an ihrem Geist, lockte sie weg von der Treppe, zu der sie gegangen war, drängte sie hin zu einer Tür zu ihrer Rechten. Sie war verschlossen und sah nicht viel anders aus als die zu ihrem Zimmer, doch sie wusste, dass dahinter etwas nach ihr rief.

 

Leise trat sie ein, erkannte den Raum aus den geliehenen Erinnerungen. Sie durchquerte ihn und spähte durch eine angelehnte Tür ins Nebenzimmer. Die Muskeln ihrer Beine zitterten und drängten sie dazu sie zu entlasten. Sie sah zu dem großen Bett hinüber und schlüpfte ins Zimmer.