Eine kleine Kostprobe gefällig?


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Venefi - Magie der Hände

(nicht im Handel erhältlich)


Ein ungehaltenes Knurren löste sich aus Yaras Kehle, als sie zum wiederholten Male angerempelt wurde. „Kannst du nicht aufpassen?“, herrschte sie den jungen Faun an. „Ent... Entschuldigung.“ Seine kleinen Hörner zitterten verräterisch, ehe er sich schnell aus dem Staub machte.
Yara klopfte sich das Kleid sauber und ließ den Blick über den völlig verstopften Marktplatz schweifen. `Wo zum Teufel steckt Cari´, murrte sie in Gedanken. Ihre Freundin wusste genau, dass sie Markttage hasste. Und dennoch ließ sie sie regelmäßig im Stich.
„Ah, da ist sie ja.“ Einige Meter weiter blitze aus der dunklen Menge ein heller Schopf. Zielstrebig bahnte sich Yara einen Weg durch die schiebenden Leiber. Es schien ihr eine Ewigkeit vorübergegangen zu sein, ehe sie endlich den Stand erreicht hatte, an dem ihre Freundin sich aufhielt.
„Gibst du schon wieder unser Geld aus?“, fragte Yara und zupfte eine kleine Feder von Caris Arm. „Au, spinnst du? Willst du mich rupfen? Ich bin doch kein Huhn...“ Die erdbraunen Augen der Harpyie musterten Yara vorwurfsvoll.
Diese lächelte nur vergnügt und drehte den Federkiel zwischen zwei Fingern. „Hab dich nicht so.“ Um das Thema wieder zu wechseln, deutete Yara auf das kleine Päckchen in Caris Hand.
„Also, welchen Plunder schleppst du jetzt wieder mit nach Hause?“ „Das ist kein Plunder, das ist eine Antiquität“, sagte Cari bestimmt. Gemeinsam entfernten sie sich von dem Stand und strebten zum Rand der großen Fläche.
Yara atmete unmerklich tief durch, als sie den Hexenkessel von Markt verlassen hatten. „Und was für eine Antiquität ist es?“ Yara versuchte ihre Neugier zu verbergen, doch Cari grinste fröhlich. „Das verrate ich dir noch nicht. Es ist eine Überraschung.“ „Oh nein. Aber hoffentlich nicht eine von der Sorte, als du aus Versehen eine vermeintlich versteinerte Sumpfkatze gekauft hast.“ Cari verdrehte die Augen, sagte aber nichts.
„Du brauchst gar nicht so zu tun, als wüsstest du nichts mehr davon. Beinah einen Monat habe ich gebraucht, ehe ich den ganzen Schlick wieder aus meinem Zimmer heraus hatte.“
„Yara, du jammerst schon wieder“, bemerkte Cari ruhig und bog mit ihrer Begleiterin um eine Ecke. Der Lärm nahm augenblicklich ab, verstummte zu einem monotonen Summen im Hintergrund.
„Na und? Du beschwerst dich ja immer noch über mein Seifenmissgeschick“, konterte Yara und beschleunigte ihren Schritt. Cari musste fast rennen, um mit den langen Beinen ihrer Freundin mitzuhalten.
Als sie wieder aufgeschlossen hatte, boxte sie Yara auf die Hüfte. „Du warst ja nicht diejenige, die eine Woche mit grünen Haare hatte rumlaufen müssen.“ Yara gluckste ungeniert vor sich hin. „Stimmt – ich habe mich beinah zu Tode erschreckt, als du als Dämon aus dem Bad gestürmt bist.“
„Alles deine Schuld. Im Gegensatz zu meinen Schwestern passiert mir das nicht so oft, aber damals...“ Cari seufzte und schüttelte den Kopf. „Lassen wir das, es führt sowieso jedes Mal zu nichts.“ „Meinetwegen. Wir Drachen sind ohnehin für unser diplomatisches Geschick bekannt.“
Cari betrachtete Yara mit zusammen gekniffenen Augen an, holte tief Luft und – sagte nichts. Stattdessen kramte sie nach dem Ladenschlüssel in ihrer Tasche, denn dieser war schon in Sicht.
Eingebettet in das mythisch angehauchte Zauberviertel passte Yaras und Caris Laden wunderbar zu der geheimnisvollen Atmosphäre in diesen Gassen. Mit verschnörkelten Schriftzeichen an der Tür, allerhand magische Utensilien im Schaufenster und skizzierten Händen – ein Laden der Venefi, wie er im Buche stand.
Die Türklingel läutete hell, als Cari und Yara die Räume betraten. Routiniert drehten sie das Schild auf „Geöffnet“ und ließen die Tür wieder ins Schloss fallen. „Ich komme gleich wieder, ziehe mich nur schnell um“, sagte Yara, einen Fuß bereits schon auf der Treppe im Hinterzimmer.
Direkt über dem Geschäft der beiden Frauen lagen ihre Privaträume. Das zweistöckige Haus war zwar klein, dafür genoss Yara den Luxus morgens bis zur letzten Minute schlafen zu können.
Gut geölte Scharniere ließen ihre Zimmertür lautlos aufschwingen, als Yara eintrat. Ohne Zeit zu verlieren öffnete sie die Verschnürrungen an ihrem Kleid und streifte es ab. „Jedes Mal dasselbe...“, murmelte sie vor sich hin und betrachtete missmutig den schmutzigen Rocksaum.
Aus dem Schrank neben ihrem Bett holte sie ein neues Kleid und streifte es über. Einen prüfenden Blick in den Spiegel, ehe sie den Raum wieder verließ.
Cari hatte inzwischen ihre neusten Errungenschaften auf dem breiten Tisch neben der Treppe ausgebreitet. Der Hinterraum war durch eine gläserne Schiebtür vom Laden getrennt. Falls ein Kunde kommen sollte, würden die beiden es rechtzeitig hören.
Interessiert betrachtete Yara die vielen kleinen Gegenstände. Neben einer Drachenkralle, einer Chimärenfeder und dem Hornstück eines Minotaurus lag auch ein goldenes Knäuel auf dem Tisch. „Fass mich an...“, flüsterte eine tiefe Stimme. Yara schüttelt verwirrt den Kopf.
„Hast du das auch gerade gehört?“, fragte sie ihre Freundin, die gerade ihre Tasche weggelegt hatte. Cari zog eine Augenbraue hoch. „Was soll ich gehört haben?“ „Hast du keine Männerstimme gehört?“ Misstrauisch runzelte die Harpyie ihre Stirn. „Nein, ich habe nichts gehört. Und im Laden ist auch niemand...“
Verunsichert zuckte Yara mit den Schultern. „Hirngespinste – mit dir an seiner Seite kann man ja nur verrückt werden.“ Cari schnaubte ungehalten. „Du hast gut reden. Gegen Drachenmenschen gibt es lange nicht so viele Vorurteile. Es ist ganz schön schwer, als launische Spezies verschrien zu sein.“
Yara deutete stumm auf ihren Hals, woraufhin Cari die Augen verdrehte. „Ich finde deine Schuppen geschickt. Außerdem sind sie ja nur an den empfindlichen Stellen...“ „Trotzdem...“, murrte Yara und sah gedankenverloren auf die dunkelroten Schuppen an ihrem Unterarm.
