Leseprobe "Wolfsspur"

Kapitel 1

 

Alarmglocken schrillten in Lycans Kopf, laut und deutlich und lenkten ihn einen Moment von der pochenden Wunde an seiner Schulter ab.
Er hielt die Nase in den Wind und atmete tief ein. Feuchter Waldboden, junges Grün, diverse kleine Säugetiere, vermoderndes Holz… und der Gestank eines Menschen.
Unwillkürlich spannten sich seine Muskeln an und sein leerer Magen krampfte sich zusammen. Irgendwo zu seiner Linken befand sich ein Mensch, keine zwanzig Meter entfernt. Und er kam näher.
Sein Herz schlug heftig gegen seine Rippen, während er zu seiner Schwester sah. Der braune Timberwolf lag zusammengerollt unter einer großen Baumwurzel, seine Flanken hoben und senkten sich in einem viel zu langsamen Rhythmus. Satter Blutgeruch, alt und neu, überlagerte ihre sonst so vertraute Witterung.
Sie hatte es um einiges schlimmer erwischt als ihn. Bei ihm hatte das Geweih des Hirschbullen lediglich eine Fleischwunde an der Schulter verursacht, doch Canys hatte sich den linken Vorderlauf gebrochen. Hinzu kamen drei bis vier geprellte Rippen, einige tiefe Schnittwunden am Rücken und eine gequetschte Pfote am linken Hinterbein.
Schuldgefühle und Wut drohten Lycan den Atem zu rauben. Warum hatte er nicht besser auf sie aufpassen können? Es war allein seine Schuld, dass es so weit gekommen war. Er hatte sich nicht beherrschen können und hatte sie überredet, obwohl sie deutlich ihr Missfallen ausgedrückt hatte.
Er hätte es gleich merken müssen, wie sehr er auf dem Holzweg gewesen war. Canys stellte sich nur sehr selten offen gegen ihn. Es war alles so furchtbar schiefgelaufen.
Jetzt saßen sie hier fest, konnten nicht weglaufen und sich in Sicherheit bringen, während der Mensch sich immer weiter näherte. Lycan hatte Angst, dass er sie entdecken und sie zur Strecke bringen könnte – oder schlimmeres. Aber das würde er auf keinen Fall zulassen.
Also schlich er sich leise davon, ließ seine bewusstlose Schwester zurück. Sie musste nichts davon mitbekommen und wenn alles gut ging würde er das Problem unbemerkt aus der Welt schaffen – und sie hätten endlich etwas zu fressen.
Lycan versuchte so wenig Geräusche wie möglich zu machen, bewegte sich vorsichtig durch die dichtstehenden Bäume. Doch er war so konzentriert darauf, dass er nicht bemerkte wie der Wind drehte. Adrenalin peitschte durch seinen Körper, vertrieb für den Moment die Schmerzen und ließ das Blut in seinen Ohren rauschen.
Er lief schneller, einige trockene Zweige brachen unter seinen Pfoten. Lycan hörte ein metallisches Klicken, ehe er unvermittelt auf einem Waldweg stand – und sich einem Menschen und einem riesigen, schwarzen Hund gegenübersah.
Nein, dachte Lycan und zog tief die Waldluft in seine Lungen. Nein, das war ein Wolf. Nur geringfügig kleiner als er, durch das schwarze Deckhaar war graue Unterwolle zu erkennen. Goldgelbe Augen bohrten sich wie Dolche in seinen Blick.
Und er stand in geduckter, kampfbereiter Haltung vor dem Mann. Dem Mann, der mit einer Waffe auf ihn zielte.
Unwillkürlich bleckte Lycan die Zähne, legte die Ohren an. Aber irgendetwas störte ihn. Dieses Bild stimmte nicht ganz. Warum zur Hölle sollte sich ein Wolf vor einen Menschen stellen? Ganz so, als wolle er ihn beschützen?
Lycan musterte den Mann genauer. Er war groß, sicher einen Meter neunzig, muskulöser Körperbau, dunkles Haar und stechend grüne Augen, die ihn ohne mit der Wimper zu zucken anstarrten. Er konnte den Geruch von Zedernholz, Kardamom und Jasmin an ihm wahrnehmen.
Und der eigenartige Timberwolf… roch fast genauso. Was war hier los?!