Drachenmenschen wie Yara kennzeichneten sich vornehmlich durch ihre auffälligen Augenfarben, ihre schwarzen Haare und den Schuppen auf ihrer Haut. Entlang der Wirbelsäule, am Hals, den Oberschenkeln, dem Bauch und den Unterarmen befanden sich diese ähnlich wie Schlangenhaut am Körper. Beinah in allen Farbvarianten waren sie vertreten und dienten hauptsächlich zum Schutz.
„Fass mich an...“ Yara schreckte aus ihren Grübeleien auf und starrte auf den seltsamen Gegenstand auf dem Tisch. „Hast du’s jetzt gehört?“, fragte sie nochmals Cari und griff nach dem goldenen Gespinst.
Die junge Vogelfrau zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Nein, nichts gehört.“ Sie trat neben Yara und meinte lächelnd: „Wie ich sehe hast du dein Geschenk schon gefunden?“ „Mein Geschenk?“; fragte Yara gedankenverloren und musterte das Ding in ihren Händen.
„Ja. Es ist ein Amulett. Der Händler sagte, dass es einen Schutzgeist enthält.“ Yara hob skeptisch eine Augenbraue, während sie die lange Goldkette zwischen den Fingern hindurch gleiten ließ.
„Das ist aber nicht derselbe Händler, dem du den so genannten Talisman mit dem Einhornherz abgekauft hast?“ „Doch, aber dieses Mal hat er geschworen, dass es keine Fälschung war.“ Resigniert seufzte die Drachenfrau, betrachtete aber weiterhin das Schmuckstück.
Cari frönte einer ausgeprägten Sammelleidenschaft, wenn es um magischen Krimskrams ging. Der gesamte Laden und annähernd die ganze Wohnung war voll gestopft mit Talismanen, Amuletten, diversen Zauberhilfsmitteln und angeblichen Antiquitäten.
Yara hatte es aufgegeben, Cari von der Unsinnigkeit ihres Hobbys abzubringen. Lediglich das Versprechen, nichts in ihr Zimmer zu stellen, hatte sie der Freundin abringen können. Ansonsten musste sie mit ansehen, wie Cari nach jedem Markttag ihre Ausbeute im Haus verteilte.
„Und was soll ich damit?“, fragte Yara ihre Freundin. „Tragen natürlich. Auch wenn du nicht daran glaubst – der Stein passt hervorragend zu deinen Augen.“ Interessiert musterte Yara den blutroten Stein in der filigranen Fassung. Verwundert zog sie die Augenbrauen zusammen. „Cari, der Stein ist kaputt.“
„Zeig mal her“, sagte sie und nahm Yara die Kette aus der Hand. Resigniert seufzte sie, als auch sie den langen Riss in dem dunklen Stein entdeckte. „Schade... Trotzdem, wenn man nicht genau hinsieht, fällt das gar nicht auf.“
Yara lächelte und verkniff sich ihren Kommentar. Bereitwillig nahm sie das Amulett wieder in die Hände. „Naja, vielleicht hilft es ja...“, sagte sie und streifte die Kette über den Kopf. Der Stein kam unterhalb ihres Brustbeins zum Liegen und lenkte den Blick auf ihre Brust.
„Oh lá lá... Wenn das mal kein Hinkucker ist“, scherzte Cari und lachte vor sich hin. „Dann werde ich mich eben nach einer anderen Kette umsehen.“ Yara zuckte mit den Schultern und ließ das Schmuckstück unter dem Kleid verschwinden. Angenehm kühl lag der Stein auf ihrer Haut.
Die Ladenglocke riss die beiden Frauen aus ihren Albereien. „Ich räume auf, du kümmerst dich um den Kunden“, sagte Cari und schnappte sich ihre Beute. Yara nickte, strich sich das Kleid glatt und trat hinaus in den Laden.

Yara seufzte wohlig und wrang das Wasser aus ihren langen Haaren. Wie nasse Seide reichten ihr die schwarzen Strähnen bis zu ihrer Hüfte. Schnell wickelte sie sich in ein großes Handtuch und öffnete das Fenster. In weißen Wölkchen waberte der Dampft heraus und verschwand in der dunklen Nacht.
Barfuss lief sie über das glatte Parkett in ihr Zimmer und trocknete sich ab. Gekleidet in ein langes Unterkleid ging sie in die gemeinsame Wohnstube. Cari saß bereits am Kamin auf einem Sessel, die Knie angezogen. Ihre langen Schwungfedern schimmerten wie Juwele im Feuerschein.
„Ich habe hier noch einen Brief für dich“, sagte Yara und reichte ihrer Freundin ein gefaltetes Blatt. Neugierig brach Cari das Wachssiegel und schlug den Brief auf. Mit flinken Augen überflog sie die handgeschriebenen Zeilen und begann zu lächeln. „Sirius hat wieder geschrieben…“ „Und, aus welchem Gedichtband hat er dieses Mal geklaut?“, fragte Yara und setzte sich in den anderen Sessel. Vorsichtig blies sie über den heißen Tee, den Cari ihr bereitgestellt hatte.
„Du bist gemein. Sirius ist einfach ein Poet, er klaut nicht.“ Cari maß ihre Freundin mit einem tadelnden Blick und legte den Brief beiseite. „Er hat eine sehr romantische Ader.“ „Die hätte ich auch, wenn ich mit dir ins Bett gehen würde.“ Anstatt beleidig zu sein, zuckte Cari lediglich mit den gefiederten Schultern.
„Tu nur nicht so, als hättest du nie Liebhaber“, meinte sie und griff nach ihrem eigenen Tee. „Ich habe nie behauptet, dass ich keine habe. Aber für gewöhnlich höre und sehe ich nichts mehr von ihnen. Den Göttern sei Dank…“ Yara wandte den Blick ins Feuer ab. Doch Cari war der schmerzvolle Zug um ihre Augen nicht entgangen.
„Ich bin immer noch der Meinung, dass du zu Hilia gehen solltest.“ Yara stieß ungehalten den Atem aus. „Ich werde mich sicher nicht zu dieser Frau begeben.“ Resigniert seufzte Cari. Schon seit Jahren – um genau zu sein, seit etwa neun – versuchte sie Yara dazu zu überreden, die Einhornfrau zu besuchen. Einhörner waren dafür bekannt, durch ihre Empathie aufgewühlte, verletzte und geschundene Seelen zu heilen.
Und Yara brauchte wirklich Heilung. „Du kannst nicht ewig so weiter leben. Usir darf nicht über dein restliches Liebesleben bestimmten.“ Kaum hatte Cari den Namen ausgesprochen, sah sie das Yara wie unter einem Schlag zusammenzuckte. „Cari, bitte nicht…“, flüsterte Yara und legte den Kopf auf ihre Knie. „Warum nicht? Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wenn ich es nur lange genug sage, du endlich etwas unternimmst.“ „Was denn? Kein Einhorn der Welt kann mein Vertrauen wieder herstellen. Es muss von alleine kommen.“ Cari unterdrückte ein frustriertes Aufstöhnen.
„Aber wie sollst du denn neues Vertrauen schöpfen, wenn du alle Männer immer auf Abstand hälst? Es schafft ja niemand zu dir durchzudringen, wenn du dich ständig in deinem Schneckenhaus verkriechst.“ Darauf antwortete Yara nichts. Gedankenverloren spielte sie mit den Spitzen einer Haarsträhne und starrte ins Feuer. In ihren leuchtend grünen Augen tanzten dunkle Schatten.
`Ach Yara…´, seufzte Cari innerlich und trank von ihrem Tee. Es tat ihr in der Seele weh, wenn sie ihre Freundin so betrübt sah. Und sie verfluchte die Götter, dass sie sich erst vor sechs Jahren kennen gelernt hatte. Wäre sie damals schon mit Yara befreundet gewesen, hätte sie diesen Usir in Stücke gerissen.
`Kein Mantikor der Welt hätte mich stoppen können´, grollte Cari in Gedanken. Mantikore, stattliche Männer mit den Tatzen, dem Fell, dem Schweif, der Mähne und dem Gebiss eines Löwen, waren furchteinflößende Gestalten. Gemeinhin als gelassen, hilfsbereit und loyal bekannt, tanzte Usir vollkommen aus der Reihe – zu Yaras Leidwesen.
„Cari, dein Gesicht verändert sich schon“, bemerkte Yara und musterte ihre Freundin aus dem Augenwinkel. Vorsichtig betastete Cari ihre Wangen und verdrehte die Augen. Harpyien hatten die unschöne Angewohnheit, zu hässlichen Dämonen zu mutieren wenn sie in Rage gerieten.
Einige tiefe Atemzüge später, war Caris Haut wieder glatt und nichts erinnerte an die dornige Fratze, die durchgebrochen war. „Tut mir leid Yara. Du kennst meine Meinung.“ „M-hm…“, murmelte Yara und lächelte sanft. Unvermittelt begann Cari zu grinsen. „Noch ein Grund, warum ich dir das Amulett geschenkt habe. Es schützt dich vor negativen Energien.“
Yara lachte und selbst in ihren eigenen Ohren hörte es sich rostig an. „Cari, hat man dir in deiner Ausbildung nicht beigebracht, das sich Energien nicht kontrollieren lassen? Man kann sie nicht anfassen…“, sagte Yara und wackelte mit ihren Fingern. Cari machte eine wegwerfende Handbewegung. „Natürlich, aber du weißt was ich meine.“ „Ja. Und ja, ich weiß: Man muss nur fest genug an etwas glauben, dann funktioniert es auch.“
„Braves Mädchen“, gurrte Cari und warf Yara eine Kusshand zu. „Du bist albern…“ Dennoch hatte Cari ihr Ziel erreicht und ihre Freundin, Seelenverwandte, Geschäftspartnerin und Familienersatz lachte. `Du bist die Beste´, bedankte sich Yara still und trank ihren Tee. Hätte sie die fröhliche Harpyie nicht, würde sie wohl nie lachen.
Noch viele Stunden redeten die beiden Frauen miteinander. Der Mond stand im Zenit und das Feuer war heruntergebrannt, als sie sich beide in ihre Kammern zurückzogen.
Yara seufzte wohlig, als sie sich in ihrem Bett ausstreckte. Sie kuschelte sich in ihre Daunenkissen und wickelte die Decke um sich. Ehe ihr die Augen zufielen, betrachtete sie nochmals das Amulett. Der rote Stein schien Wärme und ein leichtes Pulsieren auszustrahlen. `Das kommt nur davon, das ich ihn auf der Haut getragen habe´, sinnierte Yara und strich über den Riss. `Vielleicht finde ich eine Möglichkeit, dich zu reparieren.´
Yara war zwar nicht auf die Reparatur von Gegenständen spezialisiert, doch die entsprechenden Bücher befanden sich im Laden. Gähnend schob sie das Schmuckstück zurück unter ihr Nachthemd und drehte sich auf die Seite. Es dauerte nicht lange, ehe sie friedlich eingeschlafen war.

Konzentriert blickte Yara auf die vor ihr ausgebreitete Landkarte. Sie zeigte ihr Heimatland Erian. Im Norden von hohen Bergen umgeben, schmiegte es sich im Südosten an das blaue Meer. Viele kleine und größere Punke markierten die Städte und Siedlungen.
Scheinbar unbewusst ließ sie die Glieder einer Perlenkette durch ihre Finger gleiten. Gleichzeitig strich sie mit der anderen Hand über die detaillierte Karte. Den bohrenden Blick des Menschen vor sich bemerkte sie nicht mehr.
`Wo steckst du...´, murmelte sie in Gedanken und atmete tief durch. Nicht lange, und die Kette schien mit Yaras Hand zu verschmelzen. Wie weiche Knetmasse vermischten sich Fleisch und Perlen und wurden für das Auge zu einer untrennbaren Einheit.
Bilder zuckten durch Yaras Gedanken, Emotionen und Gesprächsfetzen. Zielsicher blieb ihr Finger auf einem Punkt auf der Landkarte liegen. Behutsam trennte sie ihre Hand wieder von der Kette und atmete nochmals tief durch.
Als sich ihr Blick geklärt hatte, sagte sie zu dem Mann: „Eure Frau befindet sich bei ihren Großeltern, einige Tagesreisen von hier entfernt.“ Mit gerunzelter Stirn betrachtete der Mann die Karte.
„Seid Ihr sicher?“ „Ja“, erwiderte Yara eindringlich und schob ihm das Schmuckstück wieder zu. `Menschen... Erbitten unsere Dienste und wollen uns dann nicht glauben´, schimpfte Yara stumm und wartete, bis der Mann den Ortsnamen aufgeschrieben hatte.
Nachdem er gezahlt und sich bedankt hatte, verließ er schnellen Schrittes den Laden. Sobald sich die Tür wieder geschlossen hatte, seufzte Yara resigniert. Nach einem kurzen Blick auf die Wanduhr drehte sie das Ladenschild auf „geschlossen“ und verriegelte die Tür.
„Cari, ist das Essen schon fertig?“, rief sie laut und ging ins Hinterzimmer. „Ja, komm hoch...“, ertönte es dumpf von oben. Es war kurz nach Mittag und Yaras Magen schrie nach Nahrung. Den Vormittag über waren viele Kunden in den Laden gekommen und hatten ihre Dienste als Venefi angeboten.
Venefi, so wurden die Zauberer und Zauberinnen genannt. Nur Wesen mit etwas magischem in ihrem Blut konnten diese Kunst ausüben. Mithilfe der Hände und der Gedanken konnten sie – je nach Ausprägung ihrer Fähigkeiten – Dinge manipulieren.
Yara schüttelte sich bei dem Gedanken. Es war nicht immer ein angenehmes Gefühl, die Hände mit etwas verschmelzen zu lassen. Und es war anstrengend, die Vereinigung wieder rückgängig zu machen.
`Aber dauerhaft mit einer Perlenkette in der Hand....´, dachte Yara und lächelte vor sich hin. Ein verführerischer Duft stieg ihr in die Nase, als sie das Obergeschoss erreichte und auf die Küche zuging. „Können wir es nicht immer so machen, dass du kochst?“, fragte Yara, als sie sich an den kleinen Esstisch in der gemütlichen Küche setzte.