Ein tiefes, unheilvolles Knurren erklang, der schwarze Wolf legte die Ohren an. Mit zurückgezogenen Lefzen und gesträubtem Nackenfell duckte er sich ein wenig mehr, als wolle er jeden Moment vorpreschen und Lycan attackieren – verharrte dann jedoch völlig regungslos.
Lycans Muskeln verkrampften sich, denn die Situation war ausweglos. Selbst wenn er mit dem anderen Wolf fertig werden würde – der offenbar bei bester Gesundheit und wild entschlossen war den Mann zu beschützen – würde eben dieser Mann ihn einfach niederschießen.
Und Canys wäre ganz allein.
Verzweiflung wollte sich in ihm breitmachen, dass sie es erst geschafft hatten und dann doch sterben mussten, weil alles ganz anders kam.
Von einer Sekunde auf die andere gab der Timberwolf seine aggressive Haltung auf. Der ganze Körper entspannte sich, er stellte die Ohren auf, kläffte einmal und wedelte sogar mit dem Schwanz. Ganz so als würde er einen alten Freund begrüßen.
Verwirrt und nicht mehr ganz sicher, ob er noch bei klarem Verstand war, senkte Lycan die Lefzen. Einige Sekunden später nahm der Mann die Waffe runter, das Klicken der Sicherung war zu hören.
„Lycan“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme.
Unmöglich!, dachte Lycan völlig schockiert.
Der Mann ihm gegenüber hob beschwichtigend die Hände und fuhr fort: „Wir wissen wer und was du bist, Lycan. Du kannst uns vertrauen.“
Wer um alles in der Welt war das?!
Er roch nicht nach seinen Peinigern, so eine Kombination hatte Lycan noch nie zuvor gewittert. Das wusste er ganz sicher, denn er hatte ein exzellentes Gedächtnis in dieser Hinsicht. Und selbst wenn sie ihn geschickt hätten, dann hätte er sicher nicht die Waffe gesenkt.
Wie festgefroren konnte Lycan nur den Mann und den Wolf anstarren.
Die goldgelben Augen des Timberwolfs lösten sich von ihm, sahen zu dem Mann hoch und es schien irgendeine Art von stiller Kommunikation zwischen ihnen zu geben, denn der Mann nickte leicht.
Und als wäre das alles nicht schon verrückt genug, lief unvermittelt ein heftiges Zittern durch den dunklen Wolfskörper – und Lycans Atem setzte aus.
Innerhalb von sechs Minuten bot sich ihm ein Schauspiel, das er bisher nur bei vier anderen Lebewesen beobachtet hatte. Inklusive sich selbst.
Die Gliedmaßen des Wolfs streckten sich, zogen sich in die Länge. Leises Knacken und Schmatzen war zu hören, harsche Atemzüge, während sich die Tiergestalt immer weiter verschob und völlig neu anordnete. Die Rute zog sich in den Körper zurück, die Schnauze schrumpfte, das dunkle Fell verschwand unter nackter Haut.
Schwankend erhob sich eine junge Frau, die eben noch ein schwarzer Timberwolf gewesen war. Langes, schwarzes Haar, in dem sich dunkelgraue Strähnen verbargen, flutete über ihren Rücken. Sie war um einiges kleiner als der Mensch, vielleicht einen Meter fünfundsechzig. Sie lehnte sich kurz an den Mann, als müsse sie erst wieder das Gleichgewicht finden. Lycan wusste nur zu gut, wie das war.
Noch immer goldene Augen sahen ihn aufmerksam an. Als sie sich schließlich bewegte, waren ihre Schritte fest und sie ging direkt auf ihn zu.
Ein Knurren entriss sich seiner Kehle, Instinkt und Intellekt kämpften in seinem Kopf um die Vorherrschaft. Stocksteif stand er da, brummte tief und sah doch nur dabei zu wie diese Frau, die eben noch ein Wolf gewesen war, einen Meter vor ihm stehen blieb und in die Hocke ging.
Er zitterte vor Anspannung, seine Flanken hoben und senkten sich merklich. Ihr Geruch hatte sich ein wenig verändert, der Jasmin war um klare Waldluft ergänzt worden, Zedernholz und Kardamom waren in den Hintergrund getreten.