Cari schüttelte grinsend den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Wir haben ausgemacht, dass wir uns abwechseln und dabei bleibt es auch.“ „Aber du kannst das so viel besser als ich“, maulte Yara. Beim Anblick des dampfenden Gemüses und Fleischs lief ihr das Wasser im Mund zusammen.
„Blödsinn, du hast nur keine Lust dazu. Kochen kannst du mindestens genauso gut wie ich.“ Cari zwinkerte ihrer Freundin zu und setzte sich ihr gegenüber. „Ich bin doch nur der Meinung, dass es mit Zauberei schneller geht.“ „Vielleicht, aber schmecken tut es wie in einem Schuh gekocht“, erwiderte Cari und füllte Yaras Teller.
Beide beließen es dabei, wünschten sich einen guten Appetit und begannen zu essen. Es dauerte nicht lange, da ließ Yara die Gabel sinken und fragte: „Sag mal Cari, wo steckt eigentlich das Buch über einfache Reparaturen?“ „Hm...“, machte Cari und kaute schnell leer.
„Eigentlich müsste es bei den anderen Zauberbüchern im Laden stehen. Hinterm Tresen auf der linken Seite, drittes Regal von oben.“ Yara grinste. „Du hast ein Gedächtnis wie ein Elefant.“ „Danke – solange du nicht sagt, dass ich wie einer aussehe...“, gluckste die Harpyie und trank einen Schluck Wasser.
„Naja, aber wahrscheinlich würdest du sonst nichts mehr finden zwischen dem ganzen Plunder, den du dauernd anschleppst.“ Cari hob eine Augenbraue. „Sei still, Lady Ich-will-mich-nicht-binden-weil-ich-ein-Angsthase-bin.“
Kapitulierend hob Yara die Hände. „Schon gut, habe nichts gesagt.“ „So ist’s recht. Was willst du denn reparieren?“ Interessiert beobachtete Cari, wie Yara das Amulett aus ihrem Ausschnitt zog. „Ich will sehen, ob ich den Stein zusammenflicken kann.“ „Na dann, viel Glück. Du kriegst das sicher hin“, ermutigte Cari ihre Freundin füllte nochmals ihren Teller.

„Ich werde wahnsinnig!“, grollte Yara und ließ ihr Gesicht auf die Hände fallen. Es war mittlerweile Abend geworden, die Sonne färbte den Himmel golden und rot. Den gesamten Nachmittag hatte Yara mit dem Buch und der Kette verbracht, war aber nicht weiter gekommen.
Laut scharrten die Stuhlbeine über die Dielen, als Yara aufstand und zum Kamin ging. Sie hatte sich ins Wohnzimmer zurückgezogen, in dem auch ein ausladender Schreibtisch stand. Darauf häuften sich jetzt Notizen, diverse Bücher und Schriftrollen.
„Das kann doch nicht so schwer sein...“, murmelte Yara vor sich in und kochte sich vor die aufgeschichteten Holzscheite. `Wenigstens das kann ich im Schlaf´, dachte sie und legte eine Hand auf das Holz. Ruhig atmete sie ein und aus. Augenblicklich begannen ihre Blutgefäße goldgelb zu leuchten und zu glühen. Yara fühlte die Hitze, die aus ihrem Inneren aufstieg und sich ihren Weg durch dieses glühende Netz bahnte.
Nicht lange, da fing das Holz an zu qualmen, zu glimmen und schließlich loderte eine kleine Flamme auf. Zufrieden mit sich ließ Yara ihre Haut wieder normale Farbe annehmen und richtete sich auf.
„Beeindruckend...“ „Wer hat das gesagt?“ Erschrocken fuhr Yara herum. Doch außer ihr befand sich niemand im Zimmer. Cari hatte sich vor einer halben Stunde verabschiedet – sie wollte noch kurz Hakki besuchen. Dieser betrieb einen Kräuterladen auf der anderen Straßenseite und war ein langjähriger Freund der beiden.
Wer also hatte da gerade gesprochen? `Ich werde wohl langsam wahnsinnig...´ Seufzend legte sich Yara eine Hand an die Stirn und schloss die Augen. Ihr Rücken tat weh und die Augen schmerzten. Mit schweren Gliedern nahm sie die Kette vom Schreibtisch und ließ sich in den Sessel vorm Feuer fallen.
Die lodernden Flammen erzeugten bizarre Schatten und Lichtreflexe in dem blutroten Stein und ließen ihn beinah lebendig aussehen. Unvermittelt erinnerte sich Yara an ihren Lehrmeister und die Wort, die sie während ihrer Ausbildung annähernd jeden Tag gehört hatte:
„Erstens – Was man nicht anfassen kann, kann man nicht manipulieren. Zweitens – Zeit ist nicht kontrollier- oder veränderbar. Drittens – Den Geist eines anderen kann man nicht beherrschen. Viertens – Man kann nur heilen, wenn der Patient einverstanden ist. Fünftens – Man kann etwas bereits Verändertes nur manipulieren, wenn man stärker ist als der vorige Venefi. Sechstens – Den eigenen Körper kann man nur soweit verändern, wie er es zulässt. Siebtens – Wenn man etwas reparieren will, muss man etwas von sich geben.“
Yara seufzte. Sie kannte die Regeln der Magie auswendig, notfalls sogar im Schlaf. Und sie hatte etwas von sich gegeben, als sie versucht hatte den Stein zu flicken. Je nach schwere der Zerstörung musste man eine entsprechende Gegenleistung bringen.
Das Buch hatte besagt, dass ein einzelnes Haar genügt. Aber es hatte nicht geklappt. Yara hätte sich wohl ein ganzes Büschel ausreißen können und sie wäre trotzdem nicht zum Ziel gelangt.
„Widerspenstiges Ding du. Warum willst du dich nicht wiederherstellen lassen?“ „Mit wem redest du denn?“, fragte Cari, die im Türrahmen stand. Yara zuckte zusammen, sie hatte ihre Freundin gar nicht kommen hören. „Mit diesem Ding“, erwiderte sie und ließ das Amulett pendeln.
„Und, antwortet es?“ Verschmitzt grinste Cari, legte ihre Tasche bei Seite und setzte sich neben Yara. Diese rollte mit den Augen. „Nein, natürlich nicht.“ Mit niedergeschlagenem Gesicht fügte sie hinzu: „Ich glaube ich bin zu blöd für so einen popeligen Zauber.“ „Wieso?“, fragte Cari und lauschte Yaras bisherigen Bemühungen.
Nachdenklich schwieg die Vogelfrau und glättete gedankenversunken ihre Federn. Yara war immer fasziniert davon, wie ihre Freundin mit den eigentlich störenden Flügeln zu Recht kam.
Von den Schultern bis zu den Handgelenken waren Caris Arme bedeckt mit goldbraunen Federn. Die langen Schwungfedern reichten ihr beinah bis zur Hüfte. So ausgestattet, konnten sie bei gutem Wind über längere Distanzen hinweg gleiten.
„Hast du’s schon mit was stärkerem versucht?“, fragte Cari und riss Yara wieder in die Gegenwart zurück. „Hm?“ „Na, bei einem normalen Stein reicht ein Haar vielleicht aus. Aber das ist schließlich ein Schutzamulett.“ Nachdenklich drehte Yara das Juwel hin und her.
„Könnte sein. Was meinst du sollte ich nehmen?“ Cari zuckte mit den Schultern und meinte: „Blut. Was Stärkeres gibt’s nicht. Wenn es damit nicht funktioniert, dann mit nichts.“
Yara nickte und holte einen Brieföffner vom Schreibtisch. „Was? Hauptsache spitz...“, verteidigte Yara ihre Wahl, als sie Caris skeptischen Blick bemerkte. „Der Meister würde sich im Grab umdrehen, wenn er schon tot wäre.“ Yara machte eine wegwerfende Handbewegung und setzte sich wieder.
„Das zerstört die ganze mythische Illusion.“ „Unsinn...“, sagte Yara und stach sich in den Zeigefinger. Schnell legte sie den Öffner beiseite und saugte an der Wunde. Als genug Blut floss, atmete sie tief durch und legte den Finger auf den Stein.
`Schließe dich....´, beschwor sie den Riss in Gedanken. Dank ihrer Magie versenkte sich ihr blutender Finger in dem roten Stein. Von Yaras Hand breitete sich ein Kribbeln aus, das bald ihren Arm hinauf und in ihre Brust gelangte. Sie runzelte verwirrt die Stirn – das war ihr noch nie passiert.
Langsam zog sie ihren Finger wieder aus dem Juwel. Die Oberfläche glättete sich und der Sprung schloss sich wie eine Wunde. Yara lächelte zufrieden und sagte: „Siehst du, es funkt-“ Doch ehe sie den Satz beenden konnte, fing sich das Amulett in ihrer Hand an zuregen.
Als wäre es lebendig begann es zu zittern und zu pulsieren. „Yara, was geht hier vor?“, fragte Cari und starrte gebannt auf die Kette. „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht... Aua!“ So schnell sie konnte ließ Yara das Amulett fallen. Das Metall um den Stein hatte sich blitzartig erhitzt und ihre Handfläche verbrannt.
„Oh verdammt!“, keuchte Cari und sprang auf. Das glühende Ding fing an ein Loch in den Holzboden zu brennen. Cari hatte gerade die Tür erreicht, als ein ohrenbetäubender Knall die Luft zerriss.
Während ihre Freundin sich fassungslos am Türrahmen festkralle, starrte Yara wie hypnotisiert auf die blassrote Wolke, die von dem Schmuckstück übrig geblieben war. Wie von Geisterhand formte sich aus dem Nebel langsam ein Körper.
„Oh Mann...“, hauchte Yara, als sie erkennen konnte, zu was sich die Teilchen zusammensetzten: Vor ihr nahm ein Mann Gestalt an, annährend zwei Meter groß. Immer mehr Details wurden sichtbar, die Konturen klarer.
Als sie das nächste Mal blinzelte, erkannte sie einen Drachen, mit eisblauen Augen, die sie förmlich durchbohrten. Seine schwarzen Haare lagen wirr auf den Schultern und die nachtblauen Schuppen auf seinem Körper schimmerten im Feuerschein. Und er war nackt.
Yara war überrascht, dass sie dieser Aspekt mehr verwunderte als die Tatsache, dass er sich aus einer Kette und einem Stein geformt hatte. Sie zuckte zusammen, als der Fremde sich wie ein Hund schüttelte, die Halswirbel knacken ließ und tief durchatmete.
„Danke, das du mich befreit hast“, sagte er mit tiefer Stimme, die die Luft vibrieren ließ. Yara gab sich innerlich einen Tritt, um endlich wieder zur Besinnung zu kommen. „Gern geschehen“, sagte sie, stand auf und ging auf den Mann zu. Kurz vor ihm blieb sie stehen. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können.
„Cari, holst du was zum Anziehen für unseren Gast?“, fragte sie ihre Freundin, ohne den Blick abzuwenden. Lediglich das Rascheln der Federn verriet ihr, das Cari aus dem Raum geeilt war.
Schnell legte Yara eine Hand auf die muskulöse Brust. „Ich fordere dein Herz für meins. Ich gebe meinen Odem für deinen. Wird der Bann gebrochen, soll dich Finsternis ereilen.“ Yara sah, dass sich die Augen des Fremden bei den rituellen Worten weiteten. Yara hatte in die Sprache der Drachen gewechselt, die sich anhörte wie eine tiefe und eine hohe Stimme übereinander.
„So soll es sein“, antwortete er ihr und Yara meinte, seine Stimmen in ihrem Magen zu fühlen. Den Schwur, den sie gerade einander geleistet hatten, war so alt wie ihre Rasse selbst. Damit verpflichtete sich Yara, dem Mann eine Unterkunft zu geben und er versprach im Gegenzug, ihr und ihren Gefährten kein Leid zuzufügen.
Yara atmete tief ein und aus, um ihr hämmerndes Herz zu beruhigen und nahm ihre Hand wieder fort. „Jetzt, da das geklärt ist: Wie heißt du?“, fragte sie und meinte ein Lächeln um die Mundwinkel des Mannes zu sehen. „Man nennt mich Arik. Und ihr, kleine Drachenfrau?“ „Yara, mein Name ist Yara.“
Geflissentlich übersah sie die Anspielung auf ihre geringere Körpergröße. `Soll er Cari damit nerven, die kratz ihm die Augen dafür aus´, beruhigte sie sich. Wie auf ein Stichwort hin, trat Cari mit einem kleinen Bündel in den Raum.
Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen, als sie dem Unbekannten – nein, Arik – die Kleider entgegenhielt. „Das ist Cari, sie teilt mit mir das Haus“, sagte Yara und betonte jedes Wort.
„Danke, Cari“, sagte Arik an die kleine Harpyie gewandt und lächelte. Seine weißen Zähne stachen durch seine goldbraune Haut regelrecht hervor.
Diskret drehte sich Yara um, als Arik begann sich die Hose und das Hemd überzuziehen. Sie fühlte Caris Blick und ging zu ihr, um sie unauffällig an der Hand zu berühren.
`Yara, wer oder was ist das?´ Deutlich hörte Yara die Stimme ihrer Freundin in ihrem Kopf. `Keine Ahnung, aber er wird uns nichts tun. Ich habe ihm einen Schwur abgenommen´, antwortete sie stumm. `Hoffentlich reicht das....´, erwiderte Cari und löste ihre Verbindung.
Yara lächelte ihr aufmunternd zu, ehe sie sich wieder umdrehte. Schnell biss sie sich auf die Innenseite der Wange, um nicht laut zu lachen. Die geliehenen Kleider waren dem Drachen viel zu klein. An allen Ecken und Enden spannte der Stoff.
„Wenn du lachst überlege ich mir das mit meinem Versprechen noch mal“, brummte er und seine blauen Augen glitzerten eisig. Yara nickte, weil sie ihrer Stimme nicht traute. Ariks Gesichtsausdruck veränderte sich, als sein Blick zum Fenster fiel.
Fassungslosigkeit breitete sich auf seinen Zügen aus, als er darauf zuging, es öffnete und sich hinauslehnte. Yara und Cari sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Es dauerte einige Augenblicke, ehe Arik sich umdrehte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, selbst die Schuppen an seinem Hals schienen blasser.