„Lycan“, sagte sie, die Stimme ruhig und freundlich. „Ich bin so froh dich endlich kennen zu lernen. Mein Name ist Aleydis Moore.“
Moore?, hallte es schwach durch seinen Kopf. Er kannte diesen Namen, er war irgendwie wichtig für ihn. Aber er erinnerte sich nicht mehr, es war schon so lange her…
„Ich weiß, dass du und die anderen von ConPharm geflohen seid und dass sie auf der Suche nach euch sind.“
Er antwortete mit einem heftigen Knurren, doch die Frau, die eben noch ein Wolf gewesen war und Aleydis hieß, ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
Stattdessen sagte sie sanft: „Du brauchst keine Angst zu haben, Rafael und ich werden dich beschützen. Denn wir sind eine Familie – ich bin deine ältere Schwester.“
Ungläubig riss Lycan die Augen auf und wich einen Schritt zurück. Was sagte sie da? Seine Schwester?
Etwas aus seinem Gedächtnis versuchte an die Oberfläche zu kommen, aber er war im Augenblick nicht in der Lage darauf zu hören.
„Lycan, bist du alleine?“, fragte sie, einen eindringlichen Ausdruck in den Augen. „Wo sind die anderen? Wo sind Felina, Canys und Ursyn?“
Ein eiskalter Schauer rieselte durch seinen Körper, sein Fell sträubte sich als hätte man es gegen den Strich gebürstet. Ein erbarmungswürdiges Winseln löste sich aus seiner Kehle. Er war verletzt, war am Ende seiner Kräfte, hatte Schmerzen, unerträglichen Hunger und kam fast um vor Sorge um seine Schwester.
Was ging hier nur vor sich?
Die goldenen Augen der Frau wurden weich, verfärbten sich langsam zu einem mehr menschlichen hellbraun.
„Ich weiß, dass du verletzt bist, aber ich muss unbedingt mit dir reden. Bitte werde zum Menschen für mich, ja? Du hast mein Wort, dass du nichts vor uns zu befürchten hast. Ich würde dir nie, niemals etwas zu leide tun.“
Langsam hob sie die Hand und legte sie an seine fellige Wange. Noch immer zögerte er, zitterte wegen der gegensätzlichen Wünsche und Ängste in seinem Inneren. Der Blick der Frau wurde eindringlicher, das Gold des Wolfs kehrte zurück.
„Jetzt Lycan“, sagte sie. Etwas in ihm rastete ein und er gehorchte.
Während der ersten Sekunden war es reine Wonne, doch dann setzten die fast unerträglichen Schmerzen ein. Er bemerkte kaum noch, dass die Frau zurücktrat. Was er sehr wohl bemerkte war das Verschieben und Verformen all seiner Gliedmaßen und Organe.
Jedes einzelne, verfluchte Mal gerieten seine Nerven dabei regelrecht in Brand. Doch jetzt war es um einiges schlimmer, denn sein Körper war geschwächt und verletzt. Seine Energiereserven waren fast vollkommen erschöpft, so dass es langsamer ging.
Am Ende des schmerzhaften Prozesses lag er keuchend auf dem Rücken, den Blick unstet auf das dichte Kronendach der Bäume über sich gerichtet. Sein nackter Körper war mit einer Schicht aus kaltem Schweiß bedeckt, er schmeckte Blut auf der Zunge.
Seine rechte Schulter pochte heftig. Das einzige Gute an der Wandlung war, dass sich die Wunde weiter geschlossen hatte. Sie war noch immer blutig, doch über dem Großteil des rohen Fleisches hatte sich eine neue, zarte Hautschicht gebildet.
Der Polarwolf, der nun wieder im Hintergrund seiner Gedanken war, winselte. Er war nicht so wehrhaft in dieser Gestalt, doch diese Frau… er hatte sich ihrer Bitte einfach nicht widersetzen können. Vielleicht auch deswegen, weil er ihr unbedingt glauben wollte.
Erst als er sich zutraute nicht direkt wieder flach auf dem Rücken zu landen, setzte sich Lycan langsam auf.
Noch immer kniete die nackte Frau, die vorher noch ein Wolf gewesen war, vor ihm und beobachtete ihn. Der Mann stand neben ihr, hatte einen geöffneten Rucksack vor sich auf dem Boden und zog eine braune Papiertüte hervor. Unvermittelt wurde die Luft von dem satten, herzhaften Geruch von gebratenem Fleisch und krossem Brot geschwängert. Der Mann gab die Tüte der Frau.
Lycans Magen zog sich knurrend zusammen, Speichel sammelte sich in seinem Mund.
„Er braucht das viel dringender als ich“, sagte Aleydis Moore und reichte ohne zu zögern das Essen an ihn weiter.