„Wir sind in der Hauptstadt, nicht wahr?“, fragte Arik leise und starrte ins Nichts. „Ja, wir befinden uns in Iamdiu.“ Yara wechselte einen besorgten Blick mit Cari. „Was für ein Datum ist heute?“ „Die erste Woche des Sommers“, antwortete Yara.
„Und welches Jahr?“ „Das vierhundertsiebenundvierzigste Herrschaftsjahr von Astru.“ „Verflucht...“, zischte Arik und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Yara schwante Übles, als sie vorsichtig fragte: „Welches Jahr sollte es denn sein?“ Arik rieb sich die Nasenwurzel, als hätte er Kopfschmerzen. „Eigentlich einhundert Jahre früher.“

Yara massierte sich mit kreisenden Bewegungen die Schläfen. Sie hatte hämmernde Kopfschmerzen und ihr war leicht schwindlig. Erst jetzt drangen die Ereignisse und Details in ihr Bewusstsein ein.
`Vor mir sitzt ein Drache, der über hundert Jahre einer Kette eingesperrt war´, dachte sie ungläubig, wohl schon zum zwanzigsten Mal. `Und ich habe ihm Obdach gewährt.´ Zusammen mit Cari und Arik saß sie in der Küche.
„Warum wurdest du in das Amulett eingeschlossen?“, fragte Yara, als sie sich endlich für eine Frage hatte entscheiden können. Arik schluckte den Bissen runter, den er gekaut hatte.
Nachdem er sich von dem Schock erholt hatte, war Cari mit ihm in die Küche gegangen und hatte ihm die Reste des Mittagessens vorgesetzt. „Mit vollem Magen erträgt man alles leichter“, hatte sie gesagt und ihm einen guten Appetit gewünscht.
„Das letzte, an das ich mich erinnere, war das Gesicht meines Lehrmeisters. Er berührte mich und dann wurde es dunkel um mich. Bis du mich wieder befreit hast.“ Seine Augen richteten sich auf Yara, während er weiter aß.
Diese runzelte verwirrt die Stirn. „Wer war dein Lehrmeister?“ „Sein Name ist... oder besser war Preaco. Wunder dich nicht, er war eine Chimäre.“ „Aha...“, sagte Yara und nickte. So ergab es einen Sinn – denn nur ein sehr mächtiger Venefi konnte Materie so grundlegend verändern.
Yara selbst hatte noch nie eine Chimäre zu Gesicht bekommen. Diese magischen Wesen waren sehr selten, wenn auch langlebig. Sie waren scheu und galten als wenig gesellig. Dennoch verfügten sie über das größte magische Potenzial in dieser Welt.
„Und warum hat er dich verwandelt?“, mischte sich Cari ein und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Yara konnte das Misstrauen ihrer Freundin fühlen. Sie selbst machte sich keine Sorgen – etwas Schlimmeres als anlügen konnte er sie nicht. Ansonsten würde der gebrochene Schwur ihn bestrafen.
„Naja...“, murmelte Arik und ließ das Besteck sinken. „Es ist kompliziert.“ „Ja?“, hakte Cari nach und beugte sich interessiert vor. „Eigentlich sollte es nur vorübergehend sein. Doch anscheinend ging etwas schief und ich ging... verloren.“
Cari und Yara sahen sich an, dann wieder Arik. „Schaut nicht so. Ich bin nicht verrückt.“ „Das behaupten wir auch nicht. Aber du musst zugeben, dass es sehr seltsam anhört“, sagte Cari und lächelte entwaffnend.
„Was ich immer noch nicht verstehe: Warum konnte ich den Zauber eines so mächtigen Venefi brechen?“ Yara drehte eine Strähne zwischen den Fingern. „Das liegt an deinem Blut. Oder an meinen, je nach dem. Ich bin wie du ein Drache, da wiegt selbst der Bann einer Chimäre weniger“, antwortete Arik und grinste Yara an.
„Meine Güte...“, hauchte Cari und sah Yara an. „Das du so was kannst, war mir gar nicht bewusst.“ „Tu nicht so, wenn ich es willentlich versucht hätte, wäre es wohl misslungen. Das war reiner Zufall.“
„Ja, aber für mich der glücklichste Zufall“, warf Arik ein und schob sich den letzten Bissen in den Mund. „In ewiger Dunkelheit eingesperrt, lediglich hören zu können war nicht sehr angenehm.“
„Wie, du konntest hören?“, fragte Yara und ihr entglitt die Haarsträhne. Arik grinste anzüglich. „Keine Sorge Kleines, deine Geheimnisse sind bei mir sicher.“ „Ich bin nicht klein! Sie vielleicht...“, brauste Yara auf und deutete auf Cari.
„He, warum beleidigst du mich? Der hat dich doch so genannt.“ Caris braune Augen funkelten angriffslustig. „Aber es ist doch so. Wenn ich klein bin, dann bist du ja ein Winzling.“ „Halt den Rand, du laufende Fackel“, konterte Cari. Am Rand ihres Gesichts sah man schon die Dornen aus der Haut sprießen.
„Ein gebildetes Huhn.“ „Schuppiges Monster.“ Ehe Yara ein weiteres Mal den Mund öffnen konnte, legte sich Ariks Hand darauf. „Aber aber, meine Damen. Bitte nicht wegen mir streiten.“
„Bilde dir nur nichts drauf ein...“, nuschelte Yara, ehe sie seine Finger zur Seite schob. „Wenn du jetzt fertig mit deinem Essen bist, zeige ich dir das Gästezimmer“, sagte die Drachenfrau und erhob sich. Arik folgte stumm ihrem Beispiel. Während die beiden aus der Küche gingen, begann Cari das Chaos zu beseitigen.
„Hier, klein aber es muss reichen.“ Yara öffnete eine schmale Tür am Ende des Korridors, gleich neben ihrem Zimmer. Ein Bett, eine kleine Kommode und ein Waschtisch füllten die kleine Kammer. „Nett…“, murmelte Arik und trat ein. „Bettzeug findest du in der untersten Schublade.“
Yara zuckte überrascht zusammen, als Ariks breite Schulter ihre streifte. `Er riecht nach mir…´, stellte Yara überrascht fest und zog prüfend die Luft ein. „Was, stinke ich?“, fragte Arik verwundert, als er ihr seltsames Verhalten bemerkte. „Nein, aber… Du riechst nach meinem Parfüm.“
Ein hinterlistiges Lächeln stahl sich auf Ariks Gesicht und verzog seine Lippen. „Es ist nicht ungewöhnlich für einen Mann, zu riechen wie die Frau, mit der er die Nacht verbracht hat.“ „Bitte?!“, japste Yara und starrte ihn unverhohlen an. „Nana, das bleibt.“ Vorsichtig schloss Arik Yaras Mund, den sie ohne es zu wissen offen stehen hatte.
„Schon vergessen, ich war das Amulett.“ „Oh…“ Verlegen wandte Yara den Blick ab. Wie schaffte es dieser Mann nur, nicht wie ein Mädchen zu wirken, wenn er nach Margariten roch? Schnell riss sich Yara von diesen Überlegungen los und sah Arik eindringlich an. „Mach keinen Blödsinn…“ Arik lächelte und griff nach der Tür. Ehe er diese schloss, raunte er: „Ich mache nie Blödsinn. Alles was ich tue, hat einen Grund.“

Ruckartig zog Yara ihre Hand aus der Matratze. Mit einem Anflug von Panik betastete sie ihre Finger und ihren Unterarm. `Den Göttern sei Dank...´, seufzte sie innerlich, als sie keine Veränderungen feststellte.
Matt sank sie mit dem Kopf auf das Kissen zurück. Hin und wieder passierte es Venefi, dass sie unabsichtlich ihre Magie einsetzten. Yara hatte schon genug gruselige Geschichten gehört, in denen unglückliche Magier dauerhaft mit Gegenständen verbunden waren.
Als sich ihr Herzschlag wieder beruhigt hatte, warf sie die Bettdecke zurück und stand auf. Am Himmel zeigte sich der erste Rosaschimmer der Morgendämmerung, als Yara die Fenster öffnete. Die kühle Morgenluft belebte ihre Geister und sie genoss die Ruhe. Nur wenige Stunden später wurde der Lärm der Stadt sie wieder dazu zwingen, die Fenster zu schließen.
Yara schlüpfte gerade in ein schlichtes Kleid, als ihr die Ereignisse des Vorabends wieder einfielen. „Meine Güte, wie konnte ich den nur vergessen?“, murmelte sie vor sich hin und lachte freudlos.
Was sollte sie nur mit diesem Fremden tun? Wenn es wirklich stimmte, dass er vor über Hundert Jahren gebannt worden war, gab es keine Möglichkeit jemanden zu finden, der ihn noch kannte. Es gab zwar langlebige Rassen unter den magischen Wesen, doch diese Zeitspanne überstieg das Mögliche.
`Ich kann ihn auch nicht einfach auf die Straße setzten.´ Gedankenverloren starrte Yara in den Spiegel an der Wand. `Vielleicht hat er uns auch angelogen und wurde zur Strafe in einen Gegenstand verwandelt.´
„Und wenn schon...“, beantwortete sie ihre eigene Frage. So leise es ging öffnete sie ihre Zimmertür und schlich zur Treppe. Cari war eine überzeugte Langschläferin. Yara bereitete es immer eine diebische Freude, ihre Mitbewohnerin früh aus den Federn zu werfen.
`Aber nicht heute. Ich habe Wichtigeres vor´, mahnte sich Yara und griff nach ihrem Umhang. Durch die schmale Hintertür des Ladens trat sie in eine verwinkelte Gasse, die parallel zur Hauptstraße verlief.
Ihr Ziel war die Bibliothek im Viertel, ein riesiges Reservoir von Büchern über Magie, Tränke und Verwünschungen. Vor allem wegen letzterem zog es Yara an diesem Morgen dort hin. Es war ihr Glück, dass die Räumlichkeiten Tag und Nacht geöffnet waren. Viele Venefi waren immer noch der Meinung, dass es nachts einfacher ging Magie zu wirken.
`Alles Blödsinn´, dachte Yara, zog ihren Umhang enger um sich und lief los. Sie war kurz vor der ersten Häuserecke, als der Schmerz wie ein Blitzschlag durch ihre Glieder schoss. Keuchend stützte sie sich an einer Hauswand ab, ihr wurde schwarz vor Augen.

Mit einem erstickten Schrei erwachte Arik und presste sich eine Hand auf sein Herz. Hektisch sah er sich in dem fremden Zimmer um. Sein Körper schmerzte, als würde ihn jemand vierteilen.
Nur mit Mühe und Dank jahrelanger Disziplin schob Arik die Pein in den Hintergrund und stand auf. `Wo zum Geier... ?´, ging es ihm durch den Kopf, als er schwankend bei der Tür angelangt war.
Ein Bild schoss durch seine vernebelten Gedanken – eine Frau mit langem schwarzen Haar, giftgrünen Augen und dunkelroten Schuppen auf der Haut. „Die Drachenfrau...“, flüsterte er und trat hinaus auf den Flur.
Er wollte gerade die Treppen hinuntersteigen, als eine Tür aufflog und die kleine Harpyie ihm entgegenstürmte. „Was ist passier?“, fragte sie und starrte ihn vorwurfsvoll an. Arik blinzelte einige Male, um die schwarzen Schleier aus seinem Blickfeld zu vertreiben.
„Ich habe... Schmerzen...“ Selbst in seinen eigenen Ohren hörten sich die Worte leise und zischend an. „Wo genau?“, wollte Cari wissen, als sie sich neben ihn stellte. Gemeinsam gingen sie die Treppen hinunter.
„Eigentlich überall.“ „Das ist schlecht...“ Wenn auch widerwillig ließ sich Arik auf einen Stuhl setzten. Mittlerweile schaffte er es nicht mehr die Schmerzen zu ignorieren. Selbst während seiner harten Ausbildung hatte er nie solche Pein erlebt.
„Bleib sitzen, ich hole einen Heiler.“ Mit flinken Füßen lief Cari zu Hintertür und rannte hinaus auf eine schmale Straße. Arik sah ihr hinterher und fragte sich, wo die andere Hausbewohnerin steckte.

„Huch!“, entfuhr es Cari, als sie keine fünf Meter vom Haus auf Hakki traf. Der erfahrene Pan kniete mit dem Rücken zu ihr am Boden. „Hakki, ich brauche dringend deine Hilfe. Es g-“ Cari blieb der Satz im Hals stecken, als sie sah was oder besser wer vor dem Heiler auf dem Boden lag: Yara.
Weiß wie die Wand sah sie aus wie eine Leiche. Ohne weiter nachzudenken ließ sich Cari auf die Knie fallen und legte eine Hand auf Yaras Hals. „Sie hat noch Puls, was ist also mit ihr los?“, fragte sie Hakki und sah ihn mit großen Augen an. Dieser zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie eben erst gefunden, als sie zusammengesunken an der Hauswand lehnte.“
„Ist sie schlimm verletzt?“ Routiniert strich der Pan über Yaras Gesicht und ihren Rumpf. „Hm... seltsam“, murmelte er und wiederholte die Prozedur. „Was?“ „Es fehlt ihr nichts. Dennoch ist sie aufgrund großer Schmerzen in Ohnmacht gefallen.“
Caris Atem stockte. „Hakki, hilf mir sie ins Haus zu bringen“, wies sie ihn an und legte sich behutsam Yaras linken Arm um die Schultern. Hakki, nicht viel größer als sie selbst, tat es ihr mit Yaras rechtem Arm gleich.
`Ich glaube ich weiß, was hier los ist´, dachte Cari und stieß mit einem Fuß die Hintertür auf, damit sie zusammen mit Hakki und der bewusstlosen Yara eintreten konnten.
Verwirrt blinzelte ihnen Arik entgegen, als sie vor ihm stehen blieben. „Gerade hinsetzten.“ Zögerlich kam Arik Caris harscher Anordnung nach und lehnte sich auf dem Stuhl zurück.
„Was... ?!“, entfuhr es ihm, als Cari und der Pan ihm die leblose Drachenfrau auf den Schoß legten. „Festhalten“, befahl Cari und wartete, bis Arik seine Arme um Yara gelegt hatte.