Mit einem Knurren in der Kehle schnappte er sich die Tüte, riss sie auf und vernichtete das Sandwich innerhalb von fünfzehn Sekunden. Erst krampften sich seine Eingeweide zusammen, ehe sie sich entspannten. Ein berauschender Cocktail aus Hormonen durchflutete seinen Körper. Es war bei weitem noch nicht genug gewesen, doch fürs Erste reichte es.
Die angebotene Wasserflasche griff er mit mehr Kontrolle, leerte sie zur Hälfte und erst dann sah er wieder die beiden Menschen vor sich an.
Nein, dachte er, nun wieder einigermaßen klar im Kopf. Den menschlichen Mann und die Wolfshybridin.
Aleydis lächelte ihn an. „Hallo Lycan.“
„Hallo Aleydis“, erwiderte er, die Stimme rau. Es war lange her, dass er sie benutzt hatte.
„Der Mann neben mir ist Rafael Bishop“, sie sah kurz auf und etwas veränderte sich in ihrem Lächeln. Aber Lycans Gedanken waren noch zu durcheinander, um es konkret benennen zu können. Seine Augen huschten zu dem besagten Rafael Bishop, welcher ihm freundlich zunickte.
Als er wieder Aleydis ansah, fragte sie: „Bist du alleine unterwegs? Wo sind die anderen?“
Eiseskälte erfasste ihn, vergessen war die erste Erleichterung.
„Nur Canys ist bei mir“, antwortete er. „Sie ist schwer verletzt.“
„Wo?“, wollte Rafael wissen.
Hätte Lycan noch sein Fell besessen, es hätte sich jetzt gesträubt. Er wusste, dass seine Augen wieder zum Wolf wurden, als er brummte: „In der Nähe.“
„Du kannst uns wirklich vertrauen“, entgegnete Aleydis. „Ihr seid meine Geschwister, ich werde euch beschützen, ebenso wie Rafael.“ Als er nichts darauf erwiderte, fügte sie hinzu: „Ich war die erste von uns, die geboren worden ist. Ich bin Subjekt 0.“
„Du bist Subjekt 0?!“ Die Frage war kaum mehr als ein Flüstern, gefangen zwischen Ehrfurcht und Verwirrung.
Jetzt bekam er auch den Gedanken von vorhin zu fassen, der sich bis dahin noch hartnäckig seinem Zugriff entzogen hatte.
Die erste von ihnen, das Subjekt 0, war außerhalb der Laboratorien bei Wissenschaftlern mit dem Namen Moore gehalten worden.
Und wie oft hatten er und die anderen die Männer und Frauen auf der anderen Seite der Spiegelwände von ihr reden hören in den letzten Monaten? Sie hatten es kaum zählen können und sich gefragt, was es damit wohl auf sich hatte. Denn diese Menschen dort hatten nie etwas gesagt, was nicht auch irgendeinen Einfluss auf ihn und seine Geschwister gehabt hätte.
Das einzige, was sie herausgefunden hatten war, dass diese Menschen das Subjekt 0 hatten herholen wollen, um ihn und seine Geschwister besser zu kontrollieren. Was natürlich eine echte Zwickmühle war, denn die Notwendigkeit von mehr Kontrolle war nur erforderlich gewesen, weil einer von den Wissenschaftlern die seine verloren gehabt hatte. Und daraufhin war es bei einem von Felinas Versuchen zu einer mittelschweren Katastrophe gekommen.
„Ja, das bin ich“, antwortete Aleydis und holte ihn aus seinen Erinnerungen zurück. „Ich kann dir und vor allem Canys helfen, aber dazu muss ich wissen wo sie ist.“
Lycan trank noch mehr Wasser und nahm sich Zeit darüber nachzudenken. Aber egal wie er die Argumente in seinem Kopf hin und her wälzte, er kam doch immer auf dasselbe Ergebnis: Er musste das Angebot annehmen.
Es überraschte ihn ein wenig, dass sein Wolf damit ganz zufrieden zu sein schien. Aber dieser Teil seiner Psyche war schon immer sehr direkt gewesen. Und es stand außer Frage, dass Aleydis Moore und Rafael Bishop an seinem Wohlergehen interessiert waren. Aktuell zumindest.
Und er konnte sich schlicht nicht den Luxus erlauben sich stur zu stellen und aus reinem Trotz heraus abzulehnen.
„Ich zeige euch wo“, sagte er und richtete sich auf.

 

Erhältlich ab

1. Juni 2019