„Ist es jetzt besser?“ Die Frage kam von dem fremden Pan, der mit Cari das Haus betreten hatte. Arik vermutete, dass das der Heiler war, von dem Cari gesprochen hatte. „Es... tatsächlich. Die Schmerzen sind weg“, stellte Arik erstaunt fest und musterte den anderen Mann.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er. Doch statt dem Pan antwortete die Harpyie: „Es liegt an Yaras Blut, das durch deine Adern fließt. Und wahrscheinlich auch an ihrer Magie.“ Arik schwante Übles. Er wusste genau, auf was Cari hinauswollte.
„Du willst mir jetzt nicht sagen, das ich an sie gebunden bin, oder?“ „Ich fürchte doch“, warf der Heiler ein, hob aber beschwichtigend die Hände, als Arik ihn kalt musterte. „Keine Sorge, das ist nicht dauerhaft. Was auch immer Yara mit Euch angestellt hat, die Wirkung lässt nach.“
„Und wie lange?“ Cari rieb sich über den Nacken und sah fragend zu Hakki. „Vielleicht zwei Wochen. Auf den Tag genau lässt sich das nicht bestimmen.“ „Großartig...“, murrte Arik und sah auf Yara hinunter. Ihr Gesicht hatte wieder Farbe angenommen, doch wach war sie nicht.
`Yara brennt die Stadt nieder, wenn sie das erfährt.´. ging es Cari durch den Kopf. Dies war genau die Situation, die Yara vermeiden wollte: Gebunden an einen Mann. `Wenn’s wenigstens ein normaler wäre und kein möglicher Psychopath, der hundert Jahre als Kette verbracht hat...´

Es war diese Phase des Wachwerdens, in der man sich noch entscheiden konnte: Entweder weiterschlafen oder aufwachen. `Nein, noch ein bisschen´, dachte Yara und kuschelte an ihr Kissen.
Wie ein Kücken im Nest fühlte sie sich, gehüllt in Wärme und Geborgenheit. Doch der Traum zerplatze wie eine Seifenblase, als ihr ein scharfer Geruch in die Nase strömte.
„Hatschi!“, nieste sie und zuckte zusammen. Als sie nochmals nieste, spannten sich zwei Arme um sie. Erschrocken riss sie die Augen auf und sah direkt in Ariks Gesicht. „Ausgeschlafen Frria?“, fragte dieser mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Was hat das zu bedeuten?“ Verwirrt sah Yara an sich herunter. Mit Unbehagen stellte sie fest, dass sie auf Ariks Schoß saß wie ein Kleinkind. `Oder wie eine Geliebte…´, ging es ihr durch die Gedanken. „Du bist ohnmächtig geworden, weißt du das nicht mehr?“ Die Frage kam von einer Person hinter Yara und sie musste den Kopf drehen, um Hakki zu erkennen.
„Ähm… nein“, antwortete sie und rieb sich den Kopf. „Arme kleine Frria. Geht es dir besser?“ Yara kam nicht umhin den spöttischen Tonfall aus Ariks Stimme herauszuhören. Energisch schlug sie ihm auf die Finger und rutschte von seinem Schoß. „Pfoten weg Freundchen.“ „Leider kann ich dir diesen Wunsch nicht erfüllen. Scheinbar verbringen wir noch einige Zeit miteinander“, sagte Arik und seine Augen funkelten, als er sie anlächelte.
„Na endlich, ich dachte schon du wachst gar nicht mehr auf.“ Leichtfüßig kam Cari die Treppe herunter und drückte Yara einen Becher Tee in die Hand. Diese verzog unwillig das Gesicht, als sie die Kräutermischung erkannte. „Igitt, muss das sein?“ „Jammer nicht, trink lieber aus. Ich dachte schon du wärst hinüber“, sprach Cari und ihre braunen Augen spiegelten die Sorge wieder, die sie um Yara gehabt hatte.
„Gut, aber nur wenn du mir erklärst, was der Drachenjunge meinte.“ „Ich darf dich daran erinnern, das ich bereits ausgewachsen bin“, konterte Arik und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Hemd spannte sich bedrohlich und Yara meinte, die ersten Nähte platzen zu hören.
Cari ignorierte den Wortwechsel und lehnte sich an das Treppengeländer. „Dein Blut und ein Teil deiner Magie fließen durch Ariks Adern, weil du ihn damit aus seinem Bann befreit hast. Das bedeutet, dass er genau betrachtet ein Stück von dir ist.“ „Ja, und weiter?“, hakte Yara nach. „Wenn ihr euch zu weit voneinander entfernt – so wie eben – dann äußert sich das in starken Schmerzen, Schwindelanfällen und Bewusstlo-sigkeit.“
Skeptisch hob Yara eine Augenbraue. Sie wusste genau, dass noch etwas fehlte. Hakki räusperte sich und übernahm den unangenehmen Teil. „Es wird einige Zeit dauern, bis dieser Effekt nachlässt. Innerhalb der nächsten zwei Wochen solltet ihr euch nicht zu weit voneinander entfernen.“
Unheimliche Stille breitete sich über den Laden aus. Staubteilchen schwebten in den ersten Sonnenstrahlen, die den Raum erhellten. Man hätte sogar den Zimmerpflanzen beim Wachsen zuhören können.
„Das ist… schlecht.“ Yaras Stimme war leise, doch nicht minder bedrohlich. Ihr Blick richtete sich auf Ariks durchdringend blaue Augen. „Keine Sorge Frria, wir werden viel Spaß zusammen haben.“ Yara schnaubte ungehalten und man sah die Adern an ihrer Hand gelb hervortreten. Einen Augenblick später begann der Tee in ihrem Becher zu brodeln.
Arik hielt weiter den Blickkontakt, als er aufstand und sich dicht vor sie stelle. Ungerührt legte er beide Hände um das glühend heiße Gefäß. Ähnlich wie bei Yara, zeichneten sich auch bei ihm Blutgefäße auf der Haut ab. Doch anstatt goldgelb schimmerten sie bei Arik hellblau. „Hast du aber ein hitziges Gemüt“, murmelte er grinsend und blies einmal auf das kochende Wasser.
Innerhalb von Sekunden erstarb der Dampf und Yara stellte erstaunt fest, das der Tee zu einem Klumpen gefroren war. „Oh, ein Eisdrache. Wie nett…“, sagte sie und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem sarkastischen Lächeln. „Die Freude ist ganz meiner Seits Frria.“
Cari räusperte sich vernehmlich und riss die beiden aus ihrer Zweisamkeit. „Ich will euer Geturtel ja nicht stören, aber was zum Geier bedeutet Frria?“ Ungehalten entwand Yara Arik ihre Hand und ging auf Abstand. „Hm… Das ist schwierig. Es ist ein besonderer Ausdruck in der Sprache unserer Rasse.“ Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe, ehe sie mit den Schultern zuckte. „Es gibt keine genaue Übersetzung dafür. Es bezeichnet einen Gegenstand oder eine Person, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit für den Betreffenden unersetzlich ist.“
„So ist es. Ich bin froh, dass sich das wenigstens in den letzten Jahren nicht verändert hat.“ „Aha…“, sagte Cari grinsend und sah Arik von der Seite an. Dieser bemerkte ihren Blick, schien ihn aber zu ignorieren. Hakki unterdrückte ein Lachen, als er Caris hinterhältigen Blick erhaschte, der zwischen Yara und Arik hin und her wanderte.

> Ende Teil 1 <

(c) Melissa Ratsch 2